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JAMES BAY über die Kunst, zu überraschen: „Es macht Sinn, sich als Künstler nicht wiederholen zu wollen“

Als aufstrebender Musiker ist es wohl alles andere als eine Hiobsbotschaft, wenn der Erfolg nicht nur national, sondern global eintritt. So geschehen bei James Bay, der mit seinem Debütalbum „Chaos And The Calm“ 2015 weltweit den Durchbruch schaffte. Songs wie „Hold Back The River“, „Scars“ oder „Let It Go“ hallten noch lange nach Veröffentlichung nach und sorgten dafür, den ehemaligen Hutträger mit den langen Haaren und der Gitarre im Pop zu etablieren. Mit zweiten Album, erschienen im letzten Jahr, war dann alles anders: Neuer Look, neues Image, modernere Produktion und auch die Songs zeigten sich von einer neuen Seite. Glaubte man als Einfluss u.a. Jeff Buckley einst heraushören zu können, waren es jetzt Legenden wie David Bowie oder Prince, die bei Bay Hoch im Kurs standen.

Nachteil: Wenn alle gleichzeitig ein Stück vom Kuchen haben möchten, dann muss man eben auch mal ausharren, wie James Bay im Interview mit subtext.at vor seinem Konzert in der Wiener Arena einstreut. Es hat lang genug gedauert, den Briten, der für Ed Sheeran als Stadion-Support fungiert, in die Bundeshauptstadt zu holen. Es ist endlich an der Zeit, darüber zu reden, was bei Bay zwischen der ersten und der zweiten Platte den Wunsch nach großer Veränderung ausgelöst hat.

Auf der Bühne tritt der 28-Jährige selbstsicher auf, startet mit dem perfekten Opener „Pink Lemonade“, streut brandneue Balladen von der „Oh My Messy Mind“-EP ein und garniert das Set mit längst zu Klassikern avancierten Songs aus seinem immer noch tollen Debütalbum. Bay stachelt das Publikum an, wirkt dabei nahbar, aber auch etwas kalkuliert. Eskapaden und Brüche abseits der Musik kann man von ihm wohl nicht erwarten.

subtext.at: James, magst du Überraschungen?
James Bay: So lange es sich um eine gute Überraschung handelt, denke ich schon, doch.

subtext.at: Du stehst dem also positiv gegenüber, wenn dich jemand mit kleinen und großen Dingen überraschen möchte?
James Bay: Ja, so lange es keine schlechten Nachrichten sind. Bad news als Überraschung braucht niemand.

subtext.at: Wie reagierst du dann auf schlechte Ereignisse, die ohne jede Vorwarnung eintreten?
James Bay: In dem ich atme. Ich versuche, sie atmend zu überstehen und so rational wie möglich durch diese Erfahrung zu gehen.

© Emily Hope

subtext.at: Wenn wir Bücher lesen oder einen Film schauen, lieben wir es ja, wenn die Handlung unerwartet verläuft und wendungsreich gestaltet ist.
James Bay: Auf jeden Fall, stimmt.

subtext.at: Bei Musikern bin ich mir nicht ganz sicher, ob Überraschungen so gern gesehen werden.
James Bay: Du meinst, wenn du dir ein Album anhörst?

subtext.at: Genau. Dein Debüt liebte ich von Anfang an und als dann „Electric Light“ erschienen ist, war ich total überrascht, in welche Richtung du dich entwickelt hast.
James Bay: Verstehe. Überrascht im guten oder im schlechten Sinne?

subtext.at: Ich weiß es nicht.
James Bay: Du bist dir unsicher?

subtext.at: Ja.
James Bay: Das Album ist ja schon seit einiger Zeit erschienen. (wirkt überrascht) Du bist dir noch immer unschlüssig, wie du es findest?

subtext.at: So sieht es aus, ja.
James Bay: Das ist in Ordnung (lächelt). Es kann ewig dauern, bis sich dir eine Platte erschließt – oder eben nicht. Da kann man nichts machen. (überlegt) Ich will mich nicht mit ihm vergleichen, aber wenn ich zum Beispiel gerade dabei bin, David Bowie für mich mit „Ziggy Stardust“ zu entdecken und mir diese Ausrichtung, diese Musik gefällt, dann möchte ich weitere Alben wie dieses hören. Das ist total verständlich. Nun mache ich mich dann an die Arbeit, die anderen Bowie-Alben zu entdecken, um dann festzustellen, dass sie alle ganz unterschiedlich klingen. Für mich ist es OK, wenn du jetzt sagst, du bist dir weiterhin unschlüssig, wie du das Album findest sollst. Das ist immerhin ehrlich (lacht).

subtext.at: Gilt es, dich beim Songwriting selbst zuerst überraschen zu wollen und danach das Publikum?
James Bay: Ja. (überlegt) Du musst es in erster Linie für dich tun, denn wenn du nicht selbst daran glaubst und es liebst, wie sollen es dann andere tun? (überlegt) Das ist der Punkt. Wenn es dich nicht selbst bewegt, sinken die Chancen gewaltig, jemand anderen damit zu bewegen. Als Künstler muss man an sich glauben. Ich weiß, dass ich keinen Grime und keinen Heavy Metal spielen werde. Das ist einfach nicht mein Metier, diese Spielarten bewegen mich nicht so sehr wie andere Stile.

subtext.at: Was hat dich bei deinem Debüt „Chaos And The Calm“ am meisten überrascht?
James Bay: Bei meinem ersten Album? Wie sehr es die Menschen geliebt haben. Das war definitiv eine Überraschung, denn ich hatte keine Fans, als diese Musik entstanden ist. Ich habe zuerst eine EP veröffentlicht, bevor das Album erschienen ist, ungefähr ein Jahr davor. Ich fing also gerade an, Fans zu haben. Als ich die Songs für „Chaos And The Calm“ geschrieben habe, kannte mich niemand. Dann war es draußen und die Leute liebten es. Sie liebten es nicht nur für eine Woche oder einen Monat, sondern es verging ein Jahr, dann zwei Jahre, dann drei, und der Zusprach dauerte an. Es war und ist seltsam, eine magische Erfahrung für mich.

subtext.at: Und bei „Electric Light“?
James Bay: Die Reaktionen und Meinungen der Leute und die Reaktionen und Meinungen der Fans. Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Es gab Leute, denen hat „Chaos And The Calm“ nicht sonderlich gefallen und die dann durch „Electric Light“ zu Fans geworden sind. Großartig! Es gab natürlich auch Personen, die auf weiteren Nachschub im Stile von „Chaos And The Calm“ gewartet haben und dann enttäuscht waren – was ich verstehen kann. Wenn man etwas mag, dann will man noch mehr davon. Das ist menschlich. (überlegt) Mich hat überrascht, dass die Leute nicht verstanden haben, weshalb ich mich nicht wiederholen wollte. Es macht Sinn, sich als Künstler, als kreative Person, nicht wiederholen  zu wollen. Anstelle ein Bild mit der Farbe Blau zu malen, möchte ich ein rotes Bild anfertigen. Oder ein Bild mit Rot und Blau. Es gab Leute, die haben diesen Gedanken nicht verstanden.

subtext.at: Woher kommt eigentlich deine Leidenschaft für Musik?
James Bay: (seufzt) Das ist immer eine tolle Frage. Die Idee, durch Musik eine Verbindung zu jemandem zu schaffen, hat mich schon immer fasziniert. Dafür brenne ich. (überlegt) Es hat etwas Mysteriöses an sich, wenn man nicht miteinander spricht oder sich in der Nähe von jemandem befindet. Musik hat auch etwas Magisches an sich, was mich stets inspiriert hat. Für mich ist es außerdem die beste Möglichkeit, mich auszudrücken. Es ist seltsam, weil ich mich ja öffentlich offenbare und private Dinge in meinen Songs thematisiere. Es ist wie eine Art Therapie.

subtext.at: Kannst du deinen kreativen Prozess in die Worten zusammenfassen?
James Bay: Nein (lacht). Ich versuche es mal. (überlegt) Lang, schwierig, aber am Ende lohnt es sich.

subtext.at: Da fällt mir die bekannte Aussage von dem Künstler ein, der leiden muss, um etwas Wertvolles vollbringen zu können. Teilst du diese Ansicht?
James Bay: Das tue ich. Jeder leidet anders, muss auch gesagt werden. Der eine mehr, der andere weniger. Nichts, was großartig ist, fällt einem leicht in den Schoss. Davon bin ich überzeugt. Ich weiß auch nicht, ob leiden das richtige Wort dafür ist. Es ist ein intensiver Prozess, durch den man durch muss, aber der lohnend ist wie gesagt.

© Emily Hope

subtext.at: Es gibt auch Leute, die meinen, von einer Muse geleitet zu werden.
James Bay: Es kann mehr als eine Muse geben oder sie können sich auch verändern. Eine Muse kann ein Mensch sein, ein bestimmter Augenblick in deinem Leben, der dich inspiriert, oder eine Erinnerung. Die Muse kann als eine Art Überraschung in dein Leben treten. (überlegt kurz) Eine Erinnerung aus deiner Kindheit kommt hoch, eine Erinnerung aus dem Urlaub, die dich dazu inspiriert, einen neuen Song zu schreiben. Als Songwriter siehst du diese Dinge nicht kommen, aber wenn sie dann vor dir stehen, kannst du sie effektiv nutzen.

subtext.at: Mit „Electric Light“ bist du aus meiner Sicht aus deiner Komfortzone getreten. Es scheint, als wäre dir dieser Schritt leicht gefallen.
James Bay: Leicht war es nicht, aber notwendig. Extrem notwendig. Deswegen habe ich es getan. Hätte es sich leicht angefühlt, diesen Schritt zu gehen, wer weiß, ob ich ihn getan hätte? Sich selbst herauszufordern, halte ich für sehr wichtig. Manchmal ist dieser Schritt offensichtlich, um das Feuer und die Freude am Leben zu halten, was es nicht zwangsläufig leichter macht. Dieses Album bedeutete für mich, nach einem Gefühl des Zusammenhalts zu suchen. Es ist wichtig, Zeit zusammen zu verbringen, obwohl wir ständig dabei sind, uns voneinander zu entfernen und uns zurückzuziehen. Wir sitzen oft genug zusammen und benutzen soziale Medien, anstatt wie wir hier miteinander zu reden und uns in die Augen zu sehen. (überlegt) Ich bin froh über deine Sichtweise und ich möchte auch gar nicht sagen, ob dies richtig oder falsch ist.

subtext.at: Durch welche Türen muss James Bay in Zukunft noch hindurchtreten?
James Bay: Das ist eine gute Frage, eine sehr gute Frage, die schwierig zu beantworten ist. Ich habe vor kurzem eine EP veröffentlicht und bin gerade dabei, herauszufinden, welche Türen ich noch aufmachen möchte. Ich will auch nicht, dass ich alles weiß und mir bewusst ist, was ich machen werde und wie der nächste Schritt aussehen wird. Es ist wie ein Puzzle, welches ich zusammensetzen muss. Ich weiß nur, dass ich die Leute noch erreichen kann. Und welche, die ich noch nicht erreichen konnte. Wie der Sound konkret klingen wird, kann ich aber wirklich noch nicht sagen.

subtext.at: Da wären wir also bei der nächsten Überraschung.
James Bay: Genau, so machen wir es. Der Kreis schließt sich (lacht).

© Emily Hope

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