I watched you change: Wie WHITE PONY vor 20 Jahren dem Nu Metal davongaloppierte

Findet man sich plötzlich in einem Klassenkampf wieder, ist es ratsam, an den Schrauben zu drehen und somit die Taktik zu ändern. Beharrlichkeit zahlt sich schließlich aus, wenn der Wille zur Beständigkeit vorhanden ist. Nachhaltige Musik braucht ja oftmals Zeit, um ihre Dringlichkeit zu unterstreichen. Vorhang auf für die Deftones: Mit „White Pony“ reift die Formation aus Sacramento vor zwanzig Jahren endgültig von Musikern zu ernstzunehmenden Künstlern mit einer Vision heran.

© Warner Music

Nach zwei Alben, dem Debüt „Adrenaline“ und dem Nachfolger „Around The Fur“, zeichnet es sich schon ab, was da noch kommen soll. Leicht macht es die Band einem jedoch nicht, sich im Juni 2000 zurechtzufinden. Stephen Carpenter (Gitarre), Chi Cheng (Bass), Abe Cunningham (Schlagzeug) und Chino Moreno (Gesang, Gitarre) fügen ihrem wüsten wie melodielastigen Crossover-Sound noch einmal ganz neue Facetten hinzu, welche stilprägend für das boomende Nu Metal-Genre sein werden. Neuzugang Frank Delgado hilft dabei, mit seinen DJ-Skills der Platte weitere Flächen, Loops und Texturen zu verpassen. Zusammen mit der knackigen und doch stimmungsvollen Produktion von Terry Date (Soundgarden, Limp Bizkit) gelingt es ihnen, „White Pony“ eine architektonische Qualität zu verpassen, die ihnen in dieser Form nie wieder gelingen wird und ja, auch viel Aufmerksamkeit fordert. Dieser Schimmel reitet jedenfalls selbstbewusst über ein Geflecht, in dem man sich nach Anfangsschwierigkeiten auch abseits der Hits und Singles sehr gut aufhalten kann und das bis zum heutigen Tage immer noch Bestand hat.

„White Pony“ zu hören heißt, nach Bildern und Stimmungen Ausschau zu halten. Es ist ein Album, welches kontinuierlich neue klangliche Räume aufreißt, aufbrausende („Elite“), atmosphärische („Knife Prty“) und auch futuristische („RX Queen“). Eruptionen und Ruhezustände wechseln sich dauernd ab, Lufthol-Momente folgen auf Tobsuchtsanfälle und umgekehrt. Und dann noch die Texte, die bei den Deftones immer Abgründiges zu bedeuten haben. Irgendetwas Manisches, konkret Uneindeutiges, treibt Sänger Chino Moreno an. Es werden Bilder projiziert, immer wieder sexuell konnotierte, die wie knisternde Filmrollen aufplatzen. Moreno keift uns Hymnen über Metamorphosen, Viren und Depressionen ins Ohr, die sich alles, nur nicht anbiedern wollen. Stone Temple Pilots-Frontmann Scott Weiland ist zum damaligen Zeitpunkt anscheinend so angetan im Studio, dass er gleich Backingvocals dazusteuert, von denen die Öffentlichkeit erst Jahre später erfährt.

„You breathed then you stopped“

Moreno klingt wie ein Geist, der sich zwischen all dem Beton und den Stahlträgern verlaufen hat. Die Neonröhren leuchten und flackern auf, wenn zerdehnte, langsam voranwühlende Song-Landschaften wie „Digital Bath“ – ein Stück, welches zuerst unter den Fingern hinwegzufließen scheint wie warmes Wasser und dann immer tosender wird – auftauchen. „Teenager“ lässt einen hingegen sachte innehalten und führt behutsam an der Hand. Manchmal sind es auch kleine, unbedeutend wirkende Dinge, die zu einem späteren Zeitpunkt ins Gewicht fallen wie die Backgroundschreie von Schauspielerin Rodleen Getsic in „Knife Prty“, die den feinen Unterschied machen.

Die Höhepunkte sind zahlreich. Der wuchtig vorgetragenen Refrain von „Change (In The House Of Flies)“. Das in muskulöse Riffs gekleidete „Street Carp“. Die verschachtelten Rhythmus-Raffinessen vom bereits erwähnten „RX Queen“ oder das Duett mit Maynard James Keenan (Tool, A Perfect Circle), welches wie ein Monolith aus dem Album herausragt und mit subtiler Wucht durch die Windschutzscheibe kracht („Passenger“). Es gibt auch Schwachstellen wie den etwas zu generisch geratenen Opener „Feiticeira“ oder den mäandernden Schlusspunkt „Pink Maggit“, aber die Glanztaten haben in all den Jahren nichts von ihren großartigen Attributen verloren.

„I can float here forever“

Wie viele Alben wurden gekauft, die ähnlich wie „White Pony“ geklungen haben, nur, um dann doch wieder zu „White Pony“ zu greifen? Fest steht, dass die Formation vor zwanzig Jahren das Hochplateau ihres musikalischen Schaffens erklungen hat. Es beherbergt (nach wie vor) eine klangliche Detailverliebtheit, die das Album wachsen und wachsen hat lassen. Falls man bislang nicht zugegriffen haben sollte, gibt es aktuell gleich doppelt Anreiz dazu, denn die Band spendiert ihrem Erfolgswerk ein brandneues Remix-Update unter dem Titel „Black Stallion“ mit namhaften Gästen wie DJ Shadow, Robert Smith (The Cure) oder Mike Shinoda von Linkin Park.

Tracklist:
01. Feiticeira
02. Digital Bath
03. Elite
04. RX Queen
05. Street Carp
06. Teenager
07. Knife Prty
08. Korea
09. Passenger
10. Change (In The House Of Flies)
11. Pink Maggit

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Fotos: Warner Music

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