BLUE OCTOBER: Geteiltes Leid ist halbes Leid

BLUE OCTOBER: Geteiltes Leid ist halbes Leid

Es gibt Leute, die leiden mehr als alle anderen. Es gibt auch Bands, die mehr durchmachen müssen als ihre Kollegen. Ein gutes Beispiel hierfür sind Korn, die schon seit Jahren mit den mentalen Problemen von Sänger Jonathan Davis hausieren gehen. Ihr Ding. Auch bei den Amerikanern von Blue October werden die Ängste und Schwächen nicht unter den Tisch gekehrt. Die Schwierigkeiten des Lebens werden demonstrativ vorgetragen. Jeder soll sehen, wie hier gelitten wird. Die Kritiker verurteilen diesen Schachzug und sehen darin bloß einen schlauen Marketingtrick, die Fans jubeln hingegen wegen der Ungekünstelheit und Wahrhaftigkeit, mit der sie es hier zu tun haben. In Amerika tun das schon einige.

Seit 2009 versucht die Band um Sänger Justin Furstenfeld auch hierzulande Fuß zu fassen. „Approaching Normal“, das letzte Studioalbum, machte einen guten Einstand. Es schien so, als hätten Blue October sich und ihren Sound darauf gefunden. Nun ist alles wieder offen und anders. Eine Band im Wandel oder auf der Suche? Nach den Linernotes zu urteilen, dient „Any Man In America“ alleinig dazu, die Scheidung von Furstenfeld zu verarbeiten, sowie den damit verbundenen Sorgerechtsstreit mit seiner Ex-Frau wegen seiner Tochter. Eine Geschichte, die jedem widerfahren kann.

Dass sie herausragende Songwriter sind, kann nicht behauptet werden, doch Blue October können unterhaltsame Rocksongs wie das vielschichtige „The Feel Again (Stay)“, das aufreibende „You Waited Too Long“ oder „The Chills“ aus dem Ärmel schütteln, das ein wenig an die Killers erinnert. „The Money Tree“, ein elektronisches Stück, wie es momentan auch von The Naked And Famous kommt, beginnt mit akustischen Gitarren und entwickelt sich anschließend zu einer bunten Kirmesshow. Hier fragt man sich, wo die Band eigentlich genau hin möchte. In „The Flight“ hält neben einer aufgezeichneten Konversation, berührenden Streichern und Fuzzgitarren, auch Sprechgesang Einzug. Ja, auch HipHop-Elemente haben sich eingeschlichen. Mal funktionieren sie besser, mal schlechter. „Drama Everything“ und „The Getting Over It Part“ liebäugeln mit R’n’B-Motiven und lupenreinen Beats (Timbaland anyone?), allerdings ganz sachte. Schwer melodiös bleibt es trotzdem. „The Worry List“ schwelgt dann in großer Placebo-Manier („My Sweet Prince“). Offensichtliche Hits gab es auf „Approaching Normal“ so einige, hier geht es mehr um ein stimmiges Gesamtbild. In Musik gegossener Weltschmerz trifft auf allerlei sphärische Klänge. Hier füllen sich Prog-Pop und Art-Rock zuhause. Umrahmt von sattem Blau, verbirgt sich hinter einer Kinderzeichnung eine mehr als homogene Platte. Wie sie das wieder hingekriegt haben.

Facts: Blue October – Any Man In America

Gesamtspielzeit: ca. 62 Minuten

Edel (earMUSIC)

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Foto: Edel

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