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TOUCHÉ AMORÉ: Stage Four

TOUCHÉ AMORÉ: Stage Four

Es war immer schon eine Frage der Zeit, bis Touché Amoré beginnen würden, dem Korsett des Hardcore zu entwachsen. Stage Four ist nicht nur ein episches Denkmal für Jeremy Bolms verstorbene Mutter geworden, es ist auch das vielfältigste und gleichzeitig fokussierteste Werk, das die Kalifornier bis dato veröffentlicht haben.

Stage Four also – einerseits passend, weil es sich hier um Langspieler Nummer Vier handelt, andererseits ein Begriff aus der Onkologie, der die vierte und letzte Phase einer Krebserkrankung beschreibt. Einer eben solchen fiel Jeremy Bolms Mutter vor zwei Jahren zum Opfer. Dieser Verlust quillt aus jeder Pore, aus jeder Textzeile des Albums. Mit einer schonungslosen Direktheit wird man in die erdrückende Gefühlswelt aus Verlust, Trauer und Reue katapultiert.

„I’m homesick and living in the past / Seemingly unfazed and strong if anyone asks / I’m keeping up appereances with white lies / With a levee set for my heavy eyes“

„Flowers And You“ verrichtet hervorragende Arbeit darin, einen sowohl thematisch, als auch stilistisch in das neue Werk einzuführen und tut das auf einem Niveau, dass den Song zu einer Blaupause für den Rest des Albums und einem sofortigen Klassiker im Repertoire der Band werden lässt. Irreführend: die von den beiden Gitarristen Nick Steinhardt und Clayton Stevens beigesteuerten Melodien klingend aufbauend, in manchen momentan gar euphorisch, um nicht zu sagen triumphierend. Von Triumph, beziehungsweise Überwinden der Trauer und Selbstvorwürfe kann aber keine Rede sein. Jeremy Bolm erzählt in „New Halloween“ etwa, wie ihn der Verlust ein Jahr später noch in seinem täglichen Leben begleitet und es unmöglich für ihn macht, bestimmte Songs zu hören, oder dass er noch immer nicht den Mut aufgebracht hat, sich die letzte Voicemail anzuhören, die seine Mutter ihm hinterlassen hat. Diese spielt später auf dem Album übrigens noch eine unerwartete Rolle. „Displacement“, eine in Klang und Aufbau geradezu typische Touché Amoré Nummer setzt sich mit der Thema Glaube im Angesicht des Todes auseinander. Das Zweifeln an einem Leben nach dem Tod und der gleichzeitige Wunsch nach eben diesem für eine geliebte Person brechen auf Stage Four mehrmals aus ihm heraus.

„I’m not sure what I believe / Well I think that’s understood / But I know she’s looking out for me / The way she said she would.“

Trotzdem ist Stage Four nicht dieses absolut niederschmetternde Album, dass man das nun vielleicht erwarten würde. Verantwortlich dafür sind die grandiosen, Hoffnung spendenden Melodien, von denen sich Touché Amoré nun um ein vielfaches mehr zutrauen, als das noch auf „Is Survived By“ der Fall war.  Bei „Rapture“ ist es die Leadgitarre, die den Song trägt, die Single „Palm Dreams“ traut sich gar einen schmissigen Refrain zu und „Benediction“ vermischt Post-Punk, tief grummelnde Singstimme und brachiale Intensität.

Ja, richtig gehört. Jeremy Bolm glänzt neben seinen unverwechselbaren Screams nun auch mit cleanem Gesang und darf offenkundig Idolen wie Leonard Cohen und The National huldigen. Sehr schön zu hören ist dies etwa in „Water Damage“, aber nirgendwo machen das Touché Amoré so effektiv wie im finalen „Skyscraper“, welches im Kontext des Albums gefühlt noch besser wird. Dafür holt man sich passenderweise Bandfreundin und Folk-Hammerstimme Julien Baker mit ins Boot, die uns wieder und wieder ein sehnsüchtiges „You live there under the lights“ entgegenschmachtet, ehe Jeremy im Einklang mit den Gitarren in ein Crescendo explodiert, dass einem endgültig die Nackenhaare zu Berge stehen lässt. Die Art und Weise wie der Songs dieses Album zum Abschluss bringt hat etwas sehr versöhnliches an sich. Soweit es für so etwas wie die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen überhaupt einen Abschluss geben kann. Tatsächlich versteckt sich am Ende des Songs dann die bis dato ungehörte, letzte Nachricht der sterbenden Mutter an ihren Sohn. Jeremy würde sie so erst nach der Fertigstellung des Albums zu hören bekommen und so vielleicht mit sich selbst Frieden schließen können. Das kann man als Außenstehender vielleicht kitschig, aber auch brutal ehrlich und rührend finden. Wenn man die 32 Minuten Musik davor gehört hat, wird definitiv letzteres der Fall sein.

Die brutale Ehrlichkeit von Stage Four mag schwer zu verdauen sein. Eine lohnende Erfahrung stellt dieses überaus mutige Album dafür allemal dar. Der emotionale Überbau täuscht auch nie über die eigentliche Qualität der Musik hinweg, sondern wird davon ergänzt und verstärkt. So nuanciert und ausgefeilt wie anno 2016 hat der Sound von Touché Amoré noch nie geklungen. Die Band hat das Korsett des Hardcore endgültig abgestreift und wendet sich neuen Einflüssen zu, ohne ihre Wurzeln zu vergessen, oder an Intensität einzubüßen. Stage Four ist das Manifest einer Band im Wandel und garantiert eine der besten Platten des Jahres.

Touche-Amore_Stage-Four_Cover

Tracklist

01. Flowers And You
02. New Halloween
03. Rapture
04. Displacement
05. Benediction
06. Eight Seconds
07. Palm Dreams
08. Softer Spoken
09. Posing Holy
10. Water Damage
11. Skyscraper

VÖ: 19.09.2016 via Epitaph Records
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TOUCHÉ AMORÉ
EPITAPH RECORDS

 

 

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Schreibt Albumrezensionen, Konzertberichte und führt gerne Interviews - transkribieren tut er diese aber weniger gern. Immer wieder auch für Blödsinnigkeiten abseits seines Kerngebiets "Musik" zu haben. Hosted einmal monatlich die Sendung "Subtext on Air" auf Radio FRO, ist bei mehreren Kulturinitiativen und in einer Band aktiv.

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