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Ein faires Filmfestival braucht faire Arbeitsverhältnisse

Filmfestivals werden in Österreich oft mitgetragen von unbezahlten oder prekär beschäftigten MitarbeiterInnen. Das Vienna Shorts Filmfestival (VIS) wagte es heuer, dieses Thema in einer eigenen Veranstaltung anzusprechen. Die Lösung des Problems ist schwierig, doch erste Ansätze zeichneten sich ab.

Festivalarbeit als Berufsbild ist ein relativ neues Phänomen in Österreich. Dabei handelt es sich von Menschen, die professionell bei Filmfestivals (oder auch anderen Festivals) mitarbeiten, d.h. zumindest einen Teil ihres Lebensunterhalts auf diese Weise finanzieren. Sie kümmern sich dort beispielsweise um Programminhalte, betreuen die Gäste oder koordinieren hinter den Kulissen. Dabei finden sie sich oft in Beschäftigungsverhältnissen wieder, die schlechter sind als in etablierten Branchen. Konkrete Problemfelder sind faire Löhne und die soziale Absicherung. Am diesjährigen VIS fand am 30. Mai im Metro Kino eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema statt, an der sich VertreterInnen verschiedener Interessensgruppen beteiligten.

© VIS / Hanna Pribitzer

Als eine Möglichkeit, die Situation zu verbessern, wurde eine Erhöhung der Fördermittel für Filmfestivals ins Spiel gebracht. Barbara Fränzen vom Bundeskanzleramt erklärte, dass die Budgets beschränkt seien. Während die Budgets wachsen, würden auch die Festivals wachsen. Gleichzeitig gebe es immer mehr Filmfestivals, die um Förderungen ansuchen. Es würden jedenfalls keine Förderungen bewilligt, wo die Bezahlung des Teams nicht berücksichtigt wurde.

Dieser Ansicht widersprach Kurt Brazda, Mitglied des IMAGO Working Conditions Committee und Regisseur: Es gebe immer genug Geld, „nur nicht für uns“. FestivalarbeiterInnen seien währenddessen gefährdet, in die Armut abzurutschen.

Grit Lemke stellte die Initiative „Festivalarbeit gerecht gestalten“ vor, die 2016 gegründet wurde und das Thema in Deutschland vorantreibt. Dort hat sich die Initiative mit der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di verbündet. Für Österreich sei ein ähnlicher Weg vorstellbar.

(v.l.n.r.:) Daniel Ebner, Grit Lemke, Katja Wiederspahn. © VIS / Hanna Pribitzer

Derzeit sei die Hauptaufgabe, Daten zu sammeln, meint Lemke. In einem ersten Schritt sollen Berufsbilder auf Filmfestivals und deren Bezahlung erhoben werden, um daraus Richtlinien entwickeln zu können. In Deutschland sei eine solche Erhebung bereits im Gange. In Zukunft könnte man auf Basis dieser Daten Kollektivverträge entwickeln. Ein Problem dabei würden nicht angestellte Personen darstellen, da sie von solchen Regelungen nicht betroffen sind. Bezüglich Förderungen kritisierte Lemke, dass die Bezahlung des Teams bei Förderansuchen zu wenig berücksichtigt werde. Katja Wiederspahn, die als Programmkoordinatorin und -beraterin für die Diagonale arbeitet, sprach sich für mehr Transparenz aus. Es komme vor, dass FestivalarbeiterInnen nicht wissen, wieviel ihre KollegInnen verdienen. Die Bezahlung hänge dann stark vom persönlichen Verhandlungsgeschick ab.

Daniel Ebner, Moderator und Künstlerischer Leiter des VIS, gab einen Einblick in die Planung des eigenen Festivals. Es sei nicht sinnvoll, auf Kosten der MitarbeiterInnen mehr Programm anzubieten: „Wir haben gestrichen, was wir uns nicht leisten konnten.“ Kollege Benjamin Gruber (Kaufmännischer Leiter VIS) brachte aus dem Publikum die Frage ein, an wen sich die Forderungen richten sollten. Als Festivalleiter sei er in einer Doppelrolle. Auch Markus Zöchling, Mitarbeiter bei Diagonale, Viennale, Crossing Europe und anderen Festivals, sprach diese Doppelrolle an. Als Personalverantwortlicher sei er Ansprechperson für seine KollegInnen, gleichzeitig aber selbst von anderen Stellen abhängig. Während er für die Bezahlung des Teams ein hohes Minumum angesetzt habe, sei es schwierig, mehr zu zahlen. Dafür müssten die Fördermittel weiter steigen. Eine Gewerkschaft wäre eine sinnvolle Organisationsform für diese Probleme, antwortete Lemke. Diese biete einen Rahmen für Diskussionen.

(v.l.n.r.:) Kurt Brazda, Markus Zöchling, Barbara Fränzen. © VIS / Hanna Pribitzer

Als weitere Maßnahme schlug Lemke vor, Betriebsräte zu gründen. Auch Wiederspahn stimmte zu. Problem dabei sei aber, so Lemke, dass freie MitarbeiterInnen darin kein Mitspracherecht hätten. Brazda, der Gewerkschaften als wichtige Vertretung ansprach, kritisierte den Umstand, dass nur Angestellte vertreten würden. Es brauche eine Gesetzesänderung, um auch die übrigen FestivalarbeiterInnen einzuschließen. Klassische Anstellungen würden abnehmen, der Trend gehe zu sogenannten neuen Selbstständigen, beziehungsweise „neuen Abhängigen“. Auch deren Interessen müssten vertreten werden. Fränzen war ebenso der Meinung, dass die entsprechenden Gewerkschaften mehr Mitglieder haben sollten, um ihren Einfluss auszubauen. Sie könne sich auch vorstellen, dass Gewerkschaften bei der Entscheidung, welche Förderungen bewilligt werden, in Zukunft mitverhandeln. Lemke schlug außerdem vor, die Marke „Fair Festival“ auch für Filmfestivals zu etablieren, wie es in der Vergangenheit mit „Fair Film Production“ gelungen sei. Dadurch könne die Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam gemacht werden.

Alle DiskutantInnen befürworteten schließlich, dass sich FestivalarbeiterInnen organisieren sollten, um besser über ihre Forderungen verhandeln zu können. Auch aus dem Publikum kamen entsprechende Aufrufe. Besonders gegenüber der Regierung entstehe so eine bessere Position. Wie dieses Ziel konkret erreicht werden kann, muss noch geklärt werden.

Das Vienna Shorts Filmfestival läuft noch bis zum 4. Juni 2018. Info und Tickets unter viennashorts.at.

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