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EXCUSE ME MOSES: „Wenn wir Musik machen, denken wir nicht in Landesgrenzen“

EXCUSE ME MOSES: „Wenn wir Musik machen, denken wir nicht in Landesgrenzen“

2007, was für ein Jahr: Nicolas Sarkozy wird französischer Präsident, Gordon Brown löst Tony Blair als Premierminister ab, Ban Ki-moon wird neuer Generalsekretär und es finden weltweit Live Earth-Konzerte statt. In Österreich kommt es zur Großen Koalition und auch kulturell herrscht Aufbruchstimmung.

Die „Neuen Österreichern“ werden damals vom größten Radiosender des Landes aus der Taufe gehoben. In der Tat hört man von Gruppen wie SheSays, Zweitfrau oder Herbstrock heutzutage reichlich wenig. Excuse Me Moses waren damals aktiv und sind es heute immer noch. Sie halten die Flagge hoch und haben wieder etwas ausgeheckt. Schlicht „III“ heißt das neue Album, welches die Stärken der österreichischen Rock-Formation konsequent ins rechte Licht setzt.

Im Interview mit subtext.at spricht Sänger Michael „Paukee“ Paukner über Vorurteile, Entstehungsprozesse, und weshalb es sich lohnt, trotz aller Widrigkeiten im Leben weiterzumachen.

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subtext.at: Paukee, warum sind aller guten Dinge drei und weshalb freut sich immer der Dritte, wenn zwei sich streiten?
Paukee: Man braucht den Dritten, um eine demokratische Entscheidung zu treffen. Wenn sich zwei streiten, weiß es der Dritte und bei Bands funktioniert das eigentlich auch nach diesem Prinzip. Bei uns herrscht eine Demokratur – alle dürfen mitreden, aber ich entscheide dann zum Schluss (lacht). Na, jeder darf seine Wünsche und Bedenken äußern, ist auch wichtig und hält uns als Freunde zusammen. Wir haben kein Mastermind, sondern wir sind nur vier Musiker, was manchmal gut ist, manchmal nicht so gut ist. Wir möchten demokratisch die beste Musik machen, die man gemeinsam machen kann.

subtext.at: Beim Ö3 Soundcheck 2005 habt ihr ebenfalls den dritten Platz belegt…
Paukee: Ja, aber bei der Eurovision Songcontest-Ausscheidung waren dir dann elfte. Wir haben immer den vierten Platz.

subtext.at: Den undankbaren, vierten Platz.
Paukee: Ja, sozusagen, aber das macht einen nur stärker.

subtext.at: Die Zahl 3 steht für viele Dinge; Gottvater, Sohn und heiliger Geist. Die heiligen drei Könige. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Fest, flüssig, gasförmig. Anfang, Mitte und Ende…
Paukee: Cool. So weit haben wir gar nicht gedacht beim Betiteln des Albums (lacht).

subtext.at: Ist euch kein besserer Titel eingefallen?
Paukee: Es war in der Tat banal, weil wir einfach gesagt haben, es ist das dritte Album (lacht). Aber schön, dass du da so viel rauslesen kannst. Ist natürlich etwas, was einen freut, wenn die Fans aus der Musik und den Titeln viel mehr raushören können, als wir es uns vielleicht gedacht haben.

subtext.at: Das größte Kompliment, dass man einer österreichischen Band machen kann? Sagen, dass sie nicht österreichisch klingt?
Paukee: Ja, das hört man oft. Letztens habe ich die Frage gehört: „Ihr klingt so amerikanisch, war das Absicht?“ Wenn wir Musik machen, denken wir nicht in Landesgrenzen. Oder an irgendwelche anderen Grenzen. Wir sind mit der Musik in den 90ern aufgewachsen, mit dem Rock, auf den ich immer noch persönlich stehe. (überlegt kurz) Die Musik klingt, wie sie klingt. Das größte Kompliment war ein Fan, der einst in den Backstageraum gekommen ist, total besoffen und gesagt hat: „Hey, wie seid ihr so berühmt geworden?“ Das war ein tolles Kompliment und ist bei uns immer noch ein Running Gag (lacht).

subtext.at: Füllen Excuse Me Moses in Österreich eine Lücke?
Paukee: (überlegt) Ja, mittlerweile glaube ich schon. Wir haben mit unzähligen anderen Bands begonnen, zur Jahrtausendwende ist das aufgekeimt, von denen gibt es fast keine einzige mehr. Die „Neuen Österreicher“, die damalige Ö3-Promotion – von denen gibt es, glaube ich, uns nur. Mir fallen sonst keine mehr ein, vielleicht noch ein oder zwei andere. (überlegt) Wir schließen insofern die Lücke, dass wir einfach weiter machen, ohne ständig auf Erfolg aus zu sein. Legt man irgendwann ab, wenn man Rückschläge erleidet (lacht). Soll aber nicht heißen, dass wir keinen Erfolg haben möchten. Wir haben uns entwickelt und als wir das Album recordet haben, haben wir gemerkt, dass bei uns der Weg das Ziel ist. Wir genießen einfach den Moment, wenn wir Musik machen und recorden. Davor haben wir uns immer nur wochenlang auf den Release gefreut und dann – gar nichts (lacht). Das war dann auch die Enttäuschung und so baut man sich per Gedankenkonstrukt auf und man sagt sich, dass die Musik an sich und der Spaß die wichtigsten Dinge sind.

subtext.at: Was ist euch wichtiger, der Prozess der Entstehung oder das Ergebnis, das Resultat?
Paukee: Das Resultat ist das Resultat, die Entstehung die Entstehung. Es ist aber dann etwas Abgeschlossenes. Wenn man im Songwritingprozess drin ist, ist es eine ständige Weiterentwicklung. Irgendwann hat es ein Ende (gibt sich fünf Löffel Zucker in den Espresso). Das Album ist ja schon länger fertig und als Band wartet man immer auf den Release. Hat jetzt sicher ein Jahr gedauert, weil mit Partnern zusammenarbeiten, die das gut aufhängen. Für mich ist das neue Album jetzt wieder alt (lacht). Es ist dann irgendwie wie ein Fotoalbum, das man sich anschaut – aber eben für die Ohren. Die fertige CD kann man nicht unbedingt mit ihrer Entstehung gleichsetzen.

subtext.at: Bei manchen Bands gibt es einen Punkt, von dem man sagt, dass wenn er erreicht ist, der eine intuitiv weiß, wo die anderen hin wollen. Bei „III“ habe ich dieses Gefühl.
Paukee: Es gehört ganz bestimmt eine gewisse Chemie und Magie zwischen den Musikern dazu. Diesen Prozess kann man nicht wirklich beeinflussen, passiert halt unterbewusst und basiert auf Freundschaft und Verständnis. Nach dreizehn Jahren Bandgeschichte haben wir dieses Level bestimmt.

subtext.at: Die Krone meint, dass ihr eure Alternative-Einflüsse ausgemerzt habt und nur mehr auf Mainstream-Rock setzt. Es fallen die Worte „glattgebügelt, gut produziert und irgendwie angepasst“…
Paukee: Ich bin relativ immun gegen jegliche Kritiken von Journalisten, weil es einfach die Meinung eines Einzelnen ist. Vielleicht ist es mit einem Vorurteil verbunden. Ein anderer schiebt das wieder in eine andere Ecke. Wir haben das jetzt gemerkt bei den Radios in Österreich, die gemeint haben „Ja, gefällt uns nicht“ und in Deutschland auf der anderen Seite, die uns noch nicht kennen und keine Vorurteile gegenüber Ö3-Bands haben, kriegen wir das beste Feedback. Deswegen liegt alles im Auge des Betrachters. Kritik nehme ich mir nicht zu Herzen.

subtext.at: Ihr habt mit Oliver Pinelli zusammengearbeitet, der Künstler wie Rosenstolz oder Unheilig produziert hat. Passt das zusammen?
Paukee: Ja, weil seine Arbeit als Produzent war in dem Fall mehr Supervising, kann man sagen. Das Musikalische ist bei der Band im Studio entstanden, deswegen haben auch wir die Hand über den Sound behalten. Den Oliver haben wir uns ins Boot geholt, als Dritten und Außenstehenden, der eben auch eine Meinung hat. Der hat uns ziemlich den Kopf gewaschen. Er hat sich die Demos angehört und hat gemeint: „Ja, Burschen, super – aber Kraut und Rüben!“ Deswegen ist auch die erste Hälfte der Songs wieder herausgeflogen. Wir haben dann nur mehr Rocksongs geschrieben, weil es uns wichtig war, einen roten Faden in das Album zu bringen und es dann auch promoten zu können. Oliver hat uns ein bisschen in diese Stimmung gebracht, was bestimmt auch kein leichter Prozess war. „III“ ist kompakt, aber kein Einheitsbrei. Metal-Magazine kritisieren die ruhigen Songs und die anderen kritisieren die rockigen Songs (lacht). Ich sage: Es ist für jeden etwas dabei.

subtext.at: Seht ihr „III“ als gescheitert an, wenn euch das Album neuen Schwung gibt, aber bei euren Fans durchfällt?
Paukee: Na, da mache ich mir keine Sorgen. Wenn ein Fan die neuen Songs beim Konzert live gespürt hat, wird es nicht mehr viel Überzeugungsarbeit brauchen.

subtext.at: Wie siehst du denn die Situation der Musikschaffenden in Zeiten von Spotify und Co.?
Paukee: Ich muss sagen, dass ich Spotify auch benutze, um auf neue Musik zu stoßen. Wie das so ist mit dem Internet und der Globalisierung – man kommt leichter zu neuen Sachen. Es wird einem viel aus der Hand genommen. Was man als Künstler daran verdient? Ich glaube fast nichts. Auf der anderen Seite finde ich es schade, dass es keine LPs mehr gibt, wo man sich Seite A und Seite B durchhören muss. Ist sozusagen ein zweischneidiges Schwert. Ich höre mir schon Alben an, wobei es Leute gibt, die kaufen sich nur einen Song, und zwar den, der in den Charts ist. Ich glaube, dass es sogar 80% sind. Ohne Internet würden uns vielleicht noch weniger Leute kennen. (überlegt) Ich habe unser neues Album auf einem Torrentchannel gefunden, bevor es offiziell erschienen ist und mich hat das gefreut (lacht). Geht schnell.

subtext.at: Die Single „My Friend“ thematisiert das Aufgeben und stellt die Frage, warum man nicht doch alles hinwerfen sollte. Tja, warum eigentlich nicht? Wann lohnt sich ein Weitermachen nicht mehr?
Paukee: In „My Friend“ geht es ja um das Ego, um das eigene Selbst. Es heißt ja auch „My friend, we are one and the same“, was der Schlüssel ist. Mit sich selber ist man jeden Tag im Klinsch. Es ist wichtig, sich über sich selbst und seine Wünsche Gedanken zu machen, sonst brauchst du gar nicht aus dem Bett steigen.

subtext.at: „Don’t Give Up“ steuert dann wieder dagegen. Könnt ihr euch nicht entscheiden?
Paukee: (lacht) Das Album und die Songs sind über eine lange Zeit, mit vielen Höhen und Tiefen, entstanden. Ein gediegener Song wie „Don’t Give Up“ braucht keinen Text über Revolution. Da muss man dann auch textlich die Stimmung und Message ansagen.

subtext.at: „Don’t Try Just Do It“ hört sich nach dem Nike-Slogan an. Wie gelingt es einem am besten, alle Sorgen und Bedenken über Bord zu werfen?
Paukee: Ich habe genau so meine Bedenken und Sorgen wie jeder andere Mensch. Jeder findet seine eigene Methode, um sich für den nächsten Tag zu motivieren. Ich bin kein Schwarzmaler, der jeden Tag nach dem Glück suchen muss – ich versuche, das Glück jeden Tag zu sehen. Es heißt aber nicht, dass man sich nicht über die Welt ärgert. Mein einjähriger Sohn, der relativiert da schon einiges. Man soll auch dankbar sein, über die Dinge, die man hat. In Wien wird viel genörgelt und diese Grundstimmung schwebt über der Stadt wie Wolken. Es geht vielen Leuten schlechter. Unsere Band ist ein soziales Gefüge und wir können froh sein, weil wir uns gefunden haben und Musik machen können. Es gibt Leute, die haben sich bei unseren Konzerten gefunden und da sind auch schon Kinder entstanden.

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