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ANNENMAYKANTEREIT: „Streicher muss man sich verdienen“

ANNENMAYKANTEREIT: „Streicher muss man sich verdienen“

Es ist schon verwunderlich: Eine Band, die noch kein einziges Album veröffentlicht hat, spielt ausverkaufte Konzerte vor mehreren tausend Menschen. Diesen Bekanntheitsgrad hat die Kölner Band AnnenMayKantereit durch ihre YouTube-Videos erreicht, die millionenfach angeklickt werden. Am 18. März erscheint nun endlich ihr Debütalbum „Alles nix Konkretes“ bei Vertigo/Capitol (Universal). Davon kann man sich erwarten, dass es durch die Decke gehen und die Band noch bekannter machen wird. Momentan sind Henning May (Gesang, Klavier), Christopher Annen (Gitarre), Severin Kantereit (Schlagzeug) und Malte Huck (Bass) auf Promotour.

Ein Interview mit AnnenMayKantereit über Entscheidungen, Plattenfirmen und Veröffentlichungspolitiken.

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subtext.at: Euer erstes Album „Alles nix Konkretes“ erscheint am 18. März bei Universal Music. Ihr habt immer gesagt, ihr wollt jemanden, der euch nicht reinredet. Was ist euch außerdem wichtig, um mit einer Plattenfirma zusammenzuarbeiten?
Henning: Ein wichtiges Kriterium für ein Label ist, dass es ein Türöffner ist. Indielabels können dir zum Beispiel keine TV-Shows besorgen. Bei „Inas Nacht“ sind wir ohne Label immer abgelehnt worden – mit Label durften wir sofort spielen. Von allen Majorlabels ist es Universal auch deswegen geworden, weil wir dort die meisten Leute kannten. Und die sind auch alle sehr sympathisch.
Christopher: Am Ende hat es aber eben auch mit Geld zu tun. Ein Indielabel kann einfach nicht so viel Geld in Promotion stecken wie ein Major. Da kannst du auch zwei Wochen in den Hansastudios mit Moses Schneider aufnehmen, was teuer ist. Man muss sich also überlegen, was man will.
Severin: Wichtig ist auch, dass ein Label das Konzept hinter uns versteht, wie wir als Band arbeiten und funktionieren. Wir möchten nicht gegen das Label arbeiten müssen.

subtext.at: Auf eurer bereits erschienenen EP „Wird schon irgendwie gehen sind einige Lieder, die jetzt auch auf dem neuen Album sein werden, Wie trefft ihr die Entscheidung, was noch mal veröffentlicht werden soll?
Christopher: Zum einen haben wir uns gefragt, bei welchen Liedern es sich lohnt, sie noch mal aufzunehmen. Das war so bei „Oft gefragt“, „Dritter Stock und „21, 22, 23“. Wir haben diese Lieder im letzten Jahr auf über hundert Konzerten gespielt, da verändern sich Dinge wie Tempo und Einsätze. Es ging aber auch um die Songs an sich. Wir finden alle, dass gerade diese Songs die stärksten Songs der EP waren.

subtext.at: Gibt es auch kommerzielle Gründe, etwa gerade „Oft gefragt“ , eines eurer bekanntesten Lieder, noch mal zu veröffentlichen?
Christopher: Uns lernen ja jetzt noch mal viele neue Leute kennen. Gerade Songs wie  „Oft gefragt  wollen wir denen dann erneut präsentieren. Kommerziell würde deshalb ich nicht sagen. Wir wollten den Song einfach einem größeren Publikum zeigen.
Severin: Es ist ja auch das erste Album. Die EP haben wir  durch Crowdfunding finanziert. Das war für uns auch irgendwie ein Test, um das Album vorzubereiten.
Henning: Außerdem waren wir uns sicher, dass wir das Lied noch besser einspielen können. Hat auch etwas Sportliches. Das ist, wie wenn du hundert Liegestütze in zehn Minuten schaffst. Dann sagst du dir: „Nächstes Mal schaffe ich hundertzwanzig.

subtext.at: Euren Anreiz, es besser zu machen, kann ich nachvollziehen. Könnt ihr es dennoch verstehen, wenn Fans sich ärgern, wenn ein Song nun doppelt vorhanden ist?
Henning: Verstehen kann man das. Man kann aber nur neue Lieder veröffentlichen, wenn man neue Lieder hat. Für uns war es wichtig, aus dem Material das Beste rauszuholen. Das haben wir getan. Wir sind auch eine Band, die live Lieder entwickelt und diese dann immer wieder einübt. Wir glauben, dass die Studioaufnahme erst gut wird, wenn man das Lied viel live gespielt hat. Deswegen wollen wir nicht im Studio Lieder entwickeln und die dann raushauen, sondern Lieder eineinhalb Jahre üben. Wenn wir sie richtig knackig können, nehmen wir sie auf und hauen sie raus.
Severin: Ich glaube, viele kennen es andersherum: Eine Band veröffentlicht ein Album mit neuen Lieder und dann geht die Band mit diesen Liedern auf Tour. Bei uns ist es umgekehrt.

subtext.at: Interessant finde ich die Beziehung zwischen „Pocahontas“ und „Mir wär lieber du weinst“. Es gibt in beiden Liedern drei Zeilen, die sich sehr ähneln. Was ist die Verbindung zwischen diesen zwei Songs?
Henning: Beide sind für die gleiche Frau. Du liebst einen Menschen und schreibst ein, zwei, drei Lieder für den. Das wird zu einer Art Insider-Gag. Beide Lieder sind Trennungslieder von derselben Frau, aber mit anderen Konnotationen. Es sind andere Arten des Auseinandergehens. Man sagt nicht mehr: „Ich will unbedingt auseinandergehen, sondern man tut es, weil man merkt, ich schaffe das nicht.

subtext.at: Das ist auch ein Punkt. Ihr seid vor allem für traurige Liebeslieder bekannt. Ohne euch zu nahe zu treten – ihr seid jung und die Songs werden wohl nicht von hundert verschiedenen Frauen handeln. Hat die Frau, um die es in den Liedern geht, darüber mit dir geredet?
Henning: Die weiß das. Sie hat es bemerkt und einen Kommentar abgegeben. Den muss ich aber für mich behalten.

subtext.at: Kommen wir zu einem verwandten Thema, dem Songwriting. Wie ist der Prozess bei euch? Soweit man weiß, entsteht die Musik im Kollektiv, aber Henning schreibt die Texte…
Henning: Ja. Es gibt zwei Texte, die wir im Kollektiv geschrieben haben: „Wohin du gehst? und „Es geht mir gut? . Bei den anderen Liedern habe ich die Texte geschrieben und in die Gruppe getragen. Dann haben die Jungs ihre Kommentare abgegeben und ich habe weiter daran gearbeitet. Genauso wie zum Beispiel Chrissie uns eine Akkordfolge auf der Gitarre zeigt und uns fragt, wie wir das finden. Dann geben wir unsere Kommentare ab, und er kann daran arbeiten.
Christopher: Jeder hat einen Pool von eigenen Sachen. Henning hat viele Texte, ich habe einige Akkorde und Severin hat seine Rhythmen. Dann wirft man das irgendwie zusammen und fängt an, daran herumzubasteln. Dann kristallisiert sich – manchmal über Jahre – heraus, wie der Song an sich ist. Und unser Produzent, Moses Schneider, hilft uns dann auch dabei, weil er unsere Songs anhört und Verbesserungsvorschläge gibt.
Severin: Wir spielen Lieder auch live, wenn sie nicht ganz fertig sind. Das ist gut, weil man direkt Resonanz vom Publikum bekommt. So entwickeln sich Songs auch weiter.

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subtext.at: Das heißt, dass nicht immer die Musik zuerst entsteht, sondern zum Beispiel Henning ein Gedicht hat, welches ihr dann vertont?
Henning: Das ist Tatsache. Bei „21, 22, 23  hatten wir erst die Musik und auch einen englischen Text. Der deutsche ist später dazugekommen, aber zuerst war die Musik da. Es gibt keine Schablone, nach der Lieder entstehen. Jedes Lied hat einen eigenen Entstehungsweg.

subtext.at: Geht das Texten bei dir, Henning, schnell, oder denkst du sehr lang über deine Texte nach? Und wie zufrieden bist du mit dem Endergebnis?
Henning: Es gibt Lieder, mit denen ich zufrieden bin. Bei „Oft gefragt  muss ich etwa nichts mehr verändern. Es gibt aber auch Lieder, wo ich mir mehr Zeit hätte lassen sollen wie bei „Das Krokodil, dem letzten Lied auf dem Album. Ich glaube, ich schreibe ähnlich wie Severin übt, also täglich. Genauso wie er Triolen übt, sitze ich herum und versuche, möglichst gut zu reimen und einen bereits existierenden Text noch mal zu verbessern. Das ist von Lied zu Lied unterschiedlich. Bei „Länger bleiben ist der erste Textentwurf von 2010. Dann hat sich das immer weiter verändert und jetzt liebe ich diesen Text sehr

subtext.at: Viele bezeichnen das Songschreiben als eine Art Inspiration von oben. Bei euch hört sich das eher wie harte Arbeit an.
Henning: Das ist wie bei einem Tischler, der einen Tisch baut. Er überlegt sich einen Plan, hinterfragt die Statik. Das läuft bei uns auch so. Bei „Wohin du gehst hat Sevi beispielsweise gesagt, ihm gefällt etwas am Groove nicht. Dann haben wir einfach immer neue Sachen ausprobiert, bis wir zufrieden waren. Das ist manchmal auch sehr anstrengend.
Severin: So verändert sich auch die Dynamik. Man wird besser am Instrument, hat andere Einflüsse, spielt viel live. Ich bin auch gespannt. Obwohl das zweite Album noch nicht Thema ist, macht man sich Gedanken, wie sich Dynamiken, musikalisch und textlich, verändern werden.

subtext.at: Das angesprochene letzte Lied des Albums „Das Krokodil“ erinnert textlich an „Have A Cigar“ von Pink Floyd, welches ja auch von den Heucheleien im Musikgeschäft erzählt. Ihr werdet in nächster Zeit sehr viel unterwegs sein. Inwiefern werden sich Themen und Texte diesbezüglich verändern?
Henning: Natürlich werde ich nicht noch mal ein Lied für meinen Vater schreiben. Interessant ist aber die Frage, ob sich Lebensrealitäten verändern. Könnte es zum Beispiel so sein, dass die Leute unsere Musik nicht mehr hören wollen, weil wir nur noch übers Touren schreiben? Ich schreibe ja eben nicht nur übers Touren. Wir leben ja auch noch, haben Freunde, Familien, wohnen in einer WG. Es gibt viele Themen, über die ich gerne Texte schreiben würde, wo ich glaube, dass die genauso nah an den Lebensrealitäten des Hörers sind wie die Texte vom aktuellen Album. Ob das beruflicher Druck ist, Veränderungen bei der Familie oder wie wir mit steigender Bekanntheit umgehen. Wir fühlen, dass wir uns dazu äußern wollen. Ich habe immer noch Ideen und Bock zu schreiben, also mache ich mir da keine Sorgen.

subtext.at: Ihr sagt selber, eure Musik ist „handgemacht“, zum Beispiel kommt sie ohne Synthesizer aus, es gibt keine langen Gitarrensoli und das Schlagzeug agiert bei Liveauftritten immer klein und sporadisch.
Severin: Wir kommen ja aus der Straßenmusik, da ist man limitiert. Man hat eine Akustikgitarre, ein Cajon und eine Stimme. Wir haben unsere Instrumente auch nie studiert, sondern erst in der Band gelernt. Wir fühlen uns damit auch sehr wohl, und wir sagen auch nicht, dass nur weil ein Song aus zwei Akkorden besteht, kann man den nicht spielen. Im Gegenteil, man kriegt oft die Rückmeldung, dass Leute es gut finden, weil Musik und Texte so nachvollziehbar sind. Die Einfachheit macht es irgendwie aus.
Christopher: Unser Produzent, Moses Schneider, hat uns mal gesagt: Streicher muss man sich verdienen. Man muss erst mal an den Punkt kommen, limitiert aufzunehmen und zu spielen, weil man durch extreme Instrumentierung sonst Fehler kaschieren kann. Die Gefahr ist schnell da, wenn man einem Produzenten einen Song gibt und der daran herumbastelt.

subtext.at: Das hört man der Aufnahme an, dass ihr alles live eingespielt habt.
Henning: Ja. Es live einzuspielen kann aber auch heißen, dass wir ein Lied zehnmal ein, immer leicht verändert. Am Ende hören wir alles an. Dann kann es auch sein, dass wir schneiden und die ersten 90 Sekunden aus Take eins nehmen, die zweiten 90 Sekunden aus Take 2. Das funktioniert gut – obwohl wir ohne Metronom eingespielt haben, konnten wir die Tempi in den Liedern immer genau halten. Das ist auch die Fähigkeit von Sevi, dass er das kann.
Christopher: Das passiert auch durch Proben. Da werden Tempi selbstverständlich und man braucht kein Metronom mehr.

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subtext.at: Angenommen, ihr müsstet andere Elemente oder Musikstile in eure Musik einbauen, was würde euch interessieren?
Severin: Bei den Albumaufnahmen haben wir ein neues Instrument verwendet, ein Fender Rhodes, bei Es geht mir gut. Diese Art von Klavier klingt nach einer Orgel. Wir sind sehr interessiert daran, Instrumente zu probieren, die wir in unseren Stil integrieren können. Eine Vier-Viertel-Techno-Basedrum würde nicht passen, aber Bläser, Percussion oder Streicher, da haben wir alle Bock drauf.
Henning: Für das nächste Album reizen mich drei Instrumente sehr: Ukulele, Akkordeon und Fender Rhodes. Das sind drei Instrumente, die ich spielen kann und gerne einbauen würde.
Christopher: Ich könnte mir auch etwas Programmiertes gut vorstellen, z.B. Loops oder etwas in der Richtung.
Malte: Ich würde gerne bei meinem Bass noch andere Ebenen erreichen, gerade bei Effekten, in die ich mich reinfuchsen will.

subtext.at: Die EP ist unter AnnenMayKantereit herausgekommen. Dabei bildet ihr drei – Henning, Severin und Christopher – eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts.
Henning:
Du musst eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts gründen, wenn du Musik verkaufen willst. Dafür haben wir das gemacht, vor 5-6 Jahren. Malte ist vor eineinhalb Jahren dazugekommen, wir sind die Inhaber der Firma Annenmaykantereit.

subtext.at: Malte, was ist eigentlich deine Rolle in dieser Band?
Malte:
Das steht auch auf dem neuen Album, hat aber nichts mit unserer Band oder der Musik zu tun, sondern mit der Steuer. Die Gesellschaft haben die drei gegründet und die bleibt auch bei ihnen. Ich bin der vierte Musiker, wir machen zusammen Musik und darauf beschränkt es sich. 

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