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Defeater: Ein Drink auf gefallene Kameraden

Defeater befinden sich gerade zur Feier ihres bald erscheinenden fünften Albums auf großer Europatour mit Dead Swans und Swain. Vergangenen Dienstag bekam man die Bostoner Hardcore-Kapelle nach 3 Jahren Absenz wieder in Österreich, genauer in der Arena Wien zu sehen.

Das vorab: So spielfreudig und „vital“ hat man das Quintett schon länger nicht mehr gesehen. Die verdiente Verschnaufpause und das kreative Herumtüfteln an der neuen Platte scheinen Defeater sehr gut getan zu haben. Aber, first things first…

Den Anfang machten die in Berlin lebenden Hardcore-Grunger Swain (ehemals in Holland beheimatet und unter dem Namen This Routine Is Hell noch deutlich brutaler zu Werke gehend). Fuzzige 90s-Gitarren, stampfende Rhythmen und rohe Energie fasst das was Swain machen ganz gut zusammen. Aber auch eine waschechte Grunge Ballade mit einem unschlagbaren Titel wie „Never Clean My Room“ hat das Trio im Repertoire. Dass sie aus dem Line-Up des Abends stilistisch etwas herausragten, war der Band bewusst und dementsprechend artig und bescheiden bedankte sich Sänger Noam für das brave Zuhören. Die Chance einige neue Fans zu erobern sollten sie mit dieser wilden und/aber sympathischen Performance aber genutzt haben.

Dead Swans haben eine spezielle Beziehung zu Wien. Sänger Nick und Ex-Gitarrist Robbie haben für einige Jahre in Wien gewohnt, oder wohnen immer noch da und haben hier die Skatepunk Band Public Domain (mittlerweile in Last Shreds umbenannt) gegründet. Es war das erste Dead Swans Konzert in Wien seit der Auflösung der Band 2012 (seit 2016 spielen Dead Swans wieder Konzerte – insbesondere in Großbritannien) – also ein durchaus sehr emotionales Wiedersehen für einige der Beteiligten, ob auf der Bühne oder im Publikum. Emotional sind vor allem auch die Themen der Songs. Allen voran das Thema psychische Gesundheit hat eine enorme Wichtigkeit für die Band. Ab dem ersten Song war die Intensität auf der Bühne auf 100 Prozent. Bei einigen Moshpit-Spezialisten im Publikum vielleicht sogar ein bisschen zu viel des Guten, aber auf dieses Thema will ich hier mal nicht näher eingehen. Gut jedenfalls, dass sie wieder da sind, die Dead Swans.

Defeater zeigten sich im Anschluss in prächtiger Spielfreude und vereinnahmten das gesamte Publikum ab Sekunde eins der Show für sich. Gut bei Stimme und auch körperlich wieder besser in Schuss als je zuvor: Sänger Derek Archambault. Nicht dass Defeater nicht sowieso eine brutal gute Liveband wären, aber zum Beginn einer Tour, merkt man ihnen diese paar Extraprozent in Sachen Frische nun einmal an. Im Mai wird das neue „self-titled“ Album der Band erscheinen. Zwei Songs daraus wurden vorab bereits veröffentlicht und am Dienstag auch bereits live zum Besten gegeben. Darüber hinaus gab es viel von der letzten Platte „Abandoned“ zu hören und natürlich Klassiker wie „Dear Father“ und „The Blood Red And Blues“. Die sind live immer noch Garanten für mitbrüllende Menschen, die in den ersten Reihen übereinander herfallen und nach dem Mikrofon lechzen. Man kann sagen das Energielevel auf und abseits der Bühne wurde auch hier vollumfänglich ausgeschöpft. So vital hat man Defeater schon länger nicht mehr erlebt und mit einer neuen, hoffentlich wieder ähnlich guten Konzeptplatte im Gepäck sollte das auch noch für einige Jahre so bleiben. Die (fiktiven) Kriegsgeschichten rund um eine zerrissene Familie dürften ihnen so schnell nicht ausgehen und so lange die Qualität so hoch bleibt, sagen wir: „Old man, pour another couple drinks on me!“

Fotos: Andreas Wörister / Slihs Photography

 

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Schreibt Albumrezensionen, Konzertberichte und führt gerne Interviews - transkribieren tut er diese aber weniger gern. Immer wieder auch für Blödsinnigkeiten abseits seines Kerngebiets "Musik" zu haben. Hosted einmal monatlich die Sendung "Subtext on Air" auf Radio FRO, ist bei mehreren Kulturinitiativen und in einer Band aktiv.

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