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ALCEST: Gewagt, gewonnen

ALCEST: Gewagt, gewonnen

Ein effektverliebtes Gitarrenspiel, hallender Schönklang und eine melancholische Aura: Das französische Zweiergespann Alcest erfindet sich auf „Shelter“ neu und findet ebenso den Ausweg ins Freie. Mehr denn je. Da lungert das Duo jetzt im gleißenden Sonnenlicht, selbst noch etwas verblüfft ob der neuen, frischen Ästhetik. Nichtsdestoweniger ist das Resultat stimmungsvoll und atmosphärisch.

Neige

Die schönsten Blumen sind ja in Wirklichkeit meistens die, mit denen man nicht rechnet. Die Franzosen von Alcest ergießen sich in breitbandigem, vielschichtigem Sound. Man könnte jetzt die berechtigte Frage stellen: „Waren die schon immer so lichtdurchflutet?“ Sie verarbeiten ihre Einflüsse jedenfalls derart selbstverständlich, als hätten Black Metal und Dreampop nie die Lager gespalten. Für das merklich offenere Klangbild hat Birgir Jón Birgisson gesorgt, der sonst bei Sigur Rós die Regler bedient. Sehr fragil und zurückhaltend, manchmal aber auch sehr groß und episch zeigt sich „Shelter“ von seinen zwei Seiten.

Man kann die Platte beim Aufstehen einlegen, um seine morgendlichen Gedanken zu sortieren. Oder vor dem zu Bett gehen. Beides wurde erprobt, beides funktioniert gleichsam. Weil die Stücke unaufdringlich, dafür umso eindringlicher ins Ohr gehen. Die ersten Klänge von „Opale“ nehmen einen unweigerlich in ihrer Unmittelbarkeit gefangen und wappnen einen gegen die weiße Kälte jenseits des Fensters.

Ⓒ William Lacalmontie

Songs wie das griffige „Voix Sereines“ oder das verträumte „La Nuit Marche Avec Moi“ verhalten sich wie ein frisch eingelassenes, warmes Bad, in das man nach einem miesen Regenwetter hineinsteigt. Die Melodien, die hier beherbergt werden, scheinen einen bis an die Unendlichkeit des Horizonts zu führen.

Wenn ehemalige Metaller rasten, muss dem nicht zwangsläufig ein schlechter Beigeschmack anheften. Alcest haben begriffen, dass Rockmusik nicht immer laut und ständig auf Krawall gebürstet sein muss, weil auch so jeder weiß, welche Energie und Kraft in ihr steckt. „Shelter“ erklimmt schwindelerregende Höhen und tänzelt spielend leicht ums Gipfelkreuz. Das Album sollte man am Stück hören. Eine Platte, die mehr Ausdruck und Nachhall erreicht als die härteste Band der Welt.

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