Kerosin95: „Kerosin ist Kunst mit Erweiterungen“

„Volume 1“ heißt das Debutalbum von Kathrin Kolleritsch alias Kerosin 95, das Mitte März mitten im kulturellen Stillstand erscheinen wird. Eigentlich bekannt aus anderen Formationen (Kaiko, My Ugly Clementine, Anm. d. Red), erschließt Kerosin95 mit der neuen Platte nicht nur musikalisch neue Horizonte. Ein – wie könnte es auch anders sein – Online-Gespräch über Emotion, kulturelle Einöde und die Figur Kerosin95 an sich. 

subtext.at: Ich kenne dich musikalisch eigentlich aus komplett anderen Genres – kannst du den Grundgedanken für Kerosin95 bitte kurz mal zusammenfassen?
Kerosin95: Kerosin95 hat als Rap-Projekt gestartet, ist aber mittlerweile schon viel mehr geworden. Es ist Figur, Performance, Musik, politischer Aktivismus – es ist Kunst mit Erweiterungen. Es wächst auch ständig, ist natürlich immer noch kein zehn Jahre altes Projekt, sondern fasst langsam Fuß und bekommt Ecken und Kanten. Mit dem Album „Volume 1“ wird für mich noch mehr klar, was Kerosin95 eigentlich ist. Eben viel mehr als ein „nur“ musikalisches Projekt.

subtext.at: In der Aussendung zum Album heißt es eben auch, dass Kerosin95 „Figur, Projekt und Performance“ sei. Was war zuerst da: die Musik oder die anderen Facetten?
Kerosin95: Zuallererst war schon die Musik da. Ich wollte gerne auf Deutsch texten, und dann hat sich die Musik zu den Texten gefunden. Es hat also wirklich als rein musikalisches Projekt gestartet, und dann merkte ich erst, was ich mit Kerosin95 noch alles machen und womit ich mich spielen kann. Kerosin95 ist für mich ein großer Spielplatz geworden, der auch immer größer wird – was natürlich auch schön ist. Gerade, weil ich immer mehr Möglichkeiten finden kann, Kunst zu machen, aber auch andere wichtige Dinge auf die Bühne zu bringen. Oder generell mal herauszufinden, was ich mit dieser Kunst und dem Privileg, ein Mikro in der Hand zu haben, überhaupt alles machen kann.

subtext.at: Es heißt weiters: „Eine ungewohnte Ehrlichkeit öffnet dabei den Blick für Wesentliches, ohne dabei auf den Spaß zu vergessen.“ Heißt das im Umkehrschluss, dass es solcher Musik gegenüber auch Unehrlichkeit geben kann?
Kerosin95: Schwierig zu sagen, weil es davon abhängt, welche Person Ehrlichkeit wie für sich definiert. Hat das mit Authenzität zu tun? Ist ehrlich gleich „authentisch“? Das ist immer gleich ein großes Thema – und vielelicht ist mit „ehrlich“ in diesem Kontext eher „direkt“ und „schonungslos“ gemeint.

subtext.at: Stichwort „Direkt“ und „Schonungslos“ – beim ersten Durchhören des Albums ist mir bemerkenswerterweise das Intro hängen geblieben, auf das diese Attribute durchaus auch zutreffen könnten. War der Grundgedanke, das Album gleich von Beginn an in eine direkte, ironische Richtung zu lenken?
Kerosin95: Das war einfach ein kleiner Spaß. Kunst kann schon viel Bedeutung haben – in dem Falle habe ich es einfach lustig gefunden, Youtube-Kommentare, die teilweise auch „gschissen“ sein können, zu vertonen und als Intro ins Album zu packen. Das wars aber auch schon.

subtext.at: Das Album klingt für mich etwas wie ein Trip aus Pop, Rap, Trap bis hin zu einem bisschen Indie. War es die Intention hinter dem Album, möglichst viele Facetten von Kerosin95 auf dieses doch relativ kurze Album zu packen?
Kerosin95: Intention hinter dem Album gab es eigentlich keine. Ich wollte einfach jeder Geschichte Raum geben, die auch erzählen und dann schauen, was die jeweilige Story braucht und was die Musik dazu aussagen soll. Ich habe mit verschiedensten Leuten zusammen gearbeitet – dadurch ist natürlich auch kein „durchgehender“ roter Faden, sondern ein Geschlängel entstanden. Deswegen sind halt auch mehrere Facetten drinnen – aber es war nicht so, dass ich unbedingt einen krassen Trap-Track, eine 90ies-Nummer und einen Club-Track drinnen haben musste. Es ist einfach so passiert – und am Ende war es schon arg, wie eine große Reise. Die hat mir aber getaugt und war mir auch ein bisschen wurscht – ich wollte die Geschichten erzählen und sie einfach auf eine Platte packen. Darum heißt es auch schlicht und einfach „Volume 1“.

subtext.at: „Ein bisserl wurscht“ – das Album erscheint Mitte März, Kultur liegt noch immer am Boden. Hat die derzeitige Situation der Kulturbranche für dich auch den Blick auf das Album verändert im Nachhinein, gerade im Hinblick auf Liveshows, die – falls überhaupt – in einem Rahmen stattfinden werden, den man für Kerosin95-Shows so sicher nie erwartet hätte?
Kerosin95: Das Ding dabei ist, das das Album eigentlich erst im Mai und Juni 2020 so richtig ins Rollen gekommen ist – da war schon alles geschlossen und abgesagt. Ich habe mich mit dem Album schon darauf eingestellt, dass ich nicht fix weiß, wann und wie es live präsentiert werden kann. Das wissen wir alle bis heute noch nicht. Deswegen hat es wenig verändert – ich wollte das Album aufnehmen, und wenn es erst ein Jahr später live präsentiert wird, ist das auch OK.

subtext.at: Also sind Sitzplatzkonzerte kein Problem? 
Kerosin95: Natürlich will ich live spielen, und Kompromisse werden wohl notwendig sein. Aber natürlich ist Kerosin95 nicht das Projekt für Sitzplatzkonzerte – ich hätte schon gerne, dass die Leute springen, tanzen und lachen. Das müssen sie halt jetzt im Sitzen tun (lacht).

subtext.at: Nochmal kurz zum Inhaltlichen der Platte. Hier gibt es etwa die Line „In meinem Kopf bleibt es immer Nacht“ aus dem Titel „Nacht“, und generell scheint das Album sehr auf persönliche Gefühle fokussiert. Stimmt das?
Kerosin95: Ja, alles ist irgendwo persönlich – weil ich aus meinen Perspektiven erzähle. Ich kann nur meine Lebensrealität representen – somit ist alles persönlich. Traurige und melancholische Emotionen haben aber schon einen prominenten Platz am Album erhalten – das war mir schon auch sehr wichtig. Und das, was ich verarbeiten möchte, kommt halt auf die Platte – in dem Falle halt viele „zache“ Sachen.

subtext.at: „Meine Welt“ klingt plaktativ gesagt schon fast wie das „Manifest“ des Albums, das die Aussage der Platte zusammenfasst. Würdest du hier zustimmen?
Kerosin95: Ja und nein. Der Track lädt sicher ein wenig dazu ein, das Gefühl zu kriegen, dass das der „Main Track“ der Platte ist. Ich sehe das eher nicht so – für mich ist das Intro genauso wichtig wie es etwa „Meine Welt“ ist, und genauso wichtig wie das Interlude. Für mich hat jeder Song eine große, gleiche Wichtigkeit. Das sind schon Puzzleteile, die sich dann zu dem zusammenfügen, was „Volume 1“ für mich ist.

subtext.at: Zum Abschluss hätte ich ein Feature mit Mira Lu Kovacs nicht wirklich auf einer Kerosin95-Platte erwartet. Wie passen Mira Lu Kovacs und Kerosin95 auf einer Platte für dich zusammen?
Kerosin95: Wie die Faust aufs Auge (lacht). Wir sind nicht nur Kollegis, sondern auch Friends – außerdem hat Mira Lu hat die Musik geschieben. Es ist also kein reines Feature, sondern eigentlich viel mehr. Der Gedanke war schon länger da, miteinander einen Track zu machen. Mira hat dann eine Skizze für einen Song gehabt, der für Kerosin95 passen könnte. Ich habe dann dazu getextet, und kurze Zeit später war der Track dann auch fertig.

subtext.at: Das Album heißt „Volume 1“ – aufgelegte Frage: wann kommt Volume 2, und wie klingt das?
Kerosin95: Ich kann nur soviel sagen: was auch immer „Volume 2“ sein wird, es kommt relativ bald. Es wird nicht so lang dauern, und ganz, ganz anders klingen.

subtext.at: Also ist Kerosin95 ein Projekt für dich, das sich in verschiedene Richtungen entwickeln soll?
Kerosin95: Kerosin „soll“ für mich nichts sein – ich kann mich da wieder an die angesprochene Metapher des „Spielplatzes“ anhängen. Für mich ist Kerosin etwas, was ich immer auf die Art und Weise weiterentwickeln kann, auf die ich gerade Bock habe. Ich habe für mich das Gefühl, dass Kerosin erst am Anfang steht von dem, was möglich ist.

subtext.at: Gibt es einen Track auf der Platte, den du persönlich am meisten schätzt, oder ist die ganze Platte für dich etwas sehr Stringentes?
Kerosin95: Nein – für mich sind das sicher Top-10-Lieblingssongs (lacht).

subtext.at: Wir haben zuerst die Themen Emotion und Melancholie bereits angesprochen – enthält „Volume 1“ auch autobiographische Elemente?
Kerosin95: Ich glaube, dass das gar nicht so wichtig ist. Kerosin ist ein bisschen Kathrin, jemand anderes, oder überhaupt andere Persönlichkeiten. Diese Figur wandelt sich chamäleonartig so, wie es gerade passt. Gleichzeitig ist sie aber auch nicht so wichtig – Kerosin ist sehr viel Veränderung in sich. Das ist auch das Schöne daran – weil ich Themen aufarbeiten kann und in Dinge eintauchen kann, wo ich als Kathrin nicht eintauchen kann. Deswegen spreche ich auch von der Figur, die vielleicht auch an sich ein Reflexionsprozess ist.

subtext.at: Die für April geplante Tour ist noch nicht offiziell abgesagt – gibt es schon Updates zu möglichen und nötigen Verschiebungen?
Kerosin95: Anscheinend heißt es ja gerade, dass sich bis Ostern nichts tun wird. Ostern wäre buchstäblich der Termin für die Release-Show im Wiener WUK. Ich weiß hier genauso viel, wie du weißt: nix. Wir können auch nur warten, dann wieder verschieben, aber vielleicht passieren ja noch Wunder, und die Shows können stattfinden. Grundsätzlich gehe ich damit um, wie ich seit einem Jahr damit umgehe: ich warte und schaue, dass ich mich auch anders künstlerisch betätigen kann.

Kerosin95: Volume 1
VÖ: 19.03.2021, Ink Music
Format: Vinyl, Digital
Tracklist
1. Intro feat. Tina
2. Heeey
3. Nie wieder Fühlen
4. Futter
5. 17520H
6. Nacht
7. Interlude
8. Meine Welt
9. Beton
10. Shiver feat. Mira Lu Kovacs

Weitere Infos

Foto: Hanna Fasching

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geschrieben von

Musik-Nerd mit Faible für Post-Ehalles. Vinyl-Sammler. Konzertfotograf mit Leidenschaft, gerne auch analog. Biertrinker. Eishockeyfan. "Systemerhaltende" Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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