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Architects: Rohe Emotionen in der Arena

Architects: Rohe Emotionen in der Arena

Wie geht man auf eine Show, wenn man weiß, dass die Band gerade um ihren Gitarristen, Haupt-Songwriter und Freund trauert? Noch dazu, wenn eines der Bandmitglieder sein Bruder ist? Die Nachricht von Tom Searle’s Tod hat sicher niemanden kalt gelassen. Und bis jetzt weiß niemand, wie es für die Band nach dieser Tour weitergeht. Es war klar, der Abend des 4. November 2016 wird ein sehr emotionaler. Bei aller Vorfreude auf das Konzert ist doch immer ein mulmiges Gefühl im Magen mitgeschwungen.

Achtung: Dieser Artikel kann Spuren von Emotionalität enthalten (und ist vermutlich nicht so objektiv und „journalistisch korrekt“, wie er vielleicht sein sollte oder sein hätte können). Dafür ist er ehrlich.

So viel mal gleich vorweg: Alle Bands haben am Freitag in der ausverkauften großen Halle der Arena Wien eine großartige Show abgeliefert und für einen großen Teil des Abends haben Freude und Begeisterung die Trauer gedämpft, manchmal sogar überwogen.

Der überpünktliche Start von Bury Tomorrow hat wohl einige BesucherInnen überrascht, am Anfang des Sets war die Arena noch ziemlich leer. Mit den ersten Tönen von „Man on Fire“ hat sich das allerdings ziemlich rasch geändert, bis dann etwa bei der Hälfte des Sets die Fläche unten gut gefüllt war. Die Briten haben ihre Rolle als Opener verstanden und Sänger Daniel Winter-Bates gab sich zwischen den Songs alle Mühe, die Stimmung aufzuheizen. Pluspunkte auch von mir für den kurzen negativen Kommentar zu bezahlten Meet & Greets. In Sachen Setlist war die halbstündige Performance leider bis auf zwei Ausnahmen sehr einseitig. Das (mittlerweile gar nicht mehr so) neue Album zu promoten ist ja schön und gut, meiner Meinung nach hätte ein bisschen mehr Abwechslung dem Set aber gut getan.

Stick To Your Guns habe ich in großzügiger Entfernung vom Pit genossen. Wie sich herausstellte eine sehr weise Entscheidung. Auch, wenn man sich irgendwie beim Mitgrölen blöder vorkommt, wenn die Leute um einen herum nur zurückhaltende „Kopfnicker“ sind. Zum Set von Stick To Your Guns kann man eigentlich nicht viel sagen, außer: Geil wie immer. Ein paar Songs der neuen EP „Better Ash Than Dust“ mischten sich gut unter die bekannten Nummern, bei „We Still Believe“ kann ein bisschen Nostalgie auf, und beim krönenden Abschluss mit „Against Them All“ hat man das Publikum fast lauter singen gehört, als Jesse Barnett.

Und dann, nach einer etwas längeren Umbauphase, war es so weit: Architects starteten mit „Nihilist“ in ihr Set und die Visuals und die Lichtshow haben zusammen mit den sehr gezielt eingesetzten Rauchkanonen ihr übriges getan: alle rasteten aus. Vor Freitag habe ich mir so einige Gedanken gemacht, wie die Stimmung wohl sein wird, nach allem was passiert ist. Die Emotionen waren roh, ungebändigt und unglaublich aufrichtig. Sowohl von Seiten der Band, als auch im Publikum. Es fühlte sich an, als würden die Trauer, der Ärger und die Wut alle auf einmal einfach in den Raum rausgelassen werden. Ich war schon fast am Heulen, als ich im Augenwinkel das „RIP Tom Searle“ Schild einer Besucherin gesehen habe. Spätestens dann war‘s vorbei mit der Contenance und der Objektivität. Bei „These Colours Don’t Run“ und „Early Grave“ nahmen die Circle- und Mosh Pits einen Großteil der Fläche ein und es herrschte ekstatisches Chaos. „The Devil Is Near“ widmeten Architects dann der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd, die an dem Abend mit einem Info- und Merch Stand vor Ort war.

Gegen Ende des Sets, nach der ersten Zugabe, wurde es still in der Halle. Die Worte von Sam Carter die folgten, gingen direkt ins Herz. Immer wieder gab es „Thank you Tom“-Sprechchöre und Applaus. Mit „Gone With The Wind“ wurde nochmal die letzte Energie und die letzten Tränen rausgelassen und schon war’s vorbei – ein schöner Abschluss.

„Architects is and will always be Tom Searle.“ – Sam Carter

Danke Architects. Danke Tom. Rest in peace.

Fotos: Andreas Wörister

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Bin eine musikliebhabende, reisende Linzerin mit momentanem Lebensmittelpunkt in Graz. Höre alles was Lärm macht, aber blicke in letzter Zeit auch gerne über den Genre-Tellerrand hinaus.

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