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Die Sache mit den Spielen

Die Sache mit den Spielen

Jetzt ist es so weit. Seit Freitag vergangener Woche sind die Olympischen Winterspiele in Sotschi eröffnet. Schon bevor die Spiele begonnen hatten, gab es in den Medien zahlreich (berechtigte) Kritik: An Korruption beim Bau der Sportstätten, an diverse Umweltbelastungen, welche die Region am Schwarzen Meer in Kauf nimmt, und auch daran, dass in Russland ein Gesetz existiert, welches das Sprechen über Homosexualität gegenüber Minderjährigen unter Strafe stellt.

Vor allem auch die Behandlung von Homosexuellen in Russland wurde von mehreren Organisationen aufs Schärfste kritisiert und war wohl teilweise der Kernpunkt der Kritik. Die anderen Vorgehensweisen sind doch quasi Gang und Gebe in zahlreichen Ländern – zum Beispiel in China, das schockiert uns nicht mehr wirklich. Auch bei uns ist Korruption an der Tagesordnung, und (wenn auch im kleineren Stil) oftmals werden Wirtschaftsinteressen über den Umweltschutz gestellt.

Doch man kann auch an der Russland- bzw. Putin-Kritik selbst Kritik walten lassen. Russland – eine ziemlich große Landfläche, über die wir Europäer_innen und andere nur wenig wissen. Ich für meinen Teil war noch nie in dem riesigen Land und kenne meines Wissens nach auch keine in Russland geborenen Person. All mein Wissen über dieses Land beziehe ich also von Medien und vielleicht noch ein bisschen aus meiner Schulzeit. Doch scheint unsere Sicht von Russland eine eher abwertende zu sein. Wir verunglimpfen Putins Scheindemokratie und die Korruption in diesem Land. Im Internet findet man zahlreiche Seiten, die komische Fotos von (anscheinend) russischen Online-Dating Portalen zeigen und machen uns über sie lustig.
Der Russe ist für uns ein vulgärer, plumper Mensch, der den ganzen Tag über Vodka trinkt, schlecht gebildet ist und keine Ahnung von Kultur und der Welt hat. Jemand, den der Westen von Putins Selbstinszenierung retten muss, und vor allem Journalisten begreifen sich oftmals als diese Retter, die der Welt zeigen müssen, wie schlecht es den Russen geht.

Dieses Bild erinnert mich an die Römer oder Griechen, die alle anderen (zum Beispiel Kelten oder Spartaner) als Barbaren und Wilde bezeichneten. Ihre Sprache war plump und sie hätten keine Kultur gehabt. Auch unser heutiges Bild vom gewöhnlichen Russen erinnert eher an eine Kreatur, die wir zum Menschsein behelfen müssen.
Doch was haben die Olympischen Winterspiele damit zu tun? Auch dieses Mal reagiert der Westen auf diese Weise auf die Geschehnisse im weiten Osten. Es finden sich nur wenig aufschlussreiche Analysen über die russische Seele (falls so etwas existiert) und Zusammenhänge erklärende Dokumentationen in den Medien. Was weiß ich schon über dieses Land, in dem sich ein Mensch laufend selbst inszeniert? Welcher Artikel wurde nicht unter diesem (oder einem sehr ähnlichen Bild) über den Russen geschrieben?

Sind die Olympischen Winterspiele in Sochi nun politisch zu betrachten, oder sogar aus diversen Gründen zu boykottieren? Das muss wohl jede_r für sich entscheiden. Grundsätzlich ist Olympia als unpolitische Sportveranstaltung, zu der jede Nation Zugang haben sollte, gedacht. Doch die Politik hat sich noch nie wirklich daran gehalten. Ich für meinen Teil weiß wie es sich als Sportlerin anfühlt, Wettbewerben ausgesetzt zu sein. Ich weiß, wie sehr ich mich über sportliche Erfolge freue, und freue mich auch mit jede_r Sportler_in, die eine der begehrte Medaillen ergattern kann…

Doch auch abseits von Olympia belegen mir zahlreiche Vorfälle in Russland, dass in dem Land einiges falsch rennt: Regierungsgegner werden eingesperrt, Menschenrechte oft mit Füßen getreten, auf Umweltschutz verzichtet man oftmals und die Korruption findet einen tüchtigen Nährboden. Und all diese Dinge sollten und dürfen nicht verharmlost werden. Doch manchmal nervt der Heiligenschein der europäischen Berichterstatter sehr. Wenig hört man von heimischen Firmen, die in korrupte Geschäfte in Russland beteiligt sind. Es gibt nur wenige gute Analysen der Geschichte des Landes, die ihren Weg in die Allgemeinheit findet. Wir bleiben lieber bei unserem Bild über das arme Russland, welches nie wirklich den Weg aus dem Kalten Krieg gefunden hat. Russland hilft uns, damit wir uns im Westen schön beruhigen können: Bei uns ist nämlich alles besser.

Foto: wwwuppertal / Lizenzhttp://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/at/

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Studentin. freischaffende Künstlerin. bluehirsch.

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