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PUP im Chelsea: Morbides Zeug unter der Stadtbahn

Dem gemeinen Österreicher wird ja gerne ein Hang zum Morbiden nachgesagt, Kanadier hingegen entschuldigen sich gerne einmal zu oft und fürchten sich vor Stromausfällen – so weit die Klischees. PUP passen mit ihrem Faible für schwarzen Humor in Kombination mit hymnischen Punkrock-Songs wohl in kaum eine Stadt besser als nach Wien. Vergangenen Mittwoch spielten die vier (zurecht) umjubelten Mounties ihr erstes Headlinekonzert in Österreich – und das in einem ausverkauften Chelsea bei grandioser Stimmung.

Im Norden blüht der Punk Rock auf, könnte man meinen, denn der aktuelle Toursupport kommt mit der Pop-Punk-Formation Sløtface aus Norwegen. Die junge Band aus Stavanger hat 2017 ihr Debütalbum „Try Not To Freak Out“ veröffentlicht und ist für Genreverhältnisse eher in die Kategorie „sophisticated“ einzuordnen. Der Bass wirbelt die Tonleiter auf und ab, die Gitarre ordnet sich zunächst unter, um dann im richtigen Moment zu explodieren und der Gesang ließ uns ein bisschen an die tieferen Lagen von Haley Williams (Paramore) denken. Sløtface präsentierte sich in den knapp 45 Minuten als abwechslungsreicher und sympathischer Anheizer.

Seit ihrer selbstbetiteltes Debütalbum 2013 wie eine Bombe eingeschlagen ist, ging es für PUP steil bergauf, jedoch nicht ganz ohne Rückschläge: ein Arzt sagte Sänger Stefan Babcock bei Betrachtung seiner kaputten Stimmbänder „the dream is over“. Das heisere Goldkelchen erholte sich jedoch und natürlich benannte man das zweite Album daraufhin nach dem Zitat des Herrn Doktor. Dieses Jahr ist mit „Morbid Stuff“ das grandiose dritte Album der Band erschienen, auf dem sie in ihrer Kombination aus mitreißendem Songwriting und messerscharfem Sarkasmus endgültig zur Höchstform aufgelaufen sind. Bis auf Platz 2 der Billboard Independent Album Charts kletterte man damit. Mit einem Koffer voller Hits im Gepäck ging es ab dem ersten Gitarrenakkord rund im Chelsea. Dauer-Moshpit, Crowdsurfer im Minutentakt und der ganze Saal singt für das verstorbene Haustier-Chamäleon. Schön auch, dass der Song „See You At Your Funeral“ explizit nicht den Eltern von Bassist Nestor gewidmet wurde. Dafür prognostiziert man sicher lieber gegenseitig „If This Tour Doesn’t Kill You, Then I Will“, scheißt auf die Zugabe und schießt mit „DVP“ zum Schluss nochmal ein Feuerwerk ab.

Abseits von ganz viel Sarkasmus und Abrissenergie haben PUP auch nicht den Blick dafür verloren, dass es da draußen noch etwas anderes gibt. Auf jeder Station der Tour ruft die Band zu Spenden für eine andere NGO auf – an diesem Abend Sea Watch, die Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken retten. Man muss nicht zwangsweise eine politische Message in seinen Songs haben, um politisch zu agieren. Schönes Ding! Für uns definitiv ein Anwärter auf den Titel „Konzert des Jahres“.

Fotos: Andreas Wörister

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Schreibt Albumrezensionen, Konzertberichte und führt gerne Interviews - transkribieren tut er diese aber weniger gern. Immer wieder auch für Blödsinnigkeiten abseits seines Kerngebiets "Musik" zu haben. Hosted einmal monatlich die Sendung "Subtext on Air" auf Radio FRO, ist bei mehreren Kulturinitiativen und in einer Band aktiv.

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