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Theaterkritik: „Höllenangst“

Theaterkritik: „Höllenangst“

Das 1849 entstandene Stück „Höllenangst“ von Johann Nestroy wurde im selben Jahr, ohne großen Erfolg zu haben, uraufgeführt. Erfolgreicher war hingegen die Premiere am 12.9. im Linzer Phönix Theater, in welchem das Werk noch bis Anfang November besucht werden kann.

Wendelin (Sebastian Pass) hat seinen Beruf als Gefangenenwärtergehilfe verloren, nachdem er einem unschuldig Inhaftierten zur Flucht verholfen hat. Der Gefangene Herr von Reichenthal (Matthias Hack) hatte die Schusterfamilie unterstützt. Seither ist die Lage von Wendelin, seinem Vater Pfrim (Peter Badstübner) und seiner Mutter Eva (Felix Rank) noch schwieriger geworden. Während Wendelin und seine Mutter bedauern, sich gegenseitig nichts zu essen anbieten zu können, trägt Herr von Stromberg (Peter Badstübner) mit Goldstickereien versehene Kleidung.

Als sich die Familie über die Ungerechtigkeiten der Welt auslässt, beschwört Wendelin den Teufel herbei. Denn: „Der Teufel ist überhaupt nicht das Schlechteste, ich lass mich lieber mit ihm als mit manchen Menschen ein“. Genau zu diesem Zeitpunkt erscheint der Oberrichter von Thurming (David Fuchs), welcher sich unerkannt davonstehlen möchte und Wendelin daher zum Kleidertausch auffordert. Der Oberrichter gibt ihm Geld, der Preis sei das „Seelenheil eines Menschen“. Das Resultat ist, dass der Oberrichter von Wendelin für den Teufel gehalten wird. Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Wendelin geht Risiken ein, um festzustellen, inwieweit ihm der Teufel jetzt hilft oder ob seine Seele doch nicht verkauft ist. Zeichen werden falsch gedeutet und als man keinen Ausweg mehr sieht, fahren Wendelin und Pfrim nach Rom. Man hofft auf Hilfe des Papstes, dessen Name dem Vater nicht sofort einfällt.

War es früher vor allem die religionskritische Ebene (Abrechnung mit dem Aberglauben,…), die Aufsehen erregte, stehen in der Inszenierung von Susanne Lietzow nun der soziale und politische Aspekt im Vordergrund des Stückes. Die Personen sind keine reinen Opferfiguren, sie beobachten ihre eigenen Verhältnisse, nehmen Krisen wie in Griechenland oder im Bezug auf den Euro wahr, um schließlich noch Seitenhiebe auf das politische oder gesellschaftliche System zu machen. Klischees werden hinterfragt. Da heißt es beispielsweise, dass Arme wohl weniger gebildet sein müssten als Reiche, weil man sie als „arme Narren“ bezeichnet. Gerade wenn man an das Prekariat oder an den gesellschaftlichen Umgang mit Arbeitslosen denkt, hat das Stück leider keinerlei Aktualität eingebüßt.

In Anbetracht auf den geschichtlichen Hintergrund der Revolution 1848 hat Nestroy die Schwierigkeiten bei der Erneuerung einer gesellschaftlichen Ordnung aufgezeigt. Die Sicherheit ist dabei nur einer der Preise, der dafür bezahlt werden muss. Die Charaktere in „Höllenangst“ sind heimlich verheiratet, befinden sich auf der Flucht oder fühlen sich fremdbestimmt, ohne zu erkennen, dass sie ihr Schicksal selbst ändern könnten. Realität und Fiktion treffen auf der Fahrt in den Vatikan aufeinander. Illusionen werden nicht immer als solche wahrgenommen und auch den eigenen Ängsten will man sich lieber nicht stellen.

Trotz dem ernsten und zum Nachdenken anregenden Inhalt ist „Höllenangst“ eine schwarze Komödie, die mit einem belehrenden Monolog endet. Dazu tragen sowohl resche Charaktere wie Pfrim oder Rosalie (Judith Richter)- die Zofe von Adele von Stromberg (Lisa Fuchs), Dialoge, als auch die Musik von Gilbert Handler oder das Bühnenbild (Marie-Luise Lichtenthal) bei. Ein Geheimgang durch das Sofa, ein gebasteltes Auto, in welchem sich die Schauspielenden tatsächlich fortbewegen können, oder kaputte Puppen, die vom Dach geschossen werden, sind ungewöhnlich, aber bestens geeignet, um den satirischen Gehalt zu untermauern. Speziell für das Bühnenbild gab es Lob seitens des Publikums. Nicht weniger passend war die Tontechnik, welche stets im richtigen Moment einsetzte und als Hintergrundgeräusch etwa Donner wählte (Gilbert Handler). In manchen Szenen waren die Hintergrundgeräusche oder die Musik jedoch so laut, dass es bereits eine Spur schwerer fiel, dem Gesprochenen zu folgen.

Ebenfalls überzeugend waren die Schauspielleistungen. Wendelin nimmt man seine Verwirrtheit, Pfrim wiederum die Trunkenheit oder dem Oberrichter seine Hektik, als er sich von der Geliebten davon stiehlt, ab. Eine zusätzliche skurrile Komponente bietet Eva, die von einem männlichen Schauspieler verkörpert wird. Bei Pfrim ist es nicht klar, ob er seine Stimme in einer Szene selbst so verstellt oder ob die Tontechnik nachgeholfen hat.

Als Vorlagentext für Nestroys Stück diente „Dominique, ou le Possédé“ von Jean Baptiste d´Epagny und Jean Henri Dupin (1831). „Höllenangst“ wurde nach dem ersten Flop etwa 100 Jahre nicht mehr gespielt und hatte 1948 wieder Erfolg.

Die aktuelle Fassung hat eine Aufführungsdauer von über zwei Stunden, die einem aber nur durch Blick auf die Uhr überdurchschnittlich lange vorkommen.

Die nächsten Aufführungstermine sind der 14-15.9. sowie der 18-20.9., jeweils um 19 Uhr 30. Mittwochs erhalten Studierende Karten zum Preis von 7 Euro.

http://www.theater-phoenix.at/spielplan.php?action=content&s_id=348

 

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Katharina ist Soziologin und Sozialforscherin (P und P Sozialforschung). Darüber hinaus ist sie regelmäßig journalistisch tätig, z.B. in Form von Praktika (Radio Oberösterreich, Neues Volksblatt,...) und derzeit als Redakteurin für FROzine, das Infomagazin von Radio FRO. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen.

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