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CRO: „Ich habe Dinge so lange rausgezögert, bis sie von alleine gestorben sind“

Auch nach sechs Jahren hat es der Mann mit der Pandamaske geschafft, relevant zu bleiben. Egal, ob die Arena, das Donauinselfest oder im Herbst die Wiener Stadthalle, Cro fühlt sich auch auf dem österreichischen Markt auf vielerlei Bühnen zu Hause. Das Publikum pilgert wohlwollend zu seinen Konzerten, die kreativ und künstlerisch gesehen dem Zeitgeist entsprechen. Er hat sich weiterentwickelt, was man hören und sehen kann. Darauf konnte man vorbereitet sein.

Überraschend ist die Tatsache, dass zum Interviewtermin mit dem 28-Jährigen wir ihm nicht allein begegnen. Im Raum mit anwesend ist seine Entourage, bestehend aus Freunden und Mitmusikern. Zwischen zehn und fünfzehn Leuten tummeln sich hier und da, doch Cro ist die Ruhe selbst. Er wirkt vollkommen entspannt, winkt einen freundlich zu sich und dreht sich daraufhin eine Zigarette. Die Maske hat er abgelegt, Fotos sind nur verkleidet erlaubt.

subtext.at: Cro, die gute oder die schlechte Nachricht zuerst?
Cro: (seufzt auf) Die schlechte. Weil dann ist’s so „Oh, verdammt“ aber danach ist alles wieder gut.

subtext.at: Forscher haben herausgefunden, es sei nicht egal, in welcher Reihenfolge gute und schlechte Nachrichten überbracht werden.
Cro: Na klar. Ist doch logisch, oder? Das Ende schwingt immer mit. Ende ist genau so wichtig wie der Anfang. Von einem Konzert oder so. Ist wichtig, wie man reinkommt, aber fast noch wichtiger wie man rausgeht. Das muss gut sein. Die gute Nachricht also zum Schluss.

subtext.at: Sprichst du da aus Erfahrungen? Gelingt dir mal der Auftakt, doch der Abschluss eines Konzertes läuft dann nicht so richtig rund und umgekehrt?
Cro: (lacht) So was kenn‘ ich nich‘! Das Ende ist immer gut!

© Chimperator

subtext.at: Man merkt es ja auch selbst als Besucher, dass es eine Zeit lang braucht, bis das Eis bricht und zwischen Publikum und Künstler eine Verbindung entsteht.
Cro: Es gibt alles. Es gab Konzerte, die haben geil angefangen, sind nicht so geil geendet. Es gab Konzerte, die hatten Anfangsschwierigkeiten und sind zum Ende hin raus zum Mond geflogen. Es gab welche, die waren nur scheiße… Nein, nur geil (lacht)!

subtext.at: Demnach merkst du es offensichtlich, wenn die Stimmung kippt. Wie reagierst du darauf?
Cro: Ja, das Ding ist, wenn man merkt, ein Konzert kippt und die Stimmung kippt leicht, ich hatte einen Texthänger, links brechen Menschen ab, rechts brechen Menschen ab, dann werde ich noch unsicher und dann verhasple ich mich noch ein bisschen, dann wird man auch nervöser und verkackt noch mehr und zieht sich auch zurück und dann ist gut, das Konzert ist zu Ende. Im Prinzip ist das falsch. Das habe ich aber erst mit der Zeit herausgefunden. Man muss dann eigentlich sich kurz umdrehen, einmal durchatmen und dann wieder zurück gehen und dreimal so gute Laune haben und die alle mitreißen. Dann kriegt man das schon wieder gewuppt.

subtext.at: Das Publikum bekommt doch manchmal gar nicht wirklich mit, was da auf der Bühne schief läuft.
Cro: Das Publikum bemerkt es meistens nicht, ja (lächelt).

subtext.at: Gehörst du zu denen, die sich vor unangenehmen Neuigkeiten oder Aufgaben so lange drücken, bis es nicht mehr geht?
Cro: Unterschiedlich. Manche Fälle, die mich halt nicht so interessieren, da ziehe ich mich schon zurück. Wenn es aber um was geht, was mich krass angeht, dann bin ich da schon am Start. Komische Frage jetzt, aber ja. Ist auf die Themen bezogen, lässt sich jetzt so auch nicht sagen. Weißt du, was ich mein? (überlegt) In meinen Themenbereichen und da, wo ich am Start sein muss, bin ich am Start und da kenn‘ ich auch nix, da gibt es kein Blatt vorm Mund. Da müssen Dinge einfach raus. Es gibt natürlich auch Felder, die so doof und mir unangenehm sind…

subtext.at: Welche Felder wären das denn?
Cro: (überlegt) Als ich jung war, habe ich Dinge zu lang rausgezögert. Schluss machen oder so. Ich habe Dinge so lange rausgezögert, bis sie von alleine gestorben sind. Dann war es nicht mehr schlimm. Dieser Moment, wenn man dann einem kleinen Mädchen irgendwie das Herz brechen muss, den hasse ich. Dann will man sie dann umarmen, aber das geht dann nicht mehr, weil die Stimmung, die ist dann kaputtgemacht. Da steht man dann nebeneinander, und… Das ist ein Thema, wo ich sage, ist ekelhaft.

subtext.at: Bei dir scheint es eine Art Urvertrauen zu geben, dass dieses Leben immer irgendwie eine Kurve kriegt. Der Glaube daran ist für mich fest in deiner Musik verankert. Trügt der Schein?
Cro: Was genau?

subtext.at: Egal, was auch passiert, ich komme da schon irgendwie raus, grob gesagt.
Cro: Ja, alles ist immer relativ. Und nicht so schlimm. Man denkt sich manchmal, die Welt wäre so superschlimm, aber geh‘ mal ein paar Schritte zurück und vergleich‘ es mal mit Menschen, die wirklich Probleme haben. (überlegt) Shampoo ist immer so kalt auf der Haut und Ledersitze im Sommer sind immer so heiß im Cabrio. Was gibt es noch? Ich muss sechs Stockwerke hoch laufen. Das sind die Dinge, die uns beschäftigen. Spaß natürlich, aber du weißt, worauf ich hinaus will. Da müsste man sich oft selbst ohrfeigen, weil man gerade schlechte Laune hat.

subtext.at: Gelassenheit als Dauerzustand. War das schon immer so? Kann das funktionieren?
Cro: Ich bin ein sonniges Gemüt, was meistens gute Laune hat. Hin und wieder tue ich so, als hätte ich schlechte Laune, dann bin ich mal schlecht drauf den ganzen Abend, schreie ‚rum, und lache dabei irgendwie. Hat mich jemals jemand mal so richtig angepisst? Selten. Der einzige Grund, der mich aus der Bahn bringt, sind Mädchen (lacht). Eine nicht funktionierende Beziehung. Zu viel Liebe. Wenn du für jemanden sterben würdest… Es muss nur irgendwas passieren und es tut so weh, dass es dich aus der Bahn wirft. In meinen alten Beziehungen hat es auch mal geknistert und geknallt. Da mache ich schon mal ein Auto kaputt (lacht). Kleine Beziehungen, die nicht so toll waren, die werfen mich nicht aus der Bahn. Da ist die Fallhöhe auch nicht so groß, aber ja.

subtext.at: Es heißt ja auch nicht umsonst, Liebe und Hass würden eng beieinander liegen.
Cro: Echte Liebe und Hass, ja. Nicht echter Hass, liebender Hass. Echte Liebe und nicht echter Hass und nicht echte Liebe und echter Hass.

subtext.at: Was muss man als Künstler tun, damit einem das Publikum jedes Mal aufs Neue folgt?
Cro: Aufs Neue folgt… Ich hab mich hier und da ein bisschen neu erfunden, ein paar andere Dinge erzählt, die mir wichtig waren. Ich hab mein Outfit gepimt, mein Aussehen, ein bisschen Anstrich. Ich bin weitergezogen, nicht stehengeblieben. Wie die Fans auch. Und trotzdem kommen auch neue nach. Für meinen Geschmack war das alles richtig gemacht, auch wenn jemand sagt, dass ich nicht mehr so erfolgreich bin wie einst. Gerade weil meine letzten Songs nicht im Radio totgespielt wurde, ist es etwas, ein Projekt, welches lange anhält. Das nächste Projekt kann wieder reißen. Ich glaube, ich habe alles richtig gemacht.

© Paul Ripke

subtext.at: Welches Gefühl ist am schwierigsten in einen Song zu übertragen?
Cro: (überlegt) Freude ist immer ein schmaler Grat. Wenn man versucht, ein fröhliches Lied zu machen. Es driftet ganz schnell ab in Kindergeburtstagsmusik. Emotions, also Trauer und so, ist ziemlich einfach. Das klingt immer gut und jeder ist dann immer so „Ja, geil“ und es wirkt nicht irgendwie kitschig, weil man sich Themen nimmt, über die man nicht lacht und so. Traurig ist einfach und fröhlich ist schwer. Es muss sitzen.

subtext.at: Gibt dir die Musik die Möglichkeit, länger Kind zu bleiben und den Erwachsenenalltag hinter sich zu lassen?
Cro: Ich bin nie erwachsen geworden. Deswegen… Ich hab‘ mal reingeschnuppert ins Büro, drei Jahre lang und es hat nicht gereicht, um mich zu brechen. Ich wurde also nie wirklich gebrochen, nur angeknackst. Klar flüchte ich mich durch die Tracks und halt‘ mich schön in meiner Blase.

subtext.at: Wenn die Blase mal platzt, bist du darauf vorbereitet?
Cro: Ich glaub, die wird nie platzen. Die wird wenn dann sich ganz locker erweitern so. Es wird keinen Moment geben, wo die dann platzt und dann bin ich erwachsen. Wenn dann eine Frau kommt, dann werd ich das nicht ernst nehmen und dann dauert das ein, zwei Jahre bis ich bemerke „Krass, jetzt wird’s ja doch ernst“ und dann wird hier und da noch ein Haus entstehen. Und nach vier, fünf Jahren bekommt man dann mal irgendwie ein Kind so. Es schleicht sich an, denke ich mal, es wird kein Platzen sein. Irgendwann, in zehn Jahren, werde ich reich sein, aber erwachsen werde ich trotzdem nicht sein. Ich werde niemals für Erwachsene Moves machen, glaube ich. Wenn alte Menschen auf jung tun, so Rollerblades fahren und so, ist das auch nicht so cool. Da denkt man sich doch „Ey, du bist doch uralt“ und so. Deswegen will ich es auch nicht auf Teufel komm raus machen. Ich springe auf ein Skateboard und dann brech‘ ich mir den Fuß.

(Es gibt anschließend eine Diskussion, die u.a. um das Alter von Donald Trump kreist und wie lange man es sich leisten kann, im Popzirkus mitzumachen und ihn mitzugestalten, bis es wirklich peinlich wird. Fazit: Wenn der komplette Lifestyle der betreffenden Person cool ist, dann passt er auch mit zunehmendem Alter.)

subtext.at: Bedeutet dir die Rap-Szene eigentlich noch irgendetwas? Hast du dich jemals ein Teil von ihr gefühlt?
Cro: Es gab schon immer die Rap-Szene und es gibt mich. Das ist auf jeden Fall klar. Ich hab da nie irgendwie dazu gehört. Ich feier das aber, weil was gibt es besseres, als nicht in einem Topf mit allen zu sein? Ist das geil? Ich bin drüber über dem ganzen Mist. Ich mach irgendwie größere Dinge. Größere Moves, größere Arenen, größere Lieder. Bei mir sind die Dimensionen viel größer als im Hip-Hop. Rap-Shit. Deshalb mag ich, wo ich bin.

subtext.at: Leicht oder anstrengend, diese Dimensionen?
Cro: Ist geil. Mit dem richtigen Team ist das nicht schwer. Chimperator ist live unschlagbar, was wir da auf die Beine stellen. Unfassbar. Ich muss nur reinkommen und schon sind die fünf richtigen Menschen da, die Stagedesign machen, die mich fragen, was ich will, was möglich ist und wie viel es kostet. Dann wird das ein Jahr lang gebaut, dann komm ich zu den Proben und alles steht und funktioniert. Wir können dann loslegen, den Spaß auf der Bühne zu planen. Der Rest sitzt.

subtext.at: Was schätzt du, wie viel Anteil an deinem Erfolg hat noch der Umstand mit der Maske?
Cro: Doch, doch. Ich bin auch immer noch verwundert, wenn ich mich Fans quatsche, die 16 sind oder so, und ich stand dann ohne Maske da und die waren voll verblüfft, wie ich eigentlich aussehe. Die waren supergeflasht. Nach sechs Jahren… Die Frage mit der Maske, wie, wo, ohne, mit, ist immer noch interessant für die.

© Chimperator

subtext.at: Weil du ja sehr modeaffin bist zum Abschluss die Frage, was dein ausgeflipptestes Kleidungsstück in deinem Schrank ist?
Cro: (seufzt) Die geilste Sache ist die Jacke, die ich selber genäht habe. Die finde ich dope, die ist geil. Habe ich auch gepostet in meinem Feed auf Instagram.

subtext.at: Die hast du komplett selber gemacht?
Cro: Ja. Leder gekauft, Sachen geschnitten, vier Tage lang Patches genäht, Schriften ausgeschnitten… Sonst vielleicht der Yeezy Red October-Sneaker, das teuerste Stück. 6000,- oder 6500,-, was ziemlich verrückt ist. Wie ein Kleinwagen. Und ein Klavier, mit einem Goldfisch, der drin schwimmt.

subtext.at: Schuhe sind demnach dein Steckenpferd.
Cro: Schuhe sind geil, vor allem neu. Die riechen so geil nach dieser Honigblumenchemiewiese da, nach diesem Kleber… Schuhe sind geil.

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