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Zauberhafte Melancholie an der Donau: Ahoi! The Full Hit of Summer

Ahoi! The Full Hit of Summer – Das Festival mit dem etwas sperrigen Namen und dem tendenziell erlesensten Lineup Österreichs. „Quality music for quality people“, lautete auch heuer das Motto unter dem das Open Air Bands wie The National, CHVRCHES, Moses Sumney, Deep Vally und Dream Wife und etwa 4.000 BesucherInnen an das Linzer Donauufer lockte.

Nach dem genialen Debüt 2016 mit Sigur Rós und Beirut und der nicht minder guten zweiten Ausgabe mit Arcade Fire, waren die ewig melancholischen Berufsgrantler von The National und die glitzernde Indie-Disco-Kapelle CHVRCHES dieses Jahr dran, diese Reihe an qualitativ hochwertigen Livekonzerten fortzuführen. Doch auch das Vorprogramm, dass in diesem Jahr aus hierzulande eher noch unentdeckten Artists bestand, erwies sich als sehr tauglich.

Um 14:30 eröffneten die Londoner Riot Grrrls Dream Wife das Festival mit ihrer fetzigen Mischung aus Garagenrock und Punk – laut und mit Begeisterung – trotz der für einen Wochentag undankbaren Beginnzeit. It’s a dirty job but someone’s gotta do it! Es wird nicht die letzte Chance gewesen zu sein die energiegeladenen Show von Dream Wife hierzuland zu sehen. Die Band hat Anfang 2018 ihr Debütalbum veröffentlicht und befindet sich noch am Beginn ihrer Karriere. Die sehen wir bald wieder!

Danach wurden das Distortion Pedal und der Big Muff in Stellung gebracht und der Verstärker auf 11 aufgedreht. Das Heavy-Rock-Duo Deep Vally ließ mit seinem langsam stampfenden Rock’N’Roll etwas heißen Wüstenstaub über die Donaulände wehen. Die beiden Damen rufen mit ihrer Musik naturgemäß Referenzen wie Royal Blood oder The Black Keys ins Gedächtnis. Und so falsch liegt man damit auch gar nicht. Grundsolide aber mit Steigerungspotenzial was die Originalität des Sounds angeht.

Ganz andere Töne gab es dann nach einem kurzen Regenguss bei Moses Sumney zu hören. Ein Mann wie ein Schrank, der mit einer beindruckenden Falsett-Stimme gesegnet ist und bei der Geburt wohl in ein Faß voller Soul gefallen sein muss. Bemerkenswert auch die futuristische Mikrofonständer-Konstruktion, die gleich 3 Arbeitsgeräte für den Sänger aus LA bereithalten musste. Die Musik im Hintergrund: reduziert und ambient-mäßig. Die drei Mitmusiker bedienen Schlagzeug, Synthie, Gitarre, Klarinette und Violine, wissen aber genau wo ihr Platz ist. „Hinten anstellen bitte! Der Chef schüttet gerade sein Herz aus.“ Ein genialer Auftritt, der abseits der vorderen Reihen aber leider unter der zu diesem Zeitpunkt noch vorherrschenden Picknick-Atmosphäre und der entsprechenden Gesprächskulisse im Publikum litt.

Mit der Gemütlichkeit musste es dann aber bei CHVRCHES vorbei sein – sollte man denken. Das schottische Indie-Pop-Trio, angeführt von Lauren Mayberrys unverkennbarer Stimme steht schließlich für eine bunte, lebensbejahende und vor allem tanzbare Show. So recht wollte der Funke trotz Hits wie „The Mother We Share“, „Get Out“ und „My Enemy“ im Duett mit The National-Barde Matt Berninger trotzdem nicht überspringen. Die Stimmung blieb merklich unterkühlt, was irgendwann auch die Band etwas zu nerven schien, was den Gesamteindruck des eigentlich auch sehr guten Auftritts im nachhinein leider etwas trübt. Livekonzerte leben ja immerhin von der Interaktion zwischen Künstler und Publikum. Ein Problem, das leider auch The National nicht völlig ausblenden konnten…

Spätestens seit ihrem Grammy-Gewinn und dem Megaerfolg des letzten Albums „Sleep Well Beast“ scheint die Band um Matt Berninger und die Brüderpaare Dessner/Devendorf endlich in der obersten Liga des kommerziell erfolgreichen Indie-Rocks angekommen zu sein. Seit mehr als 20 Jahren veröffentlicht die Band aus Ohio mittlerweile Musik und tourt durch die Welt. Eine kleine Anekdoten von zwei Linz-Gastpielen in der KAPU vor mehr als 15 Jahren (und ungefähr genau so vielen Besuchern) passt da wunderbar ins Bild und erheitert die Gemüter. Das wurde mit dem brandneuen Song „Quiet Light“ eröffnete, legte seinen Schwerpunkt in Folge natürgemäß auf das jüngste Album rund um den Megasong „The System Only Dreams In Total Darkness“ und streute immer wieder lieb gewonnene Hits wie „Don’t Swallow The Cap“, „Blood Buzz Ohio“ und „Fake Empire“ ein. Mit „Graceless“ fiel ein potenzielles Highlight leider technischen Problemen zum Opfer, wurde nur kurz angespielt und dann abgebrochen. Die Band mühte sich, gab spürbar alles und wirkte dann doch auch irgendwie genervt von der teils herrschenden Apathie. Seine standesgemäßen Ausflug ins Publikum ließ sich Mr. Berninger nicht nehmen, die eigentlich vorgesehene Zugabe „Vanderlyle Crybaby Geeks“ dann aber schon. Ein magischer Abend mit leichten Abstrichen also. Solche Bands in diesem Ambiente (und zur Abwechslung in Linz) sehen zu können bleibt trotzdem die unschlagbare Stärke des „AFHOS“.

Der Abend wurde mit einer Show nach der Show, bei der Red Bull Music Stage im zur Disko mutierten, nächtlichen Foyer im Linzer Brucknerhaus komplettiert. Hier konnte man mit dem schottischen Hip-Hop und Pop-Trio Young Fathers, der jungen Band Anger aus Brixen/Südtirol sowie Jakob Bouchal aka Disco Demons an den Decks ein spätsommernächtliches Highlight genießen. Vor allem der verschwitzte Auftritt der Young Fathers, bei dem doch endlich noch die ersehnte Partystimmung aufkam in einem Ambiente, welches man als Linzer gemeinhin mit Maturabällen verbindet, wird noch länger im Gedächtnis bleiben. Ein starker Abschluss!

Der Vorverkauf für 2019 läuft übrigens schon. Dann einer der Headliner: Bilderbuch. See ya!

Fotos: Andreas Wörister / Christoph Thorwartl

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Schreibt Albumrezensionen, Konzertberichte und führt gerne Interviews - transkribieren tut er diese aber weniger gern. Immer wieder auch für Blödsinnigkeiten abseits seines Kerngebiets "Musik" zu haben. Hosted einmal monatlich die Sendung "Subtext on Air" auf Radio FRO, ist bei mehreren Kulturinitiativen und in einer Band aktiv.

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