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WALLIS BIRD: „Ich will über die Welt singen, so, wie ich sie sehe“

WALLIS BIRD: „Ich will über die Welt singen, so, wie ich sie sehe“

Die irische Sängerin Wallis Bird ist eine Künstlerin, der man die Zuwendung nicht sofort und augenblicklich schenkt. Dafür ist sie zu speziell, zu nonkonformistisch und zu eigen. Zuerst wird abgewägt. Mit ihrem Faible für unkonventionelle Popsongs sollte sie schlussendlich den letzten Skeptiker überzeugen können. Eine Aura freundlicher Obskurität umgibt die 30-Jährige.

Schöne Melodien und folkige Gitarrenschroffheit geben sich die Klinke in die Hand. Schönheit durch Schrägheit. Oder so ähnlich. Wallis Bird im Interview mit subtext.at über ihr neues, nach ihr benanntes Album, über verborgene Talente und den perfekten Ratschlag, den man unweigerlich befolgen sollte.

subtext.at: Wallis, kannst du dich an den ersten Song erinnern, den du geschrieben hast?
Wallis Bird: Ja, es war Nonsens (lacht). Ich hatte ein Akkordeon, welches ich von meinem Großvater bekommen habe. Er brachte mir bei, wie man es spielt. Ich dachte damals, dass es der beste Scheiß überhaupt ist. Ich habe dann meine Familie herbeigerufen, weil ich ihnen zeigen wollte, was ich da für sie gemacht habe. Da war ich bestimmt fünf Jahre alt. Dann habe ich weiter damit angefangen, Songs zu schreiben. Und Gedichte (summt ein Lied vor sich hin). Ich habe immer Songs geschrieben, soweit ich mich erinnern kann.

subtext.at: Wie wurde dein Interesse für die Singer/Songwriter-Szene geweckt?
Wallis Bird: Ich habe eigentlich gar nicht realisiert, dass es etwas für mich sein könnte, das Singen, bis zu meinem zwölften Lebensjahr. Ich habe bis zum damaligen Zeitpunkt nicht verstanden, was Musik eigentlich wirklich bedeutet. Freunde haben mich stets darauf angesprochen, ich sollte doch diesen oder jenen Song vortragen. Ich habe mich gefragt, wie sie sich bloß an meine Lieder erinnern konnten. Musik hat sich dann für mich als etwas sehr Kraftvolles entwickelt. Als positive Energie, wenn man so will. Alles hat auf einmal Sinn ergeben. Ich konnte singen und war dadurch zufrieden mit mir selbst. Ich war glücklich. Wenn du einen Song vorträgst, dann ist er da. Er kann nicht wieder verschwinden.

subtext.at: Siehst du dich selbst überhaupt als Folksängerin oder wird dir dieser Begriff nicht gerecht?
Wallis Bird: Nun, eigentlich würde ich mich nicht als Folksängerin bezeichnen. (überlegt) Mein Sound basiert auf ganz vielen und unterschiedlichen Instrumenten. Ich bin keine Person, die sich auf einen Hocker setzt und über introvertierte Dinge, über gescheiterte Liebesbeziehungen singt und die Gitarre anstarrt. Das ist das Klischee. Ich wollte da nicht hin, ich wollte es ein bisschen einreißen. Alles andere wäre langweilig.

subtext.at: Deine aktuelle Single „Encore“ überrascht mit elektronischen Elementen und einem R’n’B -Vibe. Wolltest du absichtlich diese Richtung einschlagen?
Wallis Bird: (überlegt) Es war schon eine bewusste Entscheidung, diesen Weg einzuschlagen, aber vieles hat sich einfach aus dem Unterbewusstsein entwickelt. Ich habe die Situation einfach genossen, weil es mich glücklich gemacht hat. London hat mir viel von dieser Seite gezeigt, mich viel stärker mit elektronischer Musik in Verbindung gebracht, mit diesem modernen Lifestyle. Alles funktioniert heutzutage mit dem Computer. Ich liebe elektronische Sounds. Ich, ich, ich (lacht)… Ich schreibe Songs mit einer gewissen Idee, die in meinem Kopf entsteht. Es ist aber auch eine spontane Sache, weil du nie ganz genau weißt, wohin es dich verschlägt. Definitiv kann ich aber sagen, dass dieser moderne Lifestyle auf die Platte abgefärbt hat.

subtext.at: Wolltest du von den Texten her etwas Spezielles ansprechen?
Wallis Bird: Ja. Ich wollte weg von diesen Liebesdingen und von Liebesbeziehungen. Die letzte Platte behandelte all diese Themen. Ich und meine Beziehungen, aber ganz universell. Beziehungen verändern sich, bleiben nie gleich. Das war meine Perspektive. Dabei wollte mich nicht auf einen Namen festlegen oder auf eine Person, die dann immer mit den Songs in Verbindung gebracht wird. Jetzt mit der neuen Platte weiß ich nur, dass ich nicht mehr über mich selbst singen möchte. Ein Faktum. Ich will über die Welt singen, so, wie ich sie sehe. Und welche Wandlung sie aus meiner Sicht durchmacht. Politik, soziale Themen, Ungerechtigkeit, Humanität, Religion… Als ob mir jemand die Tür aufgemacht hätte. Auf einmal war soviel da, was ich ansprechen wollte. Wir leben in der westlichen Welt, da gibt es viel aufzuzählen und zu zeigen. Unser Sozialsystem, die Wahrheit, die Lügen, die Information, die News und all der Bullshit, der den Leuten aufgetischt wird, den sie glauben müssen, weil sie nichts mehr hinterfragen.

subtext.at: Dein neues Album ist selbstbetitelt. Wolltest du es von Anfang an nach dir benennen oder hat es sich mit der Zeit ergeben, dass die Platte den Titel „Wallis Bird“ trägt?
Wallis Bird: Es war nicht geplant. Ich habe ganz viele Namen ausprobiert. Es hat nicht funktioniert. Die Songs waren mir außerdem stets einen Schritt voraus. Dieser Prozess war sehr anstrengend und hat mich sehr viel Kraft gekostet. Ich wollte die Lieder auf eine bestimmte Art performen, was mir nicht gelungen ist. Stattdessen kam etwas ganz anderes aus mir heraus. Es war frustrierend. Nach einiger Zeit, in dem viele Dinge schief gelaufen sind und ich total verwirrt war, habe ich festgestellt, dass es auf dieser Platte genau darum geht: Verwirrung, Widersprüche, Machtverschiebung und die Idee, dass du im Grunde wenig bis gar nichts kontrollieren und steuern kannst. Chaos passiert, der Dominoeffekt tritt ein und schon bist du nicht mehr Herr der Lage. (überlegt) Ich hege die Vorstellung, dass alles was außerhalb von dir und deiner Umgebung passiert, früher oder später dich doch erwischen wird. Es wird einen Einfluss auf dich haben. (überlegt) Ich habe eine neue Härte in die Texte gebracht, was es manchmal schwierig macht, sie vorzutragen. Sie sind sehr persönlich, es macht mir manchmal Angst. (überlegt) Es war generell wichtig, Sounds aufzunehmen, um in den Prozess hineinzugelangen. Spontane Rhythmen und verschiedene Töne. Vögel zwitschern, Leute schlagen Türen in den richtigen Momenten zu oder haben Sex zu dem Beat, den der Song vorgibt. Drück auf die Aufnahmetaste und schau, was passiert.

subtext.at: Spiegelt dich dein drittes Album jetzt am meisten wider? Mehr als deine früheren Platten?
Wallis Bird: Vermutlich. (überlegt) Ich würde keinen anderen Namen darauf platzieren und ich kann es auch nicht. Ich habe sie einfach so gelassen. Das hat nichts mit dem Ego zu tun, auf die Art: „Hier bin ich!“ Die Leute werden trotzdem denken, dass es ein Debütalbum ist. Ich fühle mich, als würde ich dir einen Haufen Mist erzählen (lacht). Es tut mir leid.

© Jens Oellermann

subtext.at: Es sieht für mich so aus, als hättest du im Kopf noch nicht ganz mit der Platte abgeschlossen. Es geht viel in dir vor, wenn du darüber erzählst.
Wallis Bird: Ja, danke dir, dass du mir da ein bisschen raushilfst (lacht). Es war wirklich verrückt. Das Leben macht, was es will. Das ist der Punkt der ganzen Geschichte. Im Grunde spricht das Album für sich. Zumindest dann, wenn du es dir mindestens zwei Mal anhörst (lächelt). Du hast es eigentlich besser ausgedrückt als ich es habe sagen können.

subtext.at: Heutzutage passiert vieles online, in Blogs, auf Websites und überhaupt ist das Thema Social Media wichtiger denn je. Siehst du dich in dieser Welt involviert, bist du ein Teil davon?
Wallis Bird: Mehr als ich es früher war, ja. Ich habe mir vor Kurzem ein iPhone gegönnt, obwohl ich mich lange Zeit dagegen gewährt habe. Apple macht es dir so einfach und so attraktiv, dass du dann gar nicht mehr ohne auskommen kannst. Du kannst es benutzen, um alles Mögliche aus deinem Leben mit anderen zu teilen. Jederzeit. Ich konnte mich anfangs gar nicht damit anfreunden, nach „New Boots“. Die Idee, darüber zu twittern, wie du heute morgen aufgewacht bist und was du zum Frühstück gehabt hast, fand ich nicht besonders ansprechend. Seicht und einfältig. Jetzt habe ich angefangen, Videos zu machen. Zu Hause bei mir, wie ich schreibe. Podcasts habe ich gestaltet, Gedichte… Ich zeuge den Leuten praktisch, wie ich lebe. Mein Haus, mein Studio… Alles sehr persönlich. Du kannst Bilder von meiner Familie sehen, das ganze Zeug. Social Media kann auch aufregend und seriös sein. Manchmal zumindest (lächelt).

subtext.at: Der beste Ratschlag, den du bislang bekommen und befolgt hast?
Wallis Bird: (grinst und überlegt lange) Why not?

subtext.at: Dein verborgenes Talent?
Wallis Bird:
(überlegt lange) Ich kann fliegen (lacht).

subtext.at: Das musst du beweisen.
Wallis Bird:
I can get real high. Nein (lacht). Ich bin ganz ordentlich am Schlagzeug und kann gute Massagen geben. Anständige, keine sexy Massagen… Obwohl die kann ich auch geben.

subtext.at: Das ist wohl eine ganz andere Geschichte.
Wallis Bird: Exakt (lacht).

subtext.at: Du wirst im Sommer als Support von Gossip in Österreich begleiten. Bist du schon aufgeregt?
Wallis Bird: Hell yeah! Das wird fantastisch!

subtext.at: Hast du sie schon mal getroffen?
Wallis Bird: Ja, wir haben uns auf einem Festival getroffen, aber Beth kann sich bestimmt nicht mehr an mich erinnern. Niemals! Ihr bin ich schon zwei Mal begegnet und jedes Mal habe ich ihr gesagt, wie heiß und sexy sie eigentlich ist (lacht). Sie dann zu mir: „Thanks.“ Und ich: „Bye, bye.“

subtext.at: Ich habe sie auch einmal getroffen, sie war ganz zauberhaft und lustig.
Wallis Bird: Sie ist von Natur aus cool. Und wir haben gemeinsame Freunde, jeder redet nur Gutes über sie. Ich habe noch nie etwas Schlechtes über Beth gehört. Das Konzert wird super und Gossip sind live sowieso ein Knaller.

Links & Webtipps:
wallisbird.com
facebook.com/wallisbird
twitter.com/wallisbird

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