Shame: so soll ein Sophomore-Album klingen!

London, Post-Punk, neues Album. Klingt gut? Ist es auch. Bereits Mitte Januar erschien mit „Drunk Tank Pink“ der Londoner Post-Punk-Formation Shame eine Platte, die der Autor dieser Zeilen mit am stärksten erwartet hatte, um die Pandemie 2021 zumindest musikalisch zu überleben. Fazit: so muss ein Zweitling klingen, der mal so gar nicht bekannten Facetten folgen möchte. 

Zuallererst ein Rückblick ins Jahr 2018: Open-Air-Konzerte waren noch ein Ding, auf Festivals wurde Spaß gehabt, und an der Linzer Donaulände spielte vor 10000 Leuten Wanda. Und eine Vorband. Die hieß Shame, kam damals auch schon aus London, und sorgte für einen Culture Clash, den Linz so auch noch selten erlebt hatte. „Als absoluter Gegenpol zu Wanda“ bezeichnete Kollegin Dorinda Winkler damals die Show um ca. 18 Uhr vor ca. 8000 wandahungrigen Ungläubigen. Damals schon offensichtlich: Live-Shows können sie, die Herren Charlie Steen und Co. Auch das Album „Songs Of Praise“, das damals das Debut war, läuft bis heute noch und ist relativ gut gealtert. Damals sicher subjektiv gesehen für mich das bessere Set an diesem Abend.

Shame, 2018 mit ihrem Debut „Songs of Praise“ live in Linz

Apropos „gut gealtert“: das sind auch Shame, wenn man bedenkt, dass die Members auch erst Mitte 20 sind. Thematisch wird auf „Drunk Tank Pink“ der Übergang von Adoleszenz zum Erwachsensein thematisiert, textlich und musikalisch gesehen. Und Shame schaffen dazu etwas, was nur wenige hinkriegen: auf dem Zweitling nicht wie die B-Seite eines gefeierten Debuts zu klingen, sondern sich gekonnt weiterzuentwickeln. Sollte die Pandemie also etwas Gutes haben: Musiker haben endlich wieder Zeit, sich Gedanken über ihr eigenes Schaffen und die Umwelt zu machen, anstatt im Tourbus zwischen Straße und Club dahinzuvegetieren.“Weiterentwicklung“ ist ja auch immer so eine Floskel, wenn es um Bandbeschreibungen geht, würde man wohl dazu sagen. Aber hier zutreffend: klarerweise hat auch hier die Pandemie, Lockdowns, Veranstaltungsverbot und Co ihr Übriges dazu beigetragen, den Sound zu beeinflussen (auch wenn schon Vieles vor dem Lockdown fertig gewesen sein soll). Denn Eines sind Shame 2021 sicher nicht mehr: your average Band von der Stange. „Nigel Hitter“ mit Spoken-Word-Einflüssen, „Born In Luton“, das wie geschaffen für räudige Underground-Clubs klingt (an dieser Stelle: hach, Vermissung!), und „March Day“, das dazu einen kompletten Kontrast bildet, sind erst der Einstieg an ein Album, das auf vielen Gedanken- und Musikhochzeiten gleichzeitig tanzt.

Die Single-Auskopplung „Water In The Well“ rumpelt irgendwo zwischen Garage-Rock und Alternative dahin, beweist aber, dass Shame auch immer eine „Nummer größer“ denken, denn: die Nummer wird sich jahrelang auf Live-Setlisten halten, und nicht nur deswegen, weil sie eine Single ist. Ein Break danach: „Snow Day“, der den Finger jedes Post-Noise-Rock-whatever-Symphatisanten sofort den Button „In meine Standardplaylist“ drücken lässt. Klangwälle, die man jeder dezidierten Postrock-Band zutrauen möchte, hier aber quasi „nebenbei“ auch in einer Qualität vorhanden sind, die man getrost als „Dampfwalze“ bezeichnen kann. Fast schon der Höhepunkt der Platte, der danach aber typisch für das Werk mit einem weiteren musikalischen Break endet: „Human, for a Minute“, das ruhigere Töne und damit einen kompletten Kontrast bietet. Ein nachdenklicher, melancholischer Song, der ebenfalls zu den stärkeren der Platte zählt. Danach wird bei „Great Dog“ wieder Gas gegeben, bei „6/1“ wieder räudig abgerockt, sowie mit „Harsh Degrees“ und „Station Wagon“ eine Platte beendet, die einen ganzen Haufen Facetten einer Band beinhaltet, von der wir jetzt schon begeistert sind. Alternative Rock, Spoken Word, ein bisschen Post-Klangwälle – da ist für jeden was dabei, der aktiv gegen die musikalische Stille der Lockdowns ankämpfen möchte.

Das Album „Drunk Tank Pink“ sei laut Pressetext „wie eine Bierflasche, die aus einem bitterlich vermissten Mosh-Pit gefeuert wird“. Da Moshpits Mangelware sind, sollte man sich zu dieser Platte gerne eines seiner Lieblingsbiere gönnen. Denn Shame beweisen, dass sie eine der Bands sind, von denen wir hoffentlich noch lange viel hören, und die die multiplen Facetten dieser Platte noch auf vielen Nachfolgern verfeinern könnten. Gerne wieder live, von mir aus auch wieder als Vorband einer ausverkauften Festivalshow eines riesigen Headliners eines anderen Genres. Denn enttäuscht würden zumindest wir nicht sein – und bis dahin legen wir „Drunk Tank Pink“ sicher noch einige Male auf den Plattenteller!

Shame: Drunk Tank Pink
VÖ: 15.01.2021, Dead Ocean Records
Tracklist
01. Alphabet
02. Nigel Hitter
03. Born In Luton
04. March Day
05. Water in the Well
06. Snow Day
07. Human, for a Minute
08. Great Dog
09. 6/1
10. Harsh Degrees
11. Station Wagon
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Titel- und Livefoto: Christoph Leeb

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geschrieben von

Musik-Nerd mit Faible für Post-Ehalles. Vinyl-Sammler. Konzertfotograf mit Leidenschaft, gerne auch analog. Biertrinker. Eishockeyfan. "Systemerhaltende" Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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