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BOY: „Glück ist ein genau so tiefes Gefühl wie Verzweiflung“

BOY: „Glück ist ein genau so tiefes Gefühl wie Verzweiflung“

„Cause everywhere we’ve been, we have been leaving traces“, heißt es in „We Were Here“, dem Eröffnungssong des gleichnamigen zweiten Albums von BOY. Viel umhergereist und getourt sind Valeska Steiner und Sonja Glass in den letzten Jahren allemal. Ihrem Debüt Mutual Friendskonnte sich kaum wer entziehen.

Die zweite Platte macht Vieles gleich gut wie der Erstling, manche Dinge noch besser. Das Duo ist konstant in seinem Indiepop-Element. Die deutsch-schweizerische Verbundenheit sorgt auch bei der zweiten Platte für erhellende Momente.

Ein Interview mit BOY übers Unterwegssein, Amerika und Montage.

Promo

subtext.at: Sonja, Valeska, ich habe neulich festgestellt, dass euer Promo-Album zu „We Were Here“, welches ich von eurer Plattenfirma erhalten habe, eine ganz andere eigentliche Reihenfolge hat als das eigentliche Album, das im Handel erhältlich ist.
Sonja Glass:
Die war einfach noch nicht fertig, die Reihenfolge, als wir mit der Promo begonnen haben. Für uns war das schon klar, dass es nicht endgültig so sein wird.
Valeska Steiner: Das ist auch sehr bezeichnend für uns. Wir brauchen oft sehr lange, um Dinge zu entscheiden (lacht). Erst im letzten Moment haben wir es festgelegt, wie es dann sein soll auf der Platte.

subtext.at: Die letztendliche Version gefällt mir am besten.
Sonja Glass: Finde ich auch, dass die besser ist. Dann ist es ja zum Glück.

subtext.at: Die Einen sagen, wir sollen unsere Vergangenheit aufarbeiten. Wir sollen unsere Zukunft planen und Ziele setzen, sagen die Anderen. Und dann gibt es eben die, die uns raten, immer im „Hier und Jetzt“ zu leben und den Rest zu vergessen. Was bedeutet es für euch, im Hier und Jetzt zu leben?
Valeska Steiner: Es ist wichtig, aufmerksam zu sein und zu gucken, was um einen herum passiert. Was das mit einem macht. Gerade in der heutigen Zeit ist man oft abgelenkt und oft guckt man woanders hin. Man verlernt, in dem Moment zu sein, in dem man eigentlich wirklich ist.

subtext.at: Wir stellen hohe Ansprüche an uns und glauben, uns erst etwas gönnen zu können, wenn alles perfekt erledigt ist. Deshalb nehmen wir uns nicht das Recht auf eine Pause. Ich habt euch vier Jahre Zeit gelassen für einen Nachfolger.
Sonja Glass:
Diese Regel gilt für Bands, die vielleicht nicht so viel international spielen wie wir. Nachdem wir unser Album herausgebracht haben, waren wir zweieinhalb Jahre auf Tour. Es gibt wenige deutsche oder aus dem deutschsprachigen Raum stammende Bands, die eine Möglichkeit haben, so weit zu touren. Das ist auch ein Rhythmus, der vom Musikbusiness vorgegeben wird. Wir haben versucht, uns dem nicht so zu unterwerfen und unserem eigenen Tempo zu folgen. Wir wollten einfach ein gutes Album machen. Man macht ja auch Sachen zwischen dem ersten und dem zweiten Album. Es ist ja keine Pause. Wir wollten es auch nicht perfekt machen, wir wollten nicht, dass es superglatt ist oder so, sondern wir wollten etwas genau so einfangen, wie man es sich für die Stimmung des jeweiligen Songs wünscht.

subtext.at: Das ist euch gelungen.
Sonja Glass: Danke (lacht). Schön.

subtext.at: Es gilt allgemein hin als schwer, wenn man als Band mit dem ersten Album direkt von null auf hundert geht. Wie habt ihr das gemeistert?
Valeska Steiner: Es ist uns wirklich gut gelungen, in der Schreibzeit und in der Studiozeit das einfach auszublenden. Uns war mal wichtig, nach der langen Tour wieder nach Hause zu kommen und erst mal wieder Sonja und Valeska zu sein, zu gucken, was uns gerade beschäftigt. Und nicht die ganze Zeit im Hinterkopf zu haben, was da alles passiert ist. War ja schon viel und ich glaube auch, dass es einem einen gewissen Druck mit ins Studio bringen kann. Wir hatten einfach total Lust, neue Songs zu schreiben und wirklich was Neues zu machen und nicht einfach zu versuchen, das erste Album noch einmal zu imitieren. Das würde auch gar nicht gehen. Das hat uns die Möglichkeit gegeben, relativ entspannt zu arbeiten und auf uns selbst zu hören und so lange an den Songs zu arbeiten, bis sie uns berührt haben. Gar nicht so daran zu denken, wie es andere Leute finden. Das hat sich erst eingestellt, als es schon fertig war und man nichts mehr ändern konnte. Da kam dann dieser Gedanke: „Krass, so geht das jetzt raus, wäre schön, wenn es wieder funktionieren würde.“ Das hat man ja nie in der Hand.

subtext.at: Findet Inspiration bei BOY beiläufig oder bewusst statt?
Valeska Steiner: Bei den Texten merkt man es so, dass man im Nachhinein feststellt, dieser und jener Moment waren wichtig und entscheidend. Es ist nicht so, dass man über jeden Moment ein Lied schreiben möchte. Manchmal wird es einem später bewusst, was besonders war und was man in ein Lied packen kann.
Sonja Glass: Inspiration ist etwas, was Nebenbei passiert. Man lebt einfach und das Leben macht sozusagen Sachen mit einem, beeinflusst einen.

subtext.at: Es wird oft das Klischee genannt, dass nur leidende Künstler gute Songs schreiben können. Müssen BOY leiden, um fabelhafte Songs aus dem Ärmel zu schütteln?
Valeska Steiner: Nein und das finde ich auch ein bisschen schade. Ich hab das Gefühl, es wird nach Leid in der Musik gesucht. Glück ist ein genau so tiefes Gefühl wie Verzweiflung. Es ist ein Irrtum, wenn der Inhalt nur Ernst genommen wird, wenn er weh tut. Kann ich zumindest nicht bestätigen. (überlegt) Ich bin auch froh, weil ich nicht das Gefühl habe, dass es mir persönlich schlecht gehen muss, damit ich ein Lied schreibe. Ich bin gerne glücklich (lächelt). Damit werden wir öfter konfrontiert, weil unsere Musik Zufriedenheit ausstrahlt. Für mich auch ein tiefes Gefühl wie Trauer.
Sonja Glass: Ich finde das auch schade, weil ich das Gefühl habe, es wird ein bisschen verwechselt. Man wird nur ernst genommen oder man hat eine Berechtigung, wenn man über dramatische oder traurige Momente schaut. Das ist schade.
Valeska Steiner: Man schreibt ja über das Glück im Bewusstsein, dass es auch Abgründe gibt.
Sonja Glass: Und wie viel Gewicht man dem beimisst in dem Moment. Zum Beispiel haben wir das Gefühl, dass „We Were Here“ viel dunkler geworden ist als das erste Album. Wir hatten eigentlich eine sehr gute Zeit, aber wir haben viele Themen drauf, die schwer sind oder traurig. Das hat uns auch erstaunt, weil wir eine gute Zeit hatten, diese Themen dennoch in uns waren sozusagen. Das fällt vielleicht auch nicht allen auf. Weil sie die Texte nicht lesen (lacht)! Wir wollen uns dafür aber auch nicht rechtfertigen.

subtext.at: Was das zweite Album angeht, merke ich, dass es Fans gibt, die sich eher ein zweites Debüt gewünscht hätten und solche Leute, die euch erst jetzt für voll nehmen als Songwriterinnen.
Valeska Steiner: Man kann es zehn Leuten vorspielen und jeder wird eine andere Meinung dazu haben. Wenn man anfängt, es anderen recht machen zu wollen, dann verliert man sich auch ganz schnell. Und entfernt sich von dem, was einen eigentlich ausmacht.
Sonja Glass: Haben wir auch schon von Leuten gehört, die das erste Album nicht so mochten und denen das zweite jetzt gefällt.

subtext.at: Ihr könntet zufriedener nicht sein, nehme ich an.
Sonja Glass: Ja, finde ich schon. Wir wollen ja auch nicht jedem gefallen (lacht). Mir gefällt ja auch nicht jede Musik.

subtext.at: Hat sich durch den Erfolg der letzten Veröffentlichung für euch bei der Herangehensweise an die neue Platte etwas geändert? Kam euch eigentlich nie der Gedanke direkt auf Deutsch zu texten?
Sonja Glass:
Gar kein Thema bei uns. Bei mir persönlich nicht, weil ich nicht so darauf stehe, wenn Bands beides machen. Jede Sprache hat einen eigenen Sound und beim Songwriting wird auch dementsprechend interpretiert. Mir fällt es immer ganz schwer, wenn ich erst einen Song auf Englisch höre und danach n auf Deutsch, da bin ich dann immer so: „Hä, hä?“ Wie zwei verschiedene Welten (lacht).

subtext.at: Seht ihr für euch einen inhaltlichen Leitfaden?
Valeska Steiner:
Wir waren da auch interessiert, ob es einen roten Faden gibt oder nicht, es war auf keinen Fall ein Konzept dahinter. Jede Geschichte steht jedenfalls für sich.Wenn, dann sind es Zwischenzustände, zwischen zwei Orten, zwischen zwei Gefühlen, zwischen Tag und Nacht, das könnte man vielleicht als Überbegriff nehmen, wenn man einen nehmen will.
Sonja Glass: Die Musik verbindet die Texte zu einem größeren Bogen, soundmäßig sozusagen.

Cover

subtext.at: Über „We Were Here“ habe ich geschrieben: „Es atmet die Luft der Großstadt, lebt von der Sehnsucht nach der Ferne, ist erfrischend rastlos und wirkt insgesamt kosmopolitischer.“ Seid ihr damit einverstanden?
Sonja Glass: Wow! Eine Ansammlung von Komplimenten.
Valeska Steiner: Klingt sehr, sehr schön. Danke vielmals.

subtext.at: Einer eurer Songs nennt sich „No Sleep For The Dreamer“ – seid ihr demnach Träumer oder doch Realisten?
Sonja Glass: Ich bin schon ein sehr realistischer Mensch, glaube ich. Aber ich hab auch Träume (lacht).
Valeska Steiner: (ringt nach den richtigen Worten) Mir ist eigentlich selten langweilig. Es gibt immer irgendetwas, worüber man tagträumen oder nachdenken kann. (überlegt) Was unseren Beruf angeht, sind wir von Anfang an sehr realistisch dran gegangen. Unser großer Traum hat sich dennoch erfüllt, worüber wir sehr froh sind. Es hat sich gelohnt, ein Stück weit zu träumen.

subtext.at: Ihr habt weiters ein Lied über „New York“ geschrieben, obwohl ich gar nicht dort wart.
Valeska Steiner:
Das ist ja künstlerische Freiheit, glaube ich. Jede Geschichte hat einen Kern und dazu kann man halt etwas dazudichten oder etwas wegnehmen, es muss nicht immer 1:1 sein.

subtext.at: Der Song handelt nicht zwingend selbst von der Stadt, sondern von diesem New-York-Gefühl, von dem so viele Zugezogene schwärmen. Was können wir hier im deutschsprachigen Raum von den Amerikanern lernen?
Sonja Glass:
Oft wird die Kommunikationsfreude der Amerikaner als oberflächlich bezeichnet. Als ich zum ersten Mal in Amerika war, ist mir das schon aufgefallen. Man kommt superschnell ins Gespräch und die meisten Leute sagen dann, ja, es hat nichts zu bedeuten und es ist oberflächlich. Ich finde das einfach schön, weil man sich austauscht, am Flughafen oder irgendwo und dann sagt man „Ciao“, man geht dann und sieht sich nie wieder. Im deutschsprachigen Raum hat man viel mehr Berührungsängste. Es muss gleich etwas heißen, wenn ich jemanden anquatsche (lächelt). Umweltschutz können sie zum Beispiel von uns lernen.

subtext.at: Das wäre auch schon meine nächste Frage. Was sollten sich die Amerikaner von uns abschauen?
Sonja Glass:
Bewusstsein für die Natur, für Umwelt, solche Sachen.

covers

subtext.at: Verfolgt ihr noch das aktuelle Musikgeschehen? Wenn ja, welchen aktuellen Acts misst ihr Relevanz bei?
Valeska Steiner: Wir sind sehr musikinteressiert. Jetzt gerade in Österreich passiert viel Spannendes. Wir waren beim Bilderbuch-Konzert in Hamburg, was wir super fanden. Wanda finde ich auch toll, habe ich aber noch nicht live gesehen. Zwei tolle, aktuelle Bands.
Sonja Glass: Finde ich auch übrigens (lacht).
Valeska Steiner: Jetzt im Moment fehlt uns aber die Zeit. Beim Radio wird man auch nicht unbedingt überschwemmt von neuen Musiktipps. Man muss sich selber ein bisschen Zeit nehmen und sich informieren, aber die Zeit fehlt uns manchmal ein bisschen. Wir sind angewiesen von Tipps von Freunden.
Sonja Glass: Ein Tipp ist die neue Tame Impala. Weiß nicht, ob du die schon gehört hast. Ich finde sie hammergeil. Ich weiß nicht, auf welche Musik du stehst, aber ich find’s super (lächelt)!

subtext.at: Welcher Song ist für euch der Prototyp eines guten Morgens?
Valeska Steiner: „Rebellion“ von Arcade Fire.
Sonja Glass: Ich hör morgens meist keine Musik. Wenn, dann wäre das etwas Sanftes, damit man sangt in den Tag hineingleitet (lacht).

subtext.at: Unser Interview findet ja heute, an einem Montag, statt.
Sonja Glass: Es ist gut, dass du das sagst, sonst hätten wir es nicht gewusst (lacht)!
Valeska Steiner: Wir sind gerade im Tourmodus. Ich hätte nicht gewusst, welcher Tag heute ist (lacht).

subtext.at: Für 80 Prozent der Deutschen ist Montag der schlimmste Tag der Woche.
Sonja Glass: Ist ja ganz klar, warum.

subtext.at: Das zeigen nicht nur Umfragen, sondern auch die Statistik. So passieren montags die meisten Arbeitsunfälle und sogar die Selbstmordrate ist an diesem Tag höher als sonst.
Sonja Glass: Oh nein.
Valeska Steiner: WOW, oh Gott. Hilfe.

subtext.at: Freut man sich als Künstler eigentlich auch auf das Wochenende?
Sonja Glass: Man hat kein Wochenende.
Valeska Steiner: Wochentage spielen keine so große Rolle, wie du siehst.
Sonja Glass: Für uns gibt es nur zwei freie Tage, und die können jeder Wochentag sein.
Valeska Steiner: Ich hab das aber immer noch so drin. Ich habe gerne an einem Sonntag frei, wenn es sich trifft. Irgendwo ist das noch verankert. Es fühlt sich irgendwie anders an als wenn es ein Mittwoch ist. Der Rest der Welt arbeitet und man hat das Gefühl, in einer Parallelwelt zu sein (lacht).
Sonja Glass: Wenn man manchmal an einem Wochenende arbeitet, dann denkt man so :„Hä, was ist eigentlich unser Wochenende?“ Ich habe das während der Aufnahmen abgefeiert, als wir wirklich ein Wochenende frei gehabt haben.

subtext.at: Mittwoch ist übrigens der Tag, den die Amerikaner am meisten hassen.
Sonja Glass: Warum? Ist interessant.

subtext.at: Am Montag erinnert man sich noch gerne an das Wochenende, Dienstag geht auch noch durch und am Mittwoch ist man schon im Arbeitstrott und das Wochenende ist noch so weit weg.
Sonja Glass: Ich habe ja noch nie quasi regelmäßig, von Montag bis Freitag, gearbeitet, sondern immer anders, ein anderes Leben geführt. Montag fand ich aber in der Schule schon schlimm. Die ganze Woche hat man noch vor sich. Das geht vielen so. Ich bin froh darüber, dass wir unsere Leidenschaft so leben können. Es ist so schlimm, wenn man einen Job hat, den man nicht mag. Wir haben auch super anstrengende Zeiten, aber wenigstens macht man etwas, was einen erfüllt.
Valeska Steiner: Man weiß immer, warum man’s macht. Das ist ein großes Privileg.

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