Letztes Jahr haben wir uns ja bekanntlich etwas ins Maifeld Derby verliebt. Auch 2017 stellte das dreitägige Spektakel am Mannheimer Maimarktgelände seinen Rang als Liebhaber-Festival mit einem grandiosen Line-up unter Beweis und etabliert sich immer mehr als echter Geheimtipp abseits von kommerziellen Megaevents. Nicht umsonst sprechen Insider liebevoll vom „Primavera Deutschlands“. Dieses Jahr durften wir das Geschehen von 16. bis 18. Juni erstmals als offizielle Medienpartner begleiten und waren erneut nicht nur in musikalischer Hinsicht begeistert.

 

Freitag

Der erste Festivaltag begann gleich mit einem kurzen Abstecher zur gemütlichsten Stage auf dem Gelände, dem Parcours d’Amour. Auf einer kleinen Bühne, die vor der verglichen damit riesigen Sitzplatztribüne des Reitstadions aufgebaut ist und wo man auch schon mal Zauberer, Kurzfilme oder Poetry Slams erleben kann, spielte die Mannheimer Indiepop Band Raintalk ein gefälliges halbstündiges Set. Zu lange verweilen konnten wir dann aber auch nicht, denn nebenan auf der Fackelbühne machten sich die oberösterreichischen Kollegen von FLUT bereit, mit ihrem Synthesizer-Stadionrock das deutsche Publikum zu erobern. Bei „Linz bei Nacht“ grölen die Ösis im Ausland natürlich brav mit. Steel City represent! Ein Auftritt, den man als sehr gelungen bezeichnen darf. Highlight: „Tiefschlaf“ im Duett mit 80er-Revival-Spezi Drangsal. Apropos Highlight: das nächste solche war zweifelsohne J. Bernardt, der trotz des herrlichen Wetters die Leute in Scharen ins Palastzelt locken und zum Tanzen animieren konnte. Songs wie „Wicked Streets“ und „Calm Down“ sind live nochmal ein ganz anderes Kaliber als im Radio FM4 Nachmittagsprogramm. Zurück am Parcours d’Amour bot die bezaubernde Berlinerin Gemma Ray ihren Noir-Pop dar, bei dem sich Goth-Pathos und Surf-Gitarren auf Augenhöhe treffen und so eine einmalige Stimmung zaubern. Zu diesem Zeitpunk war das Redaktionsteam allerdings hin und her gerissen, denn parallel dazu versprühten Voodoo Jürgens und seine Ansa Panier ihren Charme. Was soll man sagen? Der Ober-Halodri und seine Gehilfen erfüllten ihre Aufgabe mit Bravour, hatten aber abseits des Hits „Heite grob ma Tote aus“ trotzdem, ihre Mühe mit der Sprachbarriere. Unterhaltsam war es trotzdem für alle Beteiligten. Im Anschluss verschlug es uns erstmalig und eher spontan ins kleinere Brückenaward Zelt wo die kanadische Hip Hop Formation The Lytics auf dem Programm standen. Ohne viel Vorwissen und Erwartungen traten wir zu dieser Show an und wurden regelrecht umgehauen. Hier wurde gnadenlos abgefeiert und abgeliefert, dass sogar die Band im Anschluss etwas baff von dem wirkte, was sie da gerade ausgelöst hatten. Das feiernde Publikum skandierte noch 10 Minuten später „Zugabe, Zugabe…!“ – not bad. Nach einer kurzen, erfrischenden Partie Flunkyball mit den Zeltnachbarn (shoutout an die Freiburger Jungs und Mädels) kehrten wir für Cigarettes After Sex zurück auf’s Gelände. Ein Konzert zum Verlieben. Hallende Gitarren, streichelweiche Gesangsmelodien, flächige Synthies – Dream-Pop eben. Aber ganz ohne Zweifel eine der besten Bands, die dieses Revival in letzter Zeit hervorgebracht hat. Einen krasseren Unterschied zwischen Sing- und Sprechstimme als bei Greg Gonzalez haben wir bisher auch noch nie gehört. Der letzte Act auf dem Fackelbühne im Freien war dann SOHN, der ja quasi auch als Österreich-Export durchgeht. Mit seiner neuen Platte „Rennen“ kann Mr. Christopher Taylor jedenfalls nahtlos an sein Durchbruchswerk „Tremors“ anschließen und auch live gehört der Herr sicherlich zu den feinsten Performern seiner elektronischen Zunft. Ein kurzer Abstecher zum musikalischen Ehepaar Rue Royale ging sich dann ebenfalls noch aus. Brookln und Ruth Dekker boten mit ihren Folksongs eine wunderbare Verschnaufpause in all dem Trubel. Nicht mehr, aber garantiert auch nicht weniger. Weniger besinnlich ging es im Anschluss auf der Hauptbühne zu. Bilderbuch besangen ihre Sweetlove zum Stress, zu „Frinks“ und zum Magic Life. Lecko mio, dios mio! Backgroundsängerinnen, ein Gitarrist außer Rand und Band, ein verdammter Backdrop aus weißen Turnschuhen und vieles mehr an Größenwahn. Hedonistische Extravaganz als Gesellschaftskritik oder einfach nur eine verdammt gute Liveband? Auf jeden Fall ein weiteres Highlight des ersten Tages, den wir anstatt bei Trentemøller im Zelt dann in Hörweite beim „Weinschorle-Stand“ ausklingen ließen.

 

Samstag

Am Freitag wurde die Latte für alle Acts die noch kommen sollten schon mal ziemlich hoch angesetzt. Konnte das Programm an Tag 2 da mithalten? Ja, konnte es zweifellos. Um 16 Uhr begaben wir uns aufs Festivalgelände zu Klez.e, die heute die Hauptbühne im Palastzelt zuerst bespielen durften und wurden mit Sounds zwischen elektronisch angehauchtem Indiepop und düsterem Post-Punk bzw. New Wave in Empfang genommen. Auf „Desintegration“, der aktuellen Platte der Berliner geht der Sound eher in Richtung Letzterem. Musikalisch zwar absolut in Ordnung, kam die Band während ihres unterkühlt wirkenden Sets über das Prädikat „solide“ aber leider nie hinaus. Pluspunkte gibt es aber für die Robert Smith Gedächtnis-Frisur. Perfekt ins weitere musikalische Nachmittagsprogramm passten die Wiener Indiepop Formation Inner Tongue, die mittlerweile auch in Deutschland einen stetig steigenden Bekanntheitsgrad genießen und das Bostoner Folk-Duo Tall Heights, welches live neben Gitarre und Cello auch zusätzliches Personal an Bass und Schlagzeug umfasst. Nachdem uns ein Abstecher zu diesen Herrschaften bereits am Campingplatz mehrfach vehement nahegelegt wurde, wurden wir alles andere als enttäuscht. Songs wie „Spirit Cold“ und „River Wider“ haben seitdem in unsere Gehörgänge eingebrannt. Dazwischen blieb auch noch ausreichend Zeit um endlich mal die zahlreicher gewordenen Essensstände auf dem Gelände abzuklappern und sich mit von ortsansässigen Gastrobetrieben zubereiteten Köstlichkeiten von Falafel bis Currywurst einzudecken. Top! Aber zurück zum musikalischen Geschehen: „Back to the 60s!“ lautete das Motto bei Temples – nicht nur optisch. Musikalisch überzeugte die Band mit ihrer Mischung aus psychedelischen Synthesizer- und Gitarrensounds, eingebettet in zuckersüße Popmelodien. Live ebenso empfehlenswert wie auf der aktuellen Platte „Volcano“. Vor dem Konzert hatten wir übrigens noch die Chance, die Jungs zum Interview zu treffen – genauso wie die nachfolgenden American Football. Wow! Vor ein paar Jahren hätte es wohl niemand für ernsthaft möglich erachtet, diesen Mythos der später 90er Jahre jemals wieder auf einer Bühne zu sehen, von einem Festival in Mitteleuropa ganz zu schweigen. Im Vorfeld denkt man sich da als Fan (ähnlich wie vor ein paar Jahren beim ersten Mal Refused nach der Reunion) nur so Dinge wie „Bitte, bitte seid nicht scheiße!“ Unbegründete Sorgen wie sich herausstellen sollte. Schon im Vorjahr hat man dem 1999er Album ein mehr als solides Zweitwerk folgen lassen und entdeckt nun verspätet wieder die Freude am Touren (im kleinen Rahmen versteht sich). Und tatsächlich: Man sieht Mike Kinsella & Co. die Freude am live spielen in jedem Moment an. Fazit: So machen Reunions Spaß! Etwa zu diesem Zeitpunkt erfolgte die Feststellung, dass wir uns bisher in diesem Jahr viel mehr bei den beiden größeren Bühnen aufgehalten haben. Zeit also um das zu ändern! Wie gut, dass die Post-Hardcore Urgewalten von The Tidal Sleep gleich im Brückenaward Zelt an der Reihe waren. Mit „Be Water“ haben zwar noch ausgefeiltere Melodiebögen und Postrock-Anleihen Einzug ins Songwriting der Band gehalten, live gehen die Fünf aber weiterhin mit einer kompromisslosen Brachialität zu Werke, dass man jederzeit davon ausgehen müsste, dass sich die Zeltplane gleich verabschiedet. Chapeau! Bei so viel Intensität blieb leider nur noch Zeit für einen kurzen, fotolosen Abstecher zu Metronomy auf der Hauptbühne. Quasi das Wellnessprogramm im Vergleich dazu. Absolut keine Musik zum Wohlfühlen, sondern eher zum intensiv Nachgrübeln ist das was Kate Tempest gerne Zeile für Zeile auf ihr Publikum loslässt. Flüchtlingskrise, Brexit, die Perspektivenlosigkeit der Jugend – zu allem hat die junge, poetryslammende Rapperin eine starke Meinung und nicht nur einmal trifft sie damit voll ins schwarze und erntet Szenenapplaus vom Publikum. In Sachen Rap absolut nicht zu vergleichen mit The Lytics am Vortag, aber eine nicht minder gute Performance. Highlight! Danach konnte man bei den Headlinern Moderat tanzend im atmosphärischen Nebel versinken und um 2 Uhr früh gab es mit Sometree noch einen von der Festivalorganisation dringlich empfohlenen Geheimtipp zu bestaunen, auf den ähnliche Superlative zutreffen wie auf die Kollegen von The Tidal Sleep zuvor. Emo und Post-Hardcore im laut/leise-Wechselbad der Gefühle, par excellence. An dieser Stelle auch von uns eine dringende Hörempfehlung. Damit ging dann ein langer und erfüllter Festivaltag zu Ende, aber einige Schmankerl sollten uns schon noch erwarten…

 

 

 

 

Sonntag

Letzter Festivaltag! Ein Anlass für uns an diesem Tag früher aus dem Zelt zu klettern war nicht nur die erbarmungslos runterknallende Sonne, sondern nebenbei auch noch Mitski – oder Mitski Miyawaki, wie die Dame in vollem Namen heißt. Der US-Shootingstar stand nämlich bereits um 14 Uhr samt Band auf der Fackelbühne. Grungy Gitarren, witzige und charmante Texte und einige waschechte Alternative Hits wie „Your Best American Girl“. Dafür lohnt sich das „frühe“ Aufstehen allemal. Noch viel deutlicher wurde diese Entscheidung bei Whitney bestätigt. Musikalisch on point und auch interessant anzusehen. Man sieht nicht alle Tage einen Drummer, der gleichzeitig Leadsänger ist und an vorderster Front mittig auf der Bühne postiert ist. Dazu ist der gute Julien Ehrlich auch noch mit einer guten Portion Humor und Selbstironie ausgestattet. „Let’s play some more of that sweet, sweet beer drinking music, right?“ Right! Bei der Thurston Moore Group wurde danach dem Noise Rock gefrönt. Der Sonic Youth Sänger und Gitarrist veröffentlicht seit 1995 in regelmäßigen Abständen Soloplatten. Die letzte namens „Rock ‚N‘ Roll Consciousness“ in diesem Jahr. Kann man auf jeden Fall mal gesehen haben. Hätte aber zu späterer Stunde im Brückenaward-Zelt noch viel mehr Bock gemacht. Schlag auf Schlag ging es weiter mit den Alternative Rockern Spoon. Die sind ebenfalls schon über 20 Jahre im Geschäft und wissen, wie man ein Festivalpublikum fesselt. Neue wie alte Hits wurden dankend angenommen und abgefeiert. Recht so. Nur nichts anbrennen lassen. Ähnliches dachten sich bei diesem hitzigen Wetter auch King Gizzard & The Lizard Wizard (hands down: bester Bandname der Welt) und nahmen mehrheitlich oberkörperfrei Aufstellung auf der Bühne. Es will schon etwas heißen wenn eine australische Bande extra erwähnt, dass es „fucking hot“ sei. Bewaffnet mit gleich zwei Schlagzeugern und drei Gitarristen machte sich die Psychedelic Rock Formation alsbald daran, die verschwitzte Meute vor ihnen in Ekstase zu versetzen. Vom ersten bis zum letzten polyrhythmischen Takt war das eine Show auf höchstem Energielevel. So kam auch der Hitze zum Trotz ordentlich Bewegung ins Publikum. Hot, hot, hot!
Danach konnte man das außergewöhnliche Duo Amanda Palmer (The Dresden Dolls) und Edward Ka-Spel (The Legendary Pink Dots) bewundern. Deren Set wurde leider von technischen Schwierigkeiten heimgesucht, die sie allerdings mit ihrem Humor und ein paar Anekdoten gekonnt zu überspielen wussten. Am besten ist Frau Palmer, die in dieser Konstellation bis auf einen Song im Mittelpunkt des Geschehens stand, aber immer noch wenn sie politisch oder auf persönlicher Ebene emotional wird. Licht und Schatten. Wir näherten uns nun mit großen Schritten dem Ende dieses kürzesten der drei Festivaltage. Am Parcours d’Amour stand noch der junge, talentierte Andy Shauf auf unserer Liste. Der Folkmusiker mit der langen Mähne und der Baseballkappe dirigierte seine Mitmusiker mit strengem Blick und schmachtender Stimme durch ein mehr als solides Set. Ein Konzert wie man es sich nach einigen anstrengenden Tagen gerne ansieht. Sitzen und mit einem Becher Spritzwein in der Hand. Herrlich! Leider mussten einige Minuten früher abhauen und uns schleunigst auf den Weg ins Palastzelt machen, denn dort standen um 20:30 bereits die letzten Headliner bzw. der nächste musikgeschichtliche Mythos auf der Bühne. Die Rede ist natürlich von Slowdive. Die wiedervereinigten und mit einem neuen Album bewaffneten Shoegaze-Veteranen durften wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Enttäuscht wurden wir auch hier zum Abschluss gottseidank nicht. Über eineinhalb Stunden zauberten Neil Halstead, Rachel Gosewell & Co. einen Sound aufs Parkett in dem man sich wahrhaftig verlieren konnte. Ein phantastischer Abschluss für dieses Festival und eine Band die wir von unserer must-see-Liste streichen können.

 

Fazit

Ein Festival veranstaltet von Menschen, die zum Teil entweder selbst Musiker oder einfach nur totale Musiknerds sind. Das merkt man nicht nur an den Jahr für Jahr liebevoll zusammengestellten Line-Ups sondern gerade an den vielen kleinen Details. Hier kriegt man eine hochkarätige Festivalerfahrung zum fairen Preis. Das Nebenprogramm mit Poetry Slam oder Steckenpferd Dressur ist passend und verdammt unterhaltsam und die kulinarische Versorgung (alles kommt aus der Region) ist in dieser Form und Qualität sowieso ziemlich einzigartig. Einzig mit dem angebotenen Bier sind unsere österreichischen Gaumen noch immer nicht so richtig warm geworden. Wo wir schon bei den wenigen Kritikpunkten sind:  Ein eigener Container wo man auf dem Campingplatz sein Geschirr abwaschen kann, wie es ihn im Vorjahr bereits gab, wäre wieder super. Dann kucken einen beim Zähneputzen auch nicht die Ravioli-Reste der Campingkollegen aus dem Abfluss an. Abgesehen davon sind uns auch bei allem angestrengten Nachdenken keine negativen Aspekte am diesjährigen Maifeld Derby in den Sinn gekommen. Das will schon etwas heißen.

Liebes Derby-Team, es war uns ein inneres Blumenpflücken. Wir sagen Danke und freuen uns bereits aufs nächste Jahr.

Fotos: Andreas Wörister ( Facebook Homepage )

 

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