Now Reading:

Zu viel aufgetragene Butter

Zu viel aufgetragene Butter

Was passiert, wenn man sich der Dorfgemeinschaft widersetzt und die vermeintliche Idylle in Frage stellt? In „Am Beispiel der Butter“ erzählt der junge Autor Ferdinand Schmalz (*1985) die Geschichte von Adi, einem Angestellten in der örtlichen Molkerei. Das kritische Volksstück wird derzeit in Linz am Theater Phönix aufgeführt.

Adi (Markus Hamele) überwacht die Butterproduktion und füttert auf der Heimfahrt im Zug täglich fremde Menschen mit Joghurt aus seiner Mitarbeiterration. Das ist Hans von der Staatsgewalt (Christian Strasser) und Marketingchef Huber (David Fuchs) ein Dorn im Auge. Sie sehen in Adis Verhalten einen Aufstand gegen die Ordnung. Hans und Huber planen, diese mit allen Mitteln wieder herzustellen und selbst die Kontrolle zu behalten. Auf Adis Seite ist nur mehr Karina (Rebecca Döltl), seine neue Arbeitskollegin. Um gegen beide durchzugreifen, holen Hans und Huber Stielaugen-Jenny (Doris Hindinger) vom Bahnhofsrestaurant ins Boot. Jenny soll Adi und Karina eine Falle stellen…

Sehnsüchte, Recht und Gerechtigkeit, Widerstand gegen die Ordnung, möglicherweise auch gegen Traditionen, und Gewalt sind die Hauptthemen im Text von Ferdinand Schmalz. Schmalz, so der Künstlername, hat Philosophie und Theaterwissenschaft studiert und wurde mehrfach für seine Texte ausgezeichnet, unter anderem mit dem Retzhofer Dramapreis für „Am Beispiel der Butter“ vor drei Jahren. Schmalz bezeichnet sein Stück selbst als „Theater, das bittere Wahrheit in derbe Komik verpackt“.

Das trifft auch auf die Inszenierung von Caroline Welzl zu. Huber klopft FPÖ-ähnliche Sprüche wie „Deine Heimat, deine Milch“ im Werbevideo für die Molkerei, Hans geht seinen Gewaltfantasien mittels Reden im Keller nach. Neben ihm hängt ein Foto von Heinz Fischer, das immer wieder abgedeckt wird. Besonders derbe Komik ist die Partystimmung, in die Adi und Karina versetzt werden. Glitzernde Discokugel; volkstümliche Musik, die mit modernen Klängen vermischt wird (Gilbert Handler), der Text eine Parabel vom Frosch und seiner „Froschin“. Hamele singt passabel, alle Schauspieler_innen zeigen beim Tanzen und Ausziehen viel Körpereinsatz. Diese Party stellt die Verlogenheit der Figuren bestens dar. Sie hätte aber weder die Länge noch den intensiven Einsatz, zum Beispiel bei der Art des Tanzens, gebraucht; um ihre Wirkung beim Publikum zu entfalten.

Langatmig sind auch weitere Szenen wie Monologe von Hans im Keller oder von Jenny, die vom Prinzessinnen-Sein spricht. Hier wird mehr erzählt als geschauspielert und doch mit dem Bild von Prinzessin Diana, das mit einem Staubsauger gesäubert wird, oder den vielen Utensilien wie Kreide im Keller stark aufgetragen. Das Kürzen oder Streichen dieser Stellen hätte dem Stück keinen Abbruch getan.

Ebenfalls zu stark präsent ist die Butter. Wenn Adi euphorisch von der Höhensonne und der Butterproduktion spricht, blickt das Publikum eher irritiert. Als er sich selbst als Butter bezeichnet, wirkt das nicht mehr authentisch. Dabei ist die Idee der Buttermetaphern selbst nicht schlecht, es sind nur schon zu viele. Schmierig sein, das Zerrinnen von Traditionen und Zeit – Diese Assoziationen kommen in „Am Beispiel der Butter“ wunderbar zur Geltung. Butter wird wie im Titel angekündigt als Beispiel gezeigt, vielleicht für Dinge, die wie als Produkt gehandelt werden, aber überlebensnotwendig sind (z.B. medizinische Versorgung). Das Butterdenkmal, eine Faust aus Butter, ist Zeichen für den eher stillen Widerstand Adis und Karinas. Die Idee kam Ferdinand Schmalz durch sein mit Freund_innen erstelltes Konzept für eine Aktion, das Konzept wurde damals nicht umgesetzt. In „Am Beispiel der Butter“ ist die Butterfaust nicht nur in Gesprächen, sondern auch als Sticker auf dem Kiosk und auf dem Programmheft zu finden. Die Faust verdeutlicht die Situation, sich der Gemeinschaft zu widersetzen. Sie geht nur aufgrund der vielen Buttermetaphern etwas unter.

Wenn die Figuren nicht in Metaphern sprechen, so klopfen sie (Hans, Huber und Jenny) Sprüche, haben ihre schräg-komischen Begrüßungsrituale und unterhalten sich in Umgangssprache. Speziell Adi und Karina zeigen aber Sprachgewandtheit, manchmal auch Sprachwitze, die an Elfriede Jelinek erinnern. Die Sprache verdeutlicht die Werte-, und Denkunterschiede zu Hans, Huber und Jenny. Bei Adi ist es jedoch teils schwer, seinen komplexen Aussagen zu folgen.

Adi und Karina tragen lockere Alltagskleidung wie ein schlichtes Hemd und eine einfache Bluse, die „heimatverbundeneren“ Huber und Jenny sind in Volkstracht eingekleidet. Hans trägt einen Anzug mit aufgenähter Österreich-Flagge (Antje Eisterhuber). Gespielt wird in und um einen Kioskpilz mit Plastikstühlen und „Happy Aua“- Schild. Rund um den Kioskpilz liegen auf der gesamten Bühne buttergelbe Matratzen mit und ohne Rillen (Stefanie Muther). Der Balkon des Theater Phönix passt als intimer Aufführungsort zu dem kritischen Volksstück. Das Publikum ist so näher am Geschehen und sieht die weiteren Besucher_innen auf der anderen Seite des Raumes.

Die Besucher_innen sehen aus der Nähe, wie die Schauspieler_innen Emotionen, manchmal Verlogenheit, manchmal Sehnsucht gekonnt darstellen. Einzelne Bewegungen könnten Ticks sein, David Fuchs verpasst Huber hämische Grinser, Doris Hindinger blickt als Jenny dümmlich, auf eine humorvolle Art.

„Am Beispiel der Butter“ verpackt bittere Wahrheit in derbe Komik. Die Elemente des Volksstücks sind gut umgesetzt und kommen etwa in der bearbeiteten Volksmusik, im Bühnenbild, in der Schauspielleistung und in der Umgangssprache zur Geltung. Durch die Inszenierung wirkt das Stück jedoch an vielen Stellen zu aufgetragen – etwa zu voll mit Buttermetaphern- und langatmig. Dadurch verliert „Am Beispiel der Butter“ Spannung im Theater Phönix.

„Am Beispiel der Butter“ wird zunächst von 11-13. März, jeweils um 19.30 Uhr, aufgeführt. Das Stück ist bis 17. April im Theater Phönix in Linz zu sehen.

Plakat: Stefan Eibelwimmer

Share This Articles
Written by

Katharina ist Soziologin und Sozialforscherin (P und P Sozialforschung). Darüber hinaus ist sie regelmäßig journalistisch tätig, z.B. in Form von Praktika (Radio Oberösterreich, Neues Volksblatt,...) und derzeit als Redakteurin für FROzine, das Infomagazin von Radio FRO. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen.

Suchbegriff hier eingeben und mit Enter bestätigen