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„Beiden Autos war nach dem Unfall nicht mehr zu helfen“- Sprachpannen aus 50 Jahren Unterricht

„Beiden Autos war nach dem Unfall nicht mehr zu helfen“- Sprachpannen aus 50 Jahren Unterricht

Wer an Kriminalität denkt, verbindet damit oft negative Folgen wie Geldstrafen oder einen Gefängnisaufenthalt. Dabei könnten bei Raubüberfallen, Drogen- und Waffenhandel auch neue Kontakte geknüpft werden, so ein Schüler in seiner Erörterung über die Ursachen von Gewalt. Wie viel Macht und welche Auswirkungen Sprache hat, zeigt sich vor allem in ungewohnten Kreationen. Ob Satz, neugeschaffenes Wort oder veränderter Sinn – „Wunderland Korrekturrand“ sammelt die witzigsten Sprachpannen aus 50 Jahren Unterricht.

„Das eigentliche Wunderland liegt ja einige Zentimeter neben dem Korrekturrand. Es ist jenes Gebiet, auf dem die Sprache jungen Menschen gütig gestattet, mit ihr zu spielen und hemmungslos zu experimentieren[…]“, schreiben Klaus Kumersberger und Werner Vogel in der Einleitung ihrer Zitate-Sammlung. Als Deutsch- und Turnlehrer in Niederösterreich sowie Deutsch- und Geschichtelehrer in Wien sind sie seit jeweils 27 Jahren Zeuge kreativer Sprachexperimente ihrer Schüler_innen. Für ihr Buch „Wunderland Korrekturrand –  Die witzigsten Sprachpannen aus 50 Jahren Unterricht“ haben Kumersberger und Vogel (u.a. „Wo die Stirnreihe endet. Gedichte“) aber nicht nur Stilblüten des eigenen Unterrichts, sondern auch humoristische Äußerungen in Geografie-, Biologiestunden etc. gesammelt. Herausgekommen ist ein Werk mit falschgeschriebenen oder in nicht adäquaten Kontexten verwendeten Worten (z.B. „Hauptstoßzeit“ bei der Schilderung eines Discobesuchs); mit humorvollen Sätzen, Begriffsdefinitionen und Schüler_innenantworten. „Ist die Kröte schützenswert?“ – „Nein, sie soll sich selber wehren“, ist z.B. zu lesen.

Der Breite an Sprachpannen wird mit fünfzehn Kategorien wie „Langer Rede(übung) kurzer Sinn…“ (Referate), „Im Textsorten-Dschungel“, „Morgenstund‘& Lehrermund“ (Lehrer_innenzitate) und „Abschreiben!“ begegnet. Mit Farben, die je nach Rubrik wechseln; kleinen Grafiken im bunten Cartoon-Stil, die nicht immer zum Inhalt passen (z.B. Sterne,…) ; aber auch mit Zitaten, die um einleitende Worte zum Hintergrund ergänzt sind. Begriffe, deren Bedeutung sich den Leser_innen nicht mehr erschließen könnte, sind um eine Erklärung in Klammern erweitert worden.  Ein Beispiel hierfür ist der „Hunderudler“, mit dem ein Rudelführer gemeint ist.

Weitere humoreske Kreationen sind „depressierend“  und „Kinder gründen“. Die stilistisch- makabersten Höhepunkte sind „Im Textsorten-Dschungel“  und in „Sprachlicher Pannendienst“ vereint: Haare, die einen Ausdruck von Gewalt verleihen (Charakteristik zum Proleten); nicht so schlimme Verletzungen, die dennoch zum Komma des Patienten führen (Bericht); personifizierte Unfallursachen, die betrunken sind und laut Musik hören. Der Schaden eines Autounfalls wird unkonventionell wie folgt beschrieben: „Beiden Autos war nach dem Unfall nicht mehr zu helfen“. Ebenfalls ungewohnt kann es – vor allem Nachrichtenkonsument_innen- vorkommen, dass ein Brand als Opfer dargestellt wird „Ein Wohnungsbrand hat einen 43-Jährigen gestern in Wien leider nicht überlebt“, ist eine der vielen Stilblüten in „Wunderland Korrekturrand“. Skurril, aber für den Ort nicht so weit verfehlt, ist die satirische Beschreibung „eines der bedeutendsten Naherholungsgebiete mit 3 Millionen Toten“.

„Lesen Sie, staunen Sie, genießen Sie, liebe Leute“ fordern die beiden Herausgeber die Leser_innen ihres A5-Format-Buches im Vorwort auf. Umgesetzt wird dies teilweise. Zum Genießen, besonders zum Schmunzeln, trägt vieles des Inhaltes bei. Neben den bereits erwähnten Äußerungen sind dies Tipps, wie z.B. dass die Arbeit in der Arbeit erledigt werden soll, und eine philosophische Betrachtung zum Wert der Trivialliteratur. Wer sich bereits gefragt hat, welchen Nutzen Liebesszenen für das spätere Leben der Lesenden haben, kann dies in „Literarische Splitter & Scherben“ herausfinden. Zum Staunen bringt das Werk hingegen kaum, solange sich Leser_innen bei ihrer Lektüre an den eigenen Schulbesuch oder an selbst erlebte Sprachpannen außerhalb der Klassenräume erinnern.

Gesamt betrachtet ist „Wunderland Korrekturrand“ eine heitere und übersichtliche Sammlung von Sprachpannen. Sie verdeutlicht nach „Ein Geräusch klopft an die Tür“ (Werner Vogel) erneut auf ca. 60 Seiten, dass falschgeschriebene Wörter und fehlende Komma nicht unterschätzt werden sollten. Besonders dann nicht, wenn sie die ursprünglich angedachte Bedeutung verändern.

„Wunderland Korrekturrand- Die witzigsten Sprachpannen aus 50 Jahren Unterricht“ ist 2016 im Holzbaum Verlag erschienen. Das Buch ist um 10 € zu erhalten.
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Katharina hat einen Abschluss in Soziologie und studiert Politische Bildung in Linz. Darüber hinaus ist sie regelmäßig journalistisch tätig, z.B. in Form von Praktika (Radio Oberösterreich, Neues Volksblatt,...) und derzeit als Redakteurin für FROzine, das Infomagazin von Radio FRO. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen.

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