„Nur nichts zerdenken“: CITIZEN über Autonomie und Veränderung

Am 26. März veröffentlicht die Rockband Citizen aus Ohio ihr nunmehr viertes Studioalbum „Life In Your Glass World“. Sänger Mat Kerekes hat sich für ein ausführliches Skype-Interview zur Verfügung gestellt und Einblick in die Arbeitsweise der Band gewährt. Ein Gespräch über stilistische Veränderungen, die Auswirkungen von mehr Autonomie und Freiheit während der Albumproduktion und Zukunftspläne während der Pandemie.

subtext.at: Hi Mat! Freut mich, die Gelegenheit zu haben mit dir zu plaudern. In einigen Wochen erscheint euer neues Album „Life In Your Glass World“ und vieles deutet darauf hin, dass diese Platte eine ganz besondere für euch wird. Erstens ist eure Band etwas geschrumpft und zweitens hört und liest man, dass der Aufnahmeprozess dieses Mal ein ganz spezieller war. Nimm uns doch mal mit hinter die Kulissen was sich seit „As You Please“ bei euch getan hat.
Mat
: Einfach gesagt haben wir uns dazu entschlossen, das Album in Eigenregie aufzunehmen, weil wir selber alles in der Hand haben wollten und das hat dazu geführt, dass dieses Album Citizen in Reinform repräsentiert. Mehr als je zuvor. Wir sind mittlerweile zu dritt. Jake und Ryland sind gegangen ,um sich auf andere Dinge in ihrem Leben zu konzentrieren, was total okay war. Wir wussten aber, dass wir dieses Mal beim Album einige Dinge anders machen wollten. Wir wollten volle Unabhängigkeit, also haben wir ein Studio in meiner Garage gebaut, haben es selbst produziert und jede Entscheidungen  aus unseren Köpfen und Bäuchen heraus getroffen, ohne dass uns jemand gesagt hat wie irgendetwas zu sein hat. Ich denke das Ergebnis ist ziemlich cool und ehrlich geworden.

subtext.at: Ich habe das Album letzte Woche von eurem Label bekommen und ich muss sagen, dass ich den Vibe und die generelle Richtung, in die ihr damit wollt großartig finde. Mit der ganzen Freiheit, die ihr euch im Albumprozess geschaffen habt: wie seid ihr es angegangen diesen neuen, eher auf Beats und Rhythmus basierenden Sound zu kreieren?
Mat:
Normalerweise starte ich im Songwritingprozess immer mit einer Akustikgitarre und natürlich dem Gesang, aber für dieses neue Citizen-Album wollte ich mal versuchen von den Drums weg aufzubauen – mit einer Art von Beat, die wir normalerweise nicht machen würden und in einem Tempo, in dem wir normalerweise nicht spielen würden – also tendenziell eher upbeat. Wir wollten also tatsächlich mit der Rhythmus-Sektion beginnen. Cool, dass dir das gleich aufgefallen ist. Ich finde wir haben dadurch diesen coolen Vibe und eine neue Version von Citizen geschaffen. Es ist einfach etwas, das wir bisher noch nicht gemacht haben.

subtext.at: Ich finde das zeigt sich deutlich, wenn wir einen der Songs hernehmen, die ihr bereits als Single veröffentlicht habt: „Blue Sunday“, der meines Erachtens nach ein ziemlich bemerkenswertes Stück in eurem Katalog ist. Man kann wirklich hören, wie viel Arbeit und Liebe zum Detail ihr in diese Produktion gesteckt habt. Ist das ein Ergebnis dieser sehr befreiten Arbeitsweise?
Mat:
Es war einfach großartig. Es gab keine Wünsche von Außen, die wir irgendwie befriedigen mussten. Bei vielen vorherigen Alben haben wir vorher Demos gemacht und ich mochte, wie bestimmte Dinge klangen und dann gingen wir ins Studio und das Ergebnis fühlte sich plötzlich nicht mehr danach an. Deswegen wollten wir diesmal von Anfang an alles richtig selber machen. Es war sehr befreiend, alles genau so machen zu können, wie man es sich vorgestellt hat. Man hat nie das Gefühl irgendwen zu nerven, weil etwas noch nicht so 100 Prozent richtig klingt und man etwas länger daran herumfeilt.

subtext.at: Denkst du deine letzten Solo-Veröffentlichungen haben dieses neue Citizen-Album in einer Art und Weise beeinflusst?
Mat
: Nein. Dieses Album war tatsächlich das allererste, das ich auf diese Weise angegangen bin, die Schlagzeugparts als erstes zu schreiben. Die Solosachen passieren meistens ganz klassisch, je nachdem, ob ich gerade hinterm Klavier sitze oder mit meiner Akustikgitarre. Bei diesem Citizen-Album wollten wir, dass es richtig heraussticht. Ich denke wir haben uns schon immer von Album zu Album verändert und jedes Album hat seine eigene Stimmung. Man ist nicht mehr von den gleichen Sachen beeinflusst wie noch vor einem Jahr und ich will auch nicht dauernd den gleichen Song schreiben, verstehst du? Letztendlich gibt es sicher schon 1 Million Leute, die Songs gemacht haben, bei denen der Rhythmus an erster Stelle kam – so verrückt und innovativ ist die Idee ja nicht – aber zumindest für uns war es ein neuer, aufregender Prozess.

subtext.at: Ein Song im Speziellen sticht für mich auf „Life In Your Glass World“ besonders heraus. Ich kann mir vorstellen, dass sich die Meinungen darüber bei einigen Fans spalten werden, da es mit Sicherheit die Nummer ist, die sich bis jetzt am weitesten von eurem ursprünglichen Sound entfernt hat. Weißt du von welchem Song ich spreche?
Mat:
Fight Beat? (lacht)

subtext.at: Exakt! Wie siehst du diesen Song und was ist die Entstehungsgeschichte dahinter?
Mat:
Ich habe Nick, unserem Gitarristen, eine Nachricht geschickt und er sagte mir, dass er Album gerne so einen total simplen Song ohne viel Tamtam haben will. Etwas, das wie ein Rapsong klingt, ohne einer zu sein und ich dachte mir sofort: „Okay, ich weiß genau was du meinst“, also bin ich nach Hause und hab diesen Song gemacht. Weißt du, irgendwie mag ich Techno und House total gern, deshalb war es wahnsinnig cool mit diesen verschiedenen Sounds herumzutüfteln. All die Sounds, die man in diesem Song hört, sind tatsächlich mit einer Gitarre und ziemlich vielen schrägen Effekten entstanden. Das hat echt Spaß gemacht. Am Ende des Tages sind wir Citizen und entscheiden, wie Citizen klingen soll. Klar ist „Fight Beat“ irgendwie seltsam, aber für uns fühlt es sich total natürlich an, gerade im Kontext der Platte. Egal ob ich jetzt einen Techno, oder Metal oder Was-auch-immer-Songe mache… (lacht) …Am Ende des Tage wird es sich immer noch nach mir und nach Citizen anfühlen. Wie gesagt, für uns ist das total normal und ich denke, dass die Leute mittlerweile mit solchen Veränderungen rechnen und es auch akzeptieren werden. Falls jemand den Song nicht mag, dann muss er ihn ja nicht hören.

subtext.at: Mit so viel kreativer Freiheit und Zeit, die ihr zur Verfügung hattet, bestand da jemals die Gefahr, bei irgendeinenmSong oder einer einzelnen Passage irgendwie obsessiv und überperfektionistisch zu werden?
Mat:
(lacht) Nein, irgendwie war bei uns sogar das Gegenteil der Fall. Das Schema, nach dem wie wir als Band und wie ich Songs schreibe, lautet: „Nur nichts zerdenken“. Wenn ich das Gefühl habe zu viel nachzudenken, dann hören ich normalerweise auf und arbeite an etwas anderem weiter. Dann versuche ich es vielleicht später nochmal oder verwerfe den Song vielleicht sogar ganz. Ich denke, das, was auf natürliche Weise zustande kommt ist immer am Besten – zumindest funktioniert das bei mir so. Andere arbeiten da ganz anders, was auch total okay ist. Es war unfassbar praktisch das Studio in meiner Garage zu haben und dass wir alle während der Aufnahmen einfach ganz normal unser Leben hier in Toledo gelebt haben. Es gabe aber Zeiten, da haben wir uns einfach nicht genug ins Zeug gelegt und wenn irgendwas Nick oder mich runtergezogen hat, weil unser Leben zu der Zeit gerade ziemlich verrückt war, dann haben wir eben einfach nichts aufgenommen. Es gab eine Zeit, als wir gerade mitten in den Aufnahmen steckten, wo ich einfach für ein Monat aufgehört habe und dann eben wieder ganz normal weitergemacht habe. Das würde so einfach nicht funktionieren, wenn wir irgendwo anders gewesen wären.

subtext.at: Gibt es auf dem Album ein Beispiel für einen Song bei dem das der Fall war, dass du angefangen hast zu viel nachzudenken und einfach später – vielleicht mit einem frischen Ansatz – weitergemacht hast?
Mat:
Es gibt da einen Song namens „Thin Air“. Ich denke, wir waren an der Stelle, wo wir unbedingt noch einen letzten Song für das Album wollten. Ich habe wahrscheinlich Instrumentals für fünf verschiedene Songs geschrieben, aber nichts davon gefiel mir wirklich. Ich fand alles dumm und kacke. Das ging einige Wochen so und plötzliche passierte „Thin Air“. Das war so der Moment, wo ich froh war, nichts erzwungen zu haben – und dass mein Prozess eben so ist wie er ist. Sobald die Idee da war, war der Song in knapp einer Stunde fertig. Ich finde auf diese Weise entstehen die ehrlichsten und natürlichsten Stücke Musik.

subtext.at: Wie viele Songs habt ihr in diesem Prozess für das Album geschrieben? Gab es ein fixes Ziel, oder wusstet ihr an einem Punkt: „Okay, das sind die 11 Songs, die aufs Album müssen – Fertig“?
Mat:
Wir haben 12 Songs gemacht. Es gibt also eine B-Seite. Der allerletzte Track, den wir geschrieben haben, war „Black And Red“. Zu dem Zeitpunk war das Album eigentlich schon fertig und plötzlich schickte mir Nick dieses Demo und meinte, „Hey, wir sollten das unbedingt ausarbeiten, egal ob es noch aufs Album passt oder nicht“. Am Ende gefiel uns der Song so gut, dass wir einen anderen dafür vom Album kickten, um ihn uns als B-Seite aufzuheben. „Black And Red“ war quasi die Zuckerglasur oben drauf.

Foto: Citizen, Fleet Union, Run For Cover Records


subtext.at: In ein paar Wochen erscheint das Album. In den letzten 12 Monaten haben wir viele Bands gesehen, die Konzerte gestreamt und sich kreative Wege ausgedacht haben, um während dieser Zeit trotzdem irgendwie präsent zu sein und gehört zu werden. Habt ihr irgendetwas spezielles für den Release geplant?
Mat:
Buchstäblich nichts. (lacht) Ich bin mir sicher, dass wir unser Management damit in den Wahnsinn treiben, aber wir sind ziemlich faul, was das angeht. Von Zeit zu Zeit verwende ich Instagram live, spiele ein paar Songs und quatsche einfach mit den Leuten, aber das wars dann schon. Tatsächlich haben wir einige Angebote in diese Richtung abgelehnt. Wir wollen einfach nicht so dauerpräsent sein und anfangen die Leute damit zu nerven. Citizen war nie dafür gedacht, unser Job zu werden. Es war immer nur eine Gelegenheit und die ganz gut zu funktionieren schien, also haben wirs durchgezogen. Aber ich finde es nervig, wenn die Menschen online die ganze Zeit versuchen, dir irgendwas anzudrehen und um Aufmerksamkeit ringen. Bei diesen Instagram Live Sachen sagt mir dann unser Manager: „Hey, du musst das vorher posten und ankündigen, dann kriegt ihr viel mehr Views“, aber das interessiert mich nicht. Ich tue solche Dinge lieber aus einer Laune heraus, als mir da vorher eine großartige Strategie zu überlegen. Sonst würde es sich nach Arbeit anfühlen, verstehst du?

Es gibt neben der Musik noch viele andere Dinge in meinem Leben. Ich will mein Workout machen, oder Muy Thai, oder Digital Sculpting und dann will ich in dem Moment nicht über Bandzeug nachdenken. Wenn ich dann Sachen mit der Band mache, dann möchte ich den Leuten nicht damit auf die Nerven gehen, sondern sie sollen von selbst kommen. Wenn das passiert und sie dich quasi trotzdem unterstützen, dann ist das großartig. Normalerweise, wenn wir auf Tour sind, gebe ich auch nicht so gerne Interviews aus diesem Grund, aber momentan macht mir das Spaß. Ich meine ich sitze hier zu Hause und habe Zeit, also wieso sollte ich nicht so viele Interviews wie möglich machen, wenn es der Band hilft? Macht das Sinn? (lacht).

subtext.at: Das macht absolut Sinn. Du hast das Stichwort Tour gesagt. Ich weiß es ist momentan schwierig irgendetwas zu prognostizieren, aber passiert bei euch gerade etwas an der Booking-Front? Können wir mit euch rechnen sobald die Clubs wieder aufsperren dürfen?
Mat:
Es passiert immer was in diese Richtung, aber es gibt eben dauernd Absagen oder Verschiebungen. Ursprünglich wäre eine Tour im Frühling 2020 geplant gewesen. Die wurde dann abgesagt und in eine Herbsttour verwandelt, weil es hieß, dass Covid bis dahin doch sicher unter Kontrolle sein würde. Daraus wurde dann Jänner 2021 und so weiter. Momentan stehen wir bei Herbst 2021, was wir und unser Management aber schon wieder eher skeptisch sehen. Im Endeffekt ist so, dass wann immer es verantwortlich und möglich ist sowas zu machen, sind wir bereit dazu. Ich denke die meisten Bands handhaben das gerade so, dass immer wieder neue Termine gemacht werden, sodass sie reserviert sind, sobald es dann grünes Licht gibt.

subtext.at: Wir drücken die Daumen dafür, dass es bald wieder losgehen kann. Vielleicht stattet ihr uns dann ja auch einen Besuch in Österreich ab …
Mat:
Oh ja! Das wäre großartig. Wir waren schon ein paar Mal in Deutschland, aber noch nie in Österreich. Hoffen wir das Beste!

subtext.at: Vielen Dank dass du dir so viel Zeit genommen hast. Viel Erfolg mit der Platte und bleibt gesund!

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Schreibt Albumrezensionen, Konzertberichte und führt gerne Interviews - transkribieren tut er diese aber weniger gern. Immer wieder auch für Blödsinnigkeiten abseits seines Kerngebiets "Musik" zu haben. Hosted einmal monatlich die Sendung "Subtext on Air" auf Radio FRO, ist bei mehreren Kulturinitiativen und in einer Band aktiv.

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