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EDITORS: „Wir haben unsere Komfortzone verlassen“

EDITORS: „Wir haben unsere Komfortzone verlassen“

Die Editors haben sich der düsteren Seite des Lebens zugewandt, wie Bassist Russell Leetch im Interview mit subtext.at auch selbst betont. Seit dem Debüt „The Back Room“ versorgen uns die Briten mit Post-Punk (gitarrenlastig), Synthie-Pop (fiebrig) oder Arena-Rock (bombastisch). Was bei anderen gänzlich misslingen oder gar nicht zusammenfinden würde, geht beim Quintett aus Stafford wunderbar zusammen. Das Geheimnis kennen wohl nur sie selbst. Der tiefe Bariton von Sänger Tom Smith hat auch nichts von seiner Aura verloren. „In Dream“, das fünfte Album der Formation, schafft es erneut, einen langsam und stetig in seinen dunklen Bann zu ziehen.

Nach dem unfreiwilligen Ausstieg von Chris Urbanowicz im Jahre 2012, scheint der Knoten geplatzt zu sein. Die Editors wirken auf der Bühne deutlich befreiter und spielen ein tolles Konzert nach dem anderen.

Ein Interview über Motivation, Errungenschaften und unerfüllte Träume.

Editors

subtext.at: Russell, würdest du dich und die Band als besonders draufgängerische und leidenschaftliche Menschen bezeichnen? Wohnt den Editors eine Kämpfernatur inne, von der wir nichts wissen?
Russell Leetch: Wir sind schon ambitioniert. Wenn sich eine Möglichkeit auftut, dann ergreifen wir sie auch. Vielleicht kann man sagen, dass wir jetzt nicht mehr so draufgängerisch sind wie früher, als wir jünger waren. Da haben wir Dinge getan und ausprobiert, die vielleicht nicht immer gut waren. Das hat eine junge Band aber eben an sich. Jetzt haben wir Familien und wir lassen es ruhiger angehen.

subtext.at: Wie kann man sich denn selbst motivieren, wenn die Dinge einmal nicht optimal laufen und die Leidenschaft nachlässt?
Russell Leetch: Rotwein (lacht und hebt das Glas)! Der bringt dich wieder zurück in die Spur, wenn der Tag beschissen war.

subtext.at: Gilt das für alle Bandmitglieder?
Russell Leetch: Ach, eigentlich leben wir ziemlich gesund. Wir ernähren uns gesund und wir schauen schon, dass wir uns selbst nicht ruinieren.

subtext.at: In einem Interview hat Tom gemeint, dass euer vorheriges Album „The Weight Of Your Love“ für euch eine Art Übergangsalbum war. Wie steht ihr dann zu „In Dream“?
Russell Leetch: „The Weight Of Your Love“ war klanglich direkt, es gab keine Schichten an Sounds, keine Drumcomputer und nicht so viele Keyboards. Nur wir und unsere Instrumente, im Gegensatz zu „In This Light And On This Evening“ und jetzt auch zu „In Dream. Wir mögen das und wir lieben es, klanglich zu experimentieren. Als wir „The Weight Of Your Love“ aufnahmen, war nicht die Zeit dafür, um herumzudoktern und Dinge auszuprobieren, denn damals ging es eher darum, die Band zu festigen mit den zwei neuen Mitgliedern in unserer Runde. Mehr als zehn Jahre waren wir in der originalen Besetzung unterwegs. Wir wollten, dass sich die Situation für alle komfortabel anfühlt.

subtext.at: Manchmal, wenn man denkst, man sei am Ende von etwas angelangt, ist das eigentlich erst der eigentliche Anfang.
Russel Leetch: Ja, kann man bei dieser Platte sagen. Sie hat sich gut angefühlt bei der Entstehung, der ganze Prozess eigentlich. (überlegt) Elliott und Justin haben viel dazu beigetragen und wir wollten, dass sie sich diesmal auch einbringen können. Beim nächsten Album, da werden wir drei Alben mit ihnen haben und drei aus unserem Backkatalog, die wir mit Chris aufgenommen haben. Da haben die Leute dann einen guten Vergleich, wo wir damals standen und wo wir heute sind.

subtext.at: Klingt alles so, als wärt ihr euch eurer Stärken bewusst.
Russell Leetch: Absolut. Wir haben mehr Erfahrung über die Jahre gesammelt und mit tollen Produzenten zusammengearbeitet. Wir können inzwischen auch gut auf unseren eigenen Beinen stehen. Das Klima ändert sich und die Trends innerhalb der Musikszene, aber wir ziehen einfach unser Ding durch und hoffen stets, die bestmögliche Platte zu machen.

subtext.at: Eure Alben haben stets einen anderen Dreh, einen anderen Grundtenor. „In Dream“ fungiert für mich wie der Bruder oder die Schwester von „In This Light“, gemixt mit den direkteren Songs von „The Weight Of Your Love“.
Russell Leetch: Du fast es schon gut zusammen. Obwohl die Songs meiner Meinung nach direkt sind, zeichnet sie die Atmosphäre aus, die auch schon „In This Light And On This Evenig“ gehabt hat. Diese Stimmung lieben wir, die sich mit Synthies kreieren lässt. Es erweitert das Spektrum des Albums und wir möchten auch, dass es für uns selbst spannend bleibt. Es ist interessanter für uns, nicht ständig ein normales Drumkit benutzen zu müssen beispielsweise.

cover

subtext.at: Ihr vereint Synthie-Pop, Arena-Rock, elegische Pianoballaden und Post-Punk unter einen Hut – ich habe keine Ahnung, weshalb es bei euch so gut funktioniert, diese Mischung, aber sie tut es auf jeden Fall. „In Dream“ bildet hier keine Ausnahme.
Russell Leetch: Vielen Dank. „In Dream“ ist vielleicht ein Slow Burner. Das Tempo ist zwar nicht langsam, aber gediegener. (überlegt) All unsere bisherigen Singles, ob jetzt „Papillon“ oder „A Ton Of Love“, haben nicht dem Gesamtbild der Platte geschadet. Wir möchten Alben herausbringen, die man sich von Anfang bis Ende anhören kann, der Fokus soll nicht auf einer Single liegen. Diese Herangehensweise haben wir auch bei „In Dream“ im Auge gehabt.

subtext.at: U2 und Depeche Mode arbeiten jahrelang mit Anton Corbijn zusammen, die Editors haben nun Rahi Rezvani an ihrer Seite. Passt diese Gleichung?
Russell Leetch: Exakt. Rahi ist wie Anton auch Holländer. Wir haben lange Zeit eine Person gesucht, die diese Stelle einnehmen könnte. Bisher haben wir stets mit verschiedenen Leuten zusammengearbeitet, was unsere Artworks und Videos anbelangt. Mal hat uns das Ergebnis besser gefallen, mal schlechter. Als wir dann das fertige Video zu „No Harm“ gesehen haben, aus der Feder von Rahi, war uns klar, dass wir die richtige Person gefunden haben. Er hat genau das, was wir lieben. Er ist sehr stilsicher, wir sind es nicht. Er lässt uns gut aussehen und wir vertrauen ihm. Wir haben unsere Komfortzone verlassen – auch dank ihm. Er ist eine Inspirationsquelle für die Band geworden. Wir möchten in Zukunft zusammen weiterarbeiten und tolle Sachen anstellen.

subtext.at: War es schwer für die Band, jemand anderes mit dieser kreativen Aufgabe zu beauftragen?
Russell Leetch: Eigentlich nicht, denn wir waren stets offen für Output von außen. Jemand vom Label, Fotografen, Regisseure.

subtext.at: Man muss sich halt auch selbst darauf einlassen.
Russell Leetch: Genau. Erst dann kommen gute Ergebnisse zustande.

subtext.at: Ihr habt auch untereinander ein scheinbar gutes Gefühl, wenn ihr euch alle einbringen könnt und der Fokus nicht stets auf dem Sänger liegt, wie so üblich.
Russell Leetch: Klar, denn wir sind nun mal eine Band mit verschiedenen Persönlichkeiten. Weißt du, Tom ist ja eigentlich von uns allen die Person, die am schüchternsten ist. Er ist eine scheue Persönlichkeit.

subtext.at: Ich habe stets den gleichen Eindruck gehabt.
Russell Leetch: Der Rest von uns ist das nicht so sehr. Diese Persönlichkeiten greifbar zu machen, dass kann Rahi eben sehr gut. R.E.M. lieben wir und es würde uns gefallen, wenn wir es so handhaben wie Michael Stipe und Co., der ja auch als schüchtern gilt.

subtext.at: Was ist die größte Überraschung, die „In Dream“ für euch zu bieten hat?
Russell Leetch: Wir sind erst mal froh, dass die Leute das Album mögen. Die Konzerte sind super, laufen sehr gut. Immer mehr Leute scheinen sich für uns zu interessieren.

subtext.at: Gibt es einen Traum, der sich für euch noch nicht erfüllt hat?
Russell Leetch: Wir waren immer noch nicht in Südamerika.

subtext.at: Weil?
Russell Leetch: Es ist einfach zu kostspielig (lacht). Unsere Crew stammt aus UK und wir müssten sie dann alle aus ihrem Leben reißen, für einen längeren Zeitraum und auch weiter weg. Und wir haben noch unser Equipment. Viel Equipment (lacht). Wir mögen es nicht, wenn wir unser Zeug nicht beisammen haben oder wenn unsere Leute nicht dabei sein können, die aufeinander eingespielt sind. Hoffentlich schaffen wir es irgendwann dorthin.

RAHI-REZVANI

subtext.at: Viele Träume zerplatzen, weil der oder diejenige nicht über das nötige Selbstbewusstsein oder die nötige Stärke verfügt, um diese zu realisieren. Plagt ihr euch auch damit herum oder seid ihr in der Position, wo musikalisch scheinbar alles möglich ist?
Russell Leetch: Nun, wir sind uns unserem Publikum bewusst. Wir mögen es, uns selbst herauszufordern. Die Editors werden sich wohl immer mit der düsteren Seite des Lebens beschäftigen, musikalisch wie inhaltlich. Die Fröhlichkeit, die hat bei uns, zumindest innerhalb der Musik, nichts zu suchen.

subtext.at: Letztes Mal habe ich mit Ed und Elliott auch darüber gesprochen, dass ihr zwar düstere Musik macht, im privaten Leben jedoch nicht stets traurig und deprimiert durch die Gegend rennen müsst Viele Leute missverstehen das.
Russell Leetch: Wenige sind das. (überlegt) The National machen etwa auch düstere, sensible Musik, doch privat besteht die Band aus Jungs, die auch mal lustig sind und Stuss reden. Humor ist wichtig (lacht).

subtext.at: Was ist die größte Errungenschaft der Editors aus deiner Sicht?
Russell Leetch: Als Gruppe zusammenzubleiben und weiterhin Freunde zu sein. Wir hätten uns auch auflösen können, als wir damals Chris gebeten haben, die Band zu verlassen. Das war unser Tiefpunkt. Es hätte auch sein können, dass wir unter den gegeben Umständen als Band nicht weitermachen können und wollen. (überlegt kurz) Wir haben die letzten Jahre als Gruppe wirklich genossen. Wenn ich es mit unseren Anfängen vergleiche, dann waren die letzten Jahre definitiv besser.

subtext.at: Ich hatte auch den Eindruck, dass vor allem live auf der letzten Tour der Knoten bei euch endlich geplatzt ist.
Russell Leetch: Schön zu hören. Hoffentlich können wir uns noch steigern (lacht).

subtext.at: Zum Schluss nennen mir doch bitte drei Songs von euch, die du als unerlässlich ansiehst.
Russell Leetch: Oh. (überlegt) Ich würde einen schwermütigen Opener bevorzugen. Ich gehe jetzt chronologisch vor und entscheide mit für „Fall“ von „The Back Room“. Ich liebe den Song schon ewig. Dann nehme ich eine Single, da nehme ich „Papillon“. Und dann einen ruhiges, letztes Lied. Vielleicht „The Phone Book“?

subtext.at: Eine nicht gerade offensichtliche Wahl, du die hier triffst.
Russell Leetch: Abwechslung kann nicht schaden. Nach „Papillon“ aber bitte eine größere Pause lassen bis zum nächsten Song (lacht).

Credit Rahi Rezvani

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