Gamescom – Ein Erfahrungsbericht

Gamescom – Ein Erfahrungsbericht

Die diesjährige Gamescom war lauter, voller und schriller als je zuvor. Wo Entwickler und Publisher früher noch durch die Kreativität ihrer Mitarbeiter überzeugten, scheinen Dezibel das neue Mittel der Wahl zu sein.  Das kann man gut oder schlecht finden, es ist zumindest bedenklich. Doch nicht nur die Branche ist an einem Scheideweg angelangt, auch die Messe muss sich in Zukunft die Frage stellen ob Masse allein langfristig ein Erfolgsrezept ist.

Im August gibt es schönes Wetter, warme Bäder und Seen, frisches Eis. Wieso sich also durch mehr schlecht als recht klimatisierten Messehallen durchquetschen, obwohl alles gezeigte früher oder später im Netz landet? Diese Faszination muss man nicht verstehen, kann man aber. Sie beruht sowohl auf den Menschen in ihr, als auch der Menschen außerhalb dieser. Als Gamer hatte man es schon immer schwer. Man galt als einsam, als potenzieller Amokläufer, als Außenseiter der aus einer Realität flüchtet die man nicht versteht. Klar hat sich dieses Bild gewandelt, seit Computerspiele, seit diese Welt in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist und wohl die Jugendbewegung des 21. Jahrhunderts geworden ist. Trotzdem ist es oftmals noch eine Gemeinschaft, die sich eingesperrt und oftmals unverstanden fühlt. Die Gamescom stellt ähnlich wie die San Diego Comic Con eine Möglichkeit dar, diese Leidenschaft zu leben. Einen Art Mikrokosmos in dem man sich ausleben kann und schiefe Blicke defacto nicht vorhanden sind. Wo Cosplayer nicht etwas verwirrt angesehen, sondern bejubelt werden für ihre oftmals traumhafte Art und Weise Pixel-Charakteren einen Körper zu bieten. Wo Fachgespräche über die Enden gewisser Spiele an jeder Ecke stattfinden. Wo man Freunde trifft die man bisher nur über die eigenen Wow-Gilde oder Teamspeak kannte. Wo E-Sportler wie Fußballprofis gefeiert werden. Man muss das alles nicht verstehen, sollte es aber, denn ansonsten entgeht einem eine Erfahrung die sich so nicht replizieren lässt oder anders entdecken lässt. Den Mikrokosmos Gamescom, braucht die Branche, brauchen die Fans und alleine deshalb muss man Froh sein das es sie gibt. Last but not least ist ein Argument heutzutage gewichtiger denn je. In Zeiten wo Spieledemos einem archäologischen Sensationsfund gleichzusetzen sind, gibt es in Europa keine andere Möglichkeit, kommende Titel vor der Veröffentlichung anzuspielen. Auch wenn nicht alles Gold ist was glänzt.

Wunderschöne Cosplays so weit das Auge reicht

Wunderschöne Cosplays so weit das Auge reicht

So auch dieses Jahr. Denn die diesjährige Messe war vor allem eines, voll. Wo es unter der Woche zumindest noch flüssig voranging, arteten am Wochenende die Hallen oftmals zu Stehkonzerten aus und die Hallen platzen endgültig aus allen Nähten. Was doch verwundert, schließlich hätte die Messe Köln noch Platz anzubieten, war es doch dieses Argument welches damals von Politikern reichlich bedient wurde, als es darum ging die Messe von Leipzig nach Köln zu verlegen. Genutzt wird diese Möglichkeit aber nicht, denn trotz teilweise nicht mehr tragbarer Bedingungen und stetig wachsender Besucherzahlen wächst die Ausstellerfläche nur minimalst, viel zu wenig um die immer größer werdenden Massen verträglich zu verteilen. Dafür bräuchte es wohl zumindest 1 große Halle mehr und ein gutes Management. Im aktuellen Zustand ist jenes nämlich fragwürdig. Es ist mir unerklärlich das man es in Köln seit 3 Jahren nicht adäquat schafft, die großen Player der Branche auf alle Hallen aufzuteilen. Lieber pfercht man Blizzard und Co in 3 Hallen eng zusammen. Hier muss für die Zukunft eine Lösung gefunden werden, um die Situation speziell am Samstag noch irgendwie zu retten. Ein Big Player pro Halle, aufgefüllt mit Indie-Studios würde Staus der Marke Südosttangente wohl recht schnell beenden und den kleinen Studios eine Bühne bieten, die sie verdienen. Bei aller, gerechtfertigten, Kritik muss man jedoch der Messe Köln auch Lob aussprechen. Nämlich für die dieses Jahr ausgezeichnete Lenkung der Massen. Vor 2 Jahren waren die Wege mehr Chaos als Ordnung und Verstopfungen auf den Verbindungswegen waren an der Tagesordnung. Dieses Jahr wurden geschickt Wege verändert und Einbahnsysteme eingeführt, was dazu führte das sich der Menschenverkehr von Halle zu Halle zwar langsam, aber meistens stets flüssig bewegte. Starke Leistung, Respekt!

Verhindern konnten diese Maßnahmen aber eines nicht, lange Schlangen. Denn an den Ständen wurde die eigene Geduld sehr oft massiv auf die Probe gestellt. Schlangen von unter 2 Stunden waren kaum zu finden. Die Kollegen vom Standard brachten dies wunderbar auf den Punkt „Gamesocm Wahnsinn: Acht Stunden anstellen für 19 Minuten spielen“. Das trifft den Nagel auf den Kopf wenn man sich die großen Titel anschaut. Diese Schlangen gab es schon immer, schon letztes Jahr in Köln und auch in abgeschwächter Form in Leipzig. Computer und Platz sind nunmahl begrenzt. War jedoch in den letzten Jahren nicht so störend, solange man offen für neues und ungewöhnliches war. Einfach Halle wechseln und den dutzenden kleinen Indie-Studios einen Besuch abstatten, ganz ohne Schlange und viel persönlicher als bei EA und Co. Dachte ich mir dieses Jahr auch, lässt sich sicher was nettes finden. Denkste. Nichts. Kein Glück. Außer einer Hand voll Indie Entwicklern, mehr unbekannte als bekannte, in Halle 10.1 war meine Suche erfolglos. In Zeiten wo kleine Entwickler wie Bäume sprießen, Early Access Steam beherrscht und Kickstarter so gewaltig ist wie noch nie, doch eine herbe Enttäuschung.

Leider keine Seltenheit. Geduld war dieses Jahr eine Tugend

Leider keine Seltenheit. Geduld war dieses Jahr eine Tugend

Was jetzt die Big-Player der Branche angeht, wurden diese in ihrem Messeauftritt vor allem eines – lauter und, wohl aus Jugenschutzgründen, versteckter. Es ist vielleicht der Zeitgeist, dieser Wunsch der heutigen jungen Generation nach Action, Show, nach einem Event. Vielleicht ist es auch aber einfach Ideenlosigkeit der Aussteller, die sie zu diesem Wahnsinn treibt. Klar Gaming war schon immer Laut und Messen haben diesen Charakter per se intus. Aber was dieses Jahr von so manchen Entwickler oder Publisher abgezogen wurde, grenzt beinahe an Vergewaltigung meiner Nerven und Gehörgänge. Man möchte mir entgegenhalten, ich dürfe das alles nicht so eng sehen, bei Konzerten beschwere ich mich doch auch nicht über hohe Dezibelpegel. Könnte man argumentieren, wäre aber leicht dumm. Denn ich würde Schreikonzerte für XXL-Gratis T-Shirts ja gerne ignorieren, wären sie nicht so außerordentlich peinlich, stumpf und eben nervig. Was zu Problemen führen kann wenn man schon etwas schlecht hört und sich im Kubus nebenan gerne die Fallout 4 Präsentation ansehen möchte. Oder zu Problemen führt wenn man an einer derartig billigen „Werbeaktion“ vorbeigehen möchte, aber nicht kann weil die Traube der 15 Jährigen rund um den Stand die Gänge blockiert. Ich sag es einfach so direkt, wer nur durch Lautstärke und Gratis Goodies auf sein Spiel aufmerksam machen kann, der hat anscheinend ein schlechtes Produkt. Entwickler wie Bethesda oder Guerilla Games zeigen vor wie man stilvoll Werbung betreibt. Schlicht, in angenehmer Lautstärke und einfach sein Produkt in der Präsentation für sich sprechen lassen. Ich kann nur hoffen, dass genau diese Art von Präsentation die lauten Stände wieder verdrängt. Ansonsten muss ich gestehen, werde ich wohl zu Alt für den Scheiß.

Stylisches Standdesign können die Aussteller, muss man ihnen lassen.

Stylisches Standdesign können die Aussteller, muss man ihnen lassen.

So aber jetzt genug gejammert, schließlich ist das Motto der Gamescom „Celebrate the Games“. In dieser Hinsicht gab es einiges zu bestaunen und zu spielen. Mein Highlight? Ganz einfach. Fallout 4 hat die Bude gerockt. Alleine schon für die Entscheidung von Bethesda die Präsentation im „Vault-Kino“ den Massen vorzuführen, anstatt Rechner aufzubauen war goldrichtig. Erstens ermöglichte dies jedem der wollte -also jedem klardenkenden Menschen? – 15 Minuten exklusives Material zu begutachten. Zu sehen gab es vor allem Kämpfe, Kämpfe und achja, Kämpfe. Die waren Fallout Typisch actionreich, blutig und Körperteile entfernend. Typisch Bethesda, typisch Fallout, typisch gut. Ach und zum ersten Mal haben wir auch das neue Interface gesehen, Weltpremiere sozusagen. Das ist aufgeräumt schlicht und damit perfekt. Aber spätestens jetzt ist eines klar, Fallout 4 stellt keine Revolution dar, sondern nur eine minimale Evolution. Und mal Hand aufs Herz, will irgendwer etwas anderes? Revolution bei Fallout ist überbewertet, vollkommen überbewertet! Etwas für Bartlose und ewige Nörgler. Wenn wir schon bei Weltpremieren sind, die gab es in Köln auch, und allerhand neue Infos zum E3-Line UP. hier mal ein kleiner Auszug

  • Mafia 3 wurde offiziell angekündigt
  • World of Warcraft bekommt ein neues Addon
    Das bringt eine neue Heldenklasse mit dem Dämonenjäger, einen neuen Kontinent, Artefakt Waffen und das Level Cap steigt auf 110. Ist die frage ob das den Verfall des MMORPG-Platzhirsches aufhält, die Abonnenten sind auf 5,6 Millionen eingebrochen, oder ob dies nur ein weiteres Puzzleteil im Untergang von Azeroth darstellt. So langsam muss sich Blizzard aber endgültig Gedanken über einen echten Nachfolger machen, also wo bleibt Titan?
  • Anno 2025 mit Echtzeit Schlachten
    Neben Echtzeit Schlachten, die meinem ersten Eindruck nach sehr banal ausfallen werden, wurde auch die Arktis als neues Gebiet enthüllt. Funktioniert eigentlich gleich wie der Mond oder der Orient aus 1404, sieht aber echt spannend aus und dürfte Abwechslung in den Baualtag bringen.
  • Dark Souls 3 wird wieder Hardcore
    Das nächste Souls Spiel wird wohl wieder langsamer als Bloodborne und orientiert sich am ersten Teil der Serie. Das könnte ein richtiger Brocken werden, im Auge behalten!

Mein Geheimtipp jedoch war ganz klar Dreadnought vom deutschen Entwickler Yager. Fünf gegen Fünf Weltraumschlachten mit sehr viel taktischem Anspruch, dank unterschiedlicher Klassen mit individuellen Stärken, Schwächen und Rollen im Team. Vor Ort beim Entwickler durften wir gleich mal ran an die Geschütze und das bereitete bereits mit 9 Fremden eine Menge Laune. Wer Taktik und Teamplay nicht scheut, darf sich gerne ein kuscheliges Zimmer an Bord einrichten, wird ein Burner das Ding!

Und ja das war es dann eigentlich schon wieder, klar diese Liste könnte noch viel, viel länger sein, aber irgendwann muss man Schluss machen. Alles in allem war es bei allen Problemen doch eine schöne Messe, hat mir gefallen und nächstes Jahr dann hoffentlich mit Presseticket.

 

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geschrieben von

Musikliebhaber, Festivalreisender, Konzertsüchtig, Vinylnerd, Photograph, Konzertveranstalter, Linz-Liebhaber

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