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Die neuen Juden

Die neuen Juden

Über den Strategiewandel der Europäischen Rechten.

„Was unseren Vätern war der Jud ist uns die Moslembrut.“ 2009 brachte eine Schmiererei an den Gemäuern des Konzentrationslagers Mauthausen eine beängstigende Tatasache auf den Punkt: die neue Rechte hat ihren neuen Sündenbock gefunden. Von den Schwedendemokraten, über den Belgischen Vlaams Belang, bis zur FPÖ und dem Französischen Front National scheint man – trotz einzelner Unterschiede – den kleinsten gemeinsamen Nenner im Kampf gegen die schleichende Islamisierung des christlichen Abendlandes zu verorten.

HC Strache und Israel
Ein Jahr nach den nächtlichen Schmierereien passiert etwas Bemerkenswertes. Heinz Christian Strache reist mit einer kleinen Gruppe Europäischer Rechtspopulisten, seinem wandelnden Geschichtsbuch Andreas Mölzer und anderen FPÖ-Politikern nach Israel. Strache, der sich im Zuge dieser Reise seltsamerweise in der Tradition Theodor Herzls und Bruno Kreiskys sieht, besucht die Siedlungsgebiete, die Klagemauer, die Holocaust Gedenkstätte und selbstverständlich rechte, israelische Verbündete. Der Krone-Journalist Klaus Pandi dokumentiert die Reise in einem seltsam humoristischen Filmchen, in dem Andreas Mölzer von überwundenem Antisemitismus in der FPÖ-Geschichte und der Hervorhebung geschichtlicher Gemeinsamkeiten, die auch an der Person des „Vaters des Zionismus“ und Burschenschafters Theodor Herzl festgemacht werden, erzählt. Mit von der Partie war auch der jüdische FPÖ-Landtagsabgeordnete David Lasar, den man gerne immer dann als Persilschein aus dem Hut zaubert, wenn sich die FPÖ wieder einmal mit Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert sieht.

Beschwichtigung nach Juden-Vergleich
David Lasar war es auch, der 2011 nach Lybien reiste, um sich mit Saif al-Gaddaffi zu treffen und im Zuge dessen den Nato-Einsatz im lybischen Bürgerkrieg zu kritisieren. Angesichts Straches jüngster Aussagen am WKR-Ball, tut sich Lasar im ORF Statement sichtlich schwer die richtigen Worte zu finden, um seinen Parteichef aus der Affäre zu ziehen. „Er habe es mit Sicherheit nicht so gemeint“, heißt es hier. Nicht so meinen tut die FPÖ Aussagen dieser Art allerdings seit über 25 Jahren immer wieder. Strache selbst meint im ORF Interview den Satz: „Wir sind die neuen Juden“, wie immer aus dem Zusammenhang gerissen. Ebenso den Vergleich der WKR-Ball-Demo mit der „Reichskristallnacht“, welche im Übrigen längst dem Begriff der Novemberpogrome gewichen ist,  will er so nicht angestellt haben. Stattdessen weist der FPÖ-Chef mit Nachdruck auf die „Hetze“ der „linken Jagdgesellschaft“ und „Linksfaschisten“ gegen die ach so braven Ballbesucher hin.

Die ewige Verschwörung
Die FPÖ bedient sich, wie bereits im Vorfeld des Balls, eines alten freiheitlichen Taschenspielertricks: Zuerst wird ausgeteilt, indem man geschichtlich unhaltbare Vergleiche anstellt, danach strapaziert man fleißig die Opferrolle und sieht sich wieder einmal im Verschwörungssumpf, bestehend aus Israelitischer Kultusgemeinde, Medien und gegnerischer Parteien. Der FPÖ-Abgeordnete Wolfgang Jung beispielsweise, bemühte erst kürzlich im Club 2 einen Vergleich des Holocausts mit den Verbrechen an den Sudetendeutschen nach dem zweiten Weltkrieg, verschwieg jedoch, dass diese als direkte Reaktion auf die Gräuel der Nazis in selbigem Gebiet zu verstehen – oder besser – selbstverständlich auch zu verurteilen sind.

Journalistische Ethik und linke Ausschreitungen
Diskutiert werden dürfen in dem Zusammenhang jedoch auch die journalistischen Methoden, die immer wieder angewandt werden, um unliebsame Gegner aus der Reserve zu locken. Ein Brandanschlag und diverse Ausschreitungen linksextremer Gruppierungen nähren darüber hinaus die paranoide Vorstellung der „linken Jagdgesellschaft“ und geben der freiheitlichen Opferinszenierung unnötigen Auftrieb. Straches Versprecher am WKR-Ball jedoch, macht eines deutlich: Die neue Rechte sieht sich, im Schulterschluss mit Israels Zionisten, in einem Kampf gegen den Islam und „linksfaschistischen Palästinensertüchlern“.

Islamkritk ja, aber richtig
Selbstverständlich kann und muss Kritik an der islamischen Welt, ihrer Probleme und Missstände geübt werden. Dies jedoch nicht Hand in Hand mit radikalen Zionisten, übler Rhetorik und haltlosen Geschichtsvergleichen. Hamed Abdel-Samad beispielsweise, selbst Muslim und einer der profiliertesten islamkritischen Journalisten im deutschen Sprachraum meint, der Islam befinde sich keineswegs auf dem Vormarsch, sondern seit Jahrzehnten auf dem Rückzug – aufgrund der fehlenden Auseinandersetzung mit sich selbst, seiner Geschichte und seiner möglichen Weiterentwicklung. „Was der Westen als Re-Islamisierung der islamischen Welt wahrnimmt, ist in Wirklichkeit nur ein Vorhang, der das Verschwinden der Religion verdecken soll.“, so Abdel-Samad, der über sich selbst meint, er sei „vom Glauben zum Wissen konvertiert“. Intellektuelle wie er sollten in Diskussionen über die islamische Welt den Ton angeben und nicht populistische Geschichtsverdreher, die Wahlen gewinnen, indem sie Hass und Angst schüren.

Ausgrenzung und Stigmatisierung führen stets zu Radikalisierung, einer Kultur des Einmauerns und Stärkung der jeweiligen Gruppierung. Dies betrifft den Islam ebenso wie die neuen Rechten Europas – oder im Strache Jargon – „die neuen Juden“.

Foto: Christian Lendl,  Lizenz

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