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SAME BLOOD – Spirit Desire / Orphan Split

SAME BLOOD – Spirit Desire / Orphan Split

Fragile Melodien koexistieren mit verzerrten, extrem dissonanten Riffs, emotional gesungene Parts stehen im Kontrast zu purem Geschrei. Eine Seite bedrückend und ästhetisch zugleich, die andere aufwühlend, düster und atmosphärisch: SAME BLOOD ist eine Split EP zweier Bands, deren Genres unterschiedlicher nicht sein können. Doch der Titel der Platte hält, was er verspricht.

Den Anfang machen die Steelcity Grunger Spirit Desire mit dem Song Witching Hour, zu dem schon im Vorfeld ein Musikvideo veröffentlicht wurde. Dieses ist ebenso zu empfehlen, wie der Track selbst, der sich als gelungener Opener erweist. Sofort wird der Zuhörer in die richtige Stimmung versetzt, die wichtig ist, um die Platte in ihrer Gesamtheit zu verstehen. Der Bass und die beiden Gitarren bilden einen fetten Soundteppich für die Vocals, die Gesangsstimme konzentriert sich vor allem in den Strophen auf ein tonales Zentrum, das nur selten verlassen wird. Das lässt die Nummer nicht langweilig wirken, sondern unterstreicht die depressive Atmosphäre, die der Song vermittelt. Erwähnenswert sind die coolen Harmonien, die von Sänger Christian an manchen Stellen zur Hauptstimme dazu gesungen werden. Lobenswert ist auch die Produktion. Die gestaltet sich ausgewogen, die Vocals sind im Vergleich zur vorigen, selbstbetitelten EP etwas mehr in den Vordergrund gerückt, was der Musik sehr zugute kommt.

Lean, der zweite Track der ersten Hälfte der EP ist mein persönlicher Favorit. Dieser startet mit einem sehr melodischen Intro, welches in einen Strophenteil mündet, dessen Gesangsmelodie ähnlich unspektakulär gestaltet ist wie bei Witching Hour, da der Sänger fast immer am selben Ton bleibt. Bevor jedoch das ganze langweilig werden kann, geht der Song in einem wunderschönen Refrain auf, der sich im Gehirn des Zuhörers festsetzt, und einen nicht so schnell wieder loslässt. Die Zeile „I wish I could breath you out // Just like the smoke which fills up my lungs” unterstreicht lyrisch die beklommene und verzweifelte Stimmung, für die die melancholisch klingenden Gitarren die Basis bilden. Besonders gut gefällt mir, dass die Leadgitarre sehr gut mit der Rhythmusgitarre harmoniert, was vor allem bei den instrumentalen Teilen zur Geltung kommt.

Insgesamt eine sehr stimmige erste Hälfte der Platte, bei der alles zusammenpasst. Man hat das Gefühl, dass Spirit Desire dem dreckigen, eher oldschool klingenden Grunge, wie er auf den beiden Demosongs praktiziert wurde, den Rücken kehren wollen und ihren Sound melodiöser und emotionaler gestalten. Ob einem das gefällt oder nicht, sei dahingestellt. Spirit Desire wird es egal sein.

Nach dem Outro vom Spirit Desire – Song Lean fetzt das erste Riff der ebenfalls aus Linz stammenden Band Orphan aus den Speakern und der Drummer attackiert das Gehör des Zuhörers mit einigen heftigen Blastbeat – Passagen. In den ersten Sekunden von Medicide Lullaby passiert schon so viel, dass man gar nicht weiß, wie einem geschieht. Die dissonante Gitarre und die vielseitigen Drums sorgen für eine ruhelose, düstere Endzeitstimmung, die durch die Screams des Sängers noch unterstrichen wird. Noise und Hardcore fusionieren zu einem chaotisch klingenden und sehr verstörenden Sound, der dem Zuhörer schonungslos in den Gehörgang gedroschen wird.

Etwas langsamer und atmosphärischer präsentiert sich der zweite Titel der Orphan EP – Seite. Clockworks nennt sich dieser und kommt im 6/8 Takt daher. Die Gitarre gibt sich hier durch die dissonant klingenden Akkorde sehr stimmungsvoll. Wie beim vorigen Track schreit sich der Sänger auch hier quasi konsequent die Stimmbänder aus dem Leib. In der Mitte des Liedes schleicht sich ein Sample ein, bei dem man Stimmen sprechen hört. Dieses wird zum Ende des Tracks hin immer lauter, und wird von extremem Noise untermahlt. Mit einem Schlag auf die Snaredrum endet die EP – Hälfte von Orphan nach ca. viereinhalb Minuten schon wieder. Was zurückbleibt, ist irgendwie ein Gefühl von Rastlosigkeit und Ohnmacht zugleich.

Trotz der unkonventionellen Genrekombination ist SAME BLOOD eine Split EP, die funktioniert. Sie will und soll gehört werden, sowohl online als auch physisch auf Vinyl. Dies wird jedoch erst 2016 möglich sein. Bis dahin darf man jedoch auf den Bandcamp – Seiten beider Gruppen vorbeischauen, und die EP digital für eine kleine Spende oder auch gratis downloaden. Es lohnt sich.

Tracklist
Spirit Desire – Witching Hour
Spirit Desire – Lean
Orphan – Medicide Lullaby
Orphan – Clockworks

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Redakteur bei subtext.at, Musikfan, aktiver Musiker

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