Broilers: „Wir kommen nur gemeinsam durch Krisen“

„Puro Amor“ heißt das neue Album der Broilers, der Punkband aus Düsseldorf, die auch hierzulande nicht Wenige in ihre musikalsichen Herzen geschlossen haben. „Puro Amor“ – eine Platte, die von der Liebe und dem Loslassen handelt. Eine Platte, die vier Jahre nach „(sic!)“ erscheint und nicht nur Hardcore-Fanherzen höher schlagen lassen durfte. Ein Album, das die Zeit bis zu Live-Happenings verkürzen sollte – im Interview sprechen Drummer Andi und Bassistin Ines über unsichere Zeiten, Polarisierung und humorvolles Herangehen an Songs. 

subtext.at: Vier Jahre sind seit dem letzten Broilers-Album “(sic!)” vergangen – aufgelegte Frage: warum so eine verhältnismäßig lange Zeit?
Ines: Sammy ist bei uns der Songwriter und kann am besten Musik/Texte schreiben, wenn er Dinge erlebt. Dann all das mit der Band und der Studiozeit vereinen, dauert in der Regel bei uns zwischen 3-4 Jahre. Im Normalfall sind wir in diesem Zeitraum, von erscheinen eines bis zum nächsten Album, auch auf Tour.

subtext.at: In der Aussendung zum Album heißt es zum Album wie folgt: “Partnerschaft, Familie, eine tiefe Freundschaft, die all das Vorausgegangene in sich vereint – wie die Freundschaft, die die Band vor 27 Jahren zusammengebracht hat und heute noch zusammenhält.” Wie viel Autobiographisches der Band enthält die Platte demnach?
Andi: Wie in all unseren Platten steckt natürlich auch im neuen Album sehr viel Autobiographisches. Ich würde sogar sagen, „Puro Amor“ ist vielleicht unser bisher persönlichstes Album. In den letzten Jahren ist viel Gutes, aber auch sehr viel Schlechtes und Schmerzhaftes passiert. Sowohl für uns persönlich, als auch gesellschaftlich. Das findet man alles auf „Puro Amor“.

subtext.at: Die Single-Auskopplung zum Album heißt “Alles wird wieder Ok!” – wie viel Zweckoptimismus steckt generell hinter “Puro Amor”?
Ines: In Zeiten, in denen es manchmal schwer fällt optimistisch zu sein, ist es ganz wichtig, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. Positives und optimistisches Denken sind dann wichtiger denn je, daher war es uns ein ganz besonderes Anliegen, dies auch in unserem neuen Musikvideo zu „Alles wird wieder Ok!“ zu vermitteln. Dort geben wir kleinen, selbstständigen Unternehmen die Möglichkeit, gesehen zu werden und am Schönsten wäre es, wenn sich diese positive Ausstrahlung auf andere Unternehmen überträgt.

Foto: Robert Eikelpoth

subtext.at: Die Songs auf der Platte sollen ja bereits vor Corona geschrieben worden sein – haben die letzten 15 Monate dann überhaupt noch Einfluss auf die Platte gehabt? Welche neuen Aspekte habt ihr in dieser Zeit in euren Songs auf der Platte wiedergefunden?
Andi: Ein Teil der Songs wurde tatsächlich schon vor der Pandemie geschrieben. Unsere Singles, „Gib das Schiff nicht auf!“ und „Alles wird wieder Ok!“, sind da zwei gute Beispiele. Wir hatten ja eigentlich geplant, das Album schon letztes Jahr zu veröffentlichen, waren aber damals noch nicht hundertprozentig überzeugt von dem fertigen Material. Als dann klar wurde, dass weder Festivals gespielt, noch getourt werden konnte, haben wir relativ schnell beschlossen, den eigentlich angedachten Veröffentlichungstermin zu canceln. Wir haben dann so lange im Studio weitergearbeitet, bis wir das Gefühl hatten, genau so muss die Platte klingen. Ich kann mich erinnern, dass Sammy zu Beginn der Pandemie dann auch ziemliche Probleme hatte, Inspiration zu finden. Aber letztendlich finde ich, hat er einige der emotionalsten Lieder ganz am Ende der Aufnahmen, und damit mitten in der Pandemie geschrieben.

subtext.at: Das Album erscheint in einer musikalisch mehr als unsicheren Zeit – seht ihr euch als “sicheren Hafen” in ebendiesen unsicheren Zeiten?
Ines: Ich hoffe doch, dass wir vielen Menschen mit unserer Musik eine gewisse Art von Trost, Kraft, aber auch positiver Energie geben können. Es gibt immer Zeiten, in denen nicht alles gut läuft und da ist ein „Anker/Seelen Tröster“ etwas ganz Wichtiges, um positiv nach vorne schauen zu können.

subtext.at: Liegt es vielleicht auch an diesem “sicheren Hafen”, dass thematisch das Thema Liebe, Beziehungen und Co wieder stärker in den inhaltlichen Fokus gerückt ist?
Andi: Vielleicht ist das tatsächlich so. Vielleicht sehnt man sich gerade in diesen unsteten und beängstigenden Zeiten nach der Sicherheit, die einem eine Beziehung geben kann. Ich bin aber der Meinung, dass man unsere Texte immer auf unterschiedliche Weise interpretieren kann. Ein Song, der beim ersten Hinhören wie ein Liebeslied klingt, kann bei genauerer Betrachtung auch von sozialkritischen Themen oder vom gesellschaftlichen Miteinander handeln. Das sind Themen, die uns schon immer wichtig waren. Generell möchten wir immer für weniger Egoismus und mehr Toleranz und Solidarität werben. Und das sind dann ja auch Themen, die für Beziehungen und die Liebe wichtig sind.

subtext.at: Stilistisch scheint es so zu sein, dass ein breiteres musikalisches Spektrum abgebildet werden soll auf “Puro Amor”, als man es vielleicht von den Broilers 2021 erwartet hätte. Ob Reggae-Riddims wie in “Trink mich doch schön”, ob Ska wie in “Schwer verliebter Hooligan”, dazu ein bisschen Power-Pop, oder nachdenkliche Songs wie in “Dachbodenepisoden”. Wolltet ihr musikalisch so “breit” auftreten?
Ines: Diese Einflüsse sind schon immer in unsere Musik gewesen, wie auf den älteren Scheiben von uns auch zu hören ist. Wir haben uns schon immer gern an Musikstilen bedient, die wir mögen und auch selbst privat hören. Was am Ende auf einem Album erscheint, ist lediglich eine Wahl der Songs, die für uns am Stärksten sind. Und ja, diesmal ist es einfach ein verdammt rundes Album.

subtext.at: In den vergangenen 15 Monaten wurde die Gesellschaft noch stärker polarisiert, als sie es ohnehin schon war. Wo seht ihr hier die Verantwortung als MusikerInnen?
Andi: Ich denke, jeder, der die Möglichkeit hat, viele Menschen zu erreichen, hat auch eine gewisse Verantwortung. Dabei bringt es nichts, mit erhobenem Zeigefinger dazustehen, und den Leuten zu sagen, was sie tun oder denken sollen. Wir können nur versuchen, für mehr „Wir“ und weniger „Ich“ zu stehen, gegen all den Egoismus, Rassismus und Ausgrenzung anzusingen. Vielleicht können wir so den ein oder anderen zum Nachdenken animieren. Aktuell führt uns ja die Pandemie sehr eindrücklich vor Augen, dass wir nur gemeinsam durch solche Krisen kommen.

subtext.at: Glaubt ihr, dass durch diese polarisierende Stimmung sich auch die Sicht des Publikums auf euch als MusikerInnen verändern wird?
Ines: In all den Jahren haben wir schon immer klare Positionen und Meinungen geäußert. Wer Stellung bezieht, kann es nicht allen recht machen, nicht von allen gemocht werden. Was uns dann auch ziemlich egal ist, aber ich hoffe oft, dass es einige dazu animiert, einfach nochmal über Dinge nachzudenken.

Foto: Robert Eikelpoth

subtext.at: “Deutschland schläft, ich bin noch wach” etwa ist eine Zeile aus “Diktatur der Lerchen” – vor vier Jahren zu “(sic!)” meinte Sammy noch im Interview zur Platte bei uns, dass es zwar selten, aber doch vorkäme, dass eure Musik von Gruppen verwendet wird, die programmatisch diametral zu euch stehen. Hat sich diese Tendenz der Instrumentalisierung und Reduzierung auf kurze “Punchlines” eurer Meinung nach verstärkt?
Andi: Du spielst mit der Zeile ja vermutlich auf Verschwörungstheoretiker und Querdenker an, die gerne mal mit Nazis Hand in Hand durch die Straßen ziehen. Sobald diesen Menschen die Argumente ausgehen, sprechen sie ja gerne davon, dass alle Menschen mit anderer Meinung sogenannte Schlafschafe seien. Eine Zeile wie „Deutschland schläft, ich bin noch wach“ wäre da natürlich passend. Ich glaube aber, dass auch diese Leute mittlerweile genau wissen, wo wir stehen und dass wir rein gar nichts mit ihnen zu tun haben wollen. Daher kann ich es mir eigentlich nicht vorstellen, und wüsste auch von keinem Vorfall, an dem sie versucht hätten, unsere Songs zu instrumentalisieren.

subtext.at: “Alice und Sarah” ist das wohl politisch direkteste Lied der Platte. Ein Song, der für mich durchaus auch auf “(sic!”) gepasst hätte. War es Absicht, diesen Track so direkt ausgesprochen zu formulieren?
Andi: Die Texte waren schon immer ein sehr wichtiger, wenn nicht sogar der wichtigste Teil in unserer Musik. Sammy sucht mitunter Tage nach einzelnen Wörtern, bis es wirklich stimmig ist. Daher ist es natürlich Absicht, dass der Song genauso geschrieben wurde. Auf der einen Seite ist es ganz klar ein politisches Lied, das nur wenig Spielraum für Interpretation lässt, sondern ziemlich deutlich auf den Punkt kommt. Auf der anderen Seite haben wir aber versucht, das Thema mal auf eine andere, etwas humorvollere Art und Weise zu verpacken.

subtext.at: Zum Schluss noch die obligatorische Frage nach Live-Shows: wie optimistisch könnt ihr nach 15 Jahren noch sein – immerhin ist ein Broilers-Livekonzert wohl der Albtraum aller Epidemiologen. Könnt ihr euch auch eine Sitz-Release-Tour mit verminderten Kapazitäten in den Venues vorstellen?
Ines: Gerne würden wir lieber heute als morgen auf den Bühnen stehen, aber wie das in der nahen Zukunft sein wird, wissen wir alle nicht. Ein klassisches Broilers-Konzert sollte aber natürlich am besten aus Blut, Schweiß und Tränen bestehen und wenn es so erst einmal nicht möglich ist, dann können wir uns eher eine Art Akustik-Show oder Ähnliches vorstellen.

Broilers:Puro Amor
VÖ: 23.04.2021, CD / LP / Digital
Skull & Palms Recordings
Tracklist 
1. Nicht alles endet irgendwann
2. Gib das Schiff nicht auf!
3. Porca Miseria
4. Alter Geist
5. Trink mich doch schön
6. Schwer verliebter Hooligan
7. Diktatur der Lerchen
8. Da bricht das Herz
9. Dachbodenepisoden
10. Alles wird wieder Ok!
11. Niemand wird zurückgelassen
12. Alice und Sarah
13. An allen anderen Tagen nicht (Lebe, Du stirbst!)
Homepage // Facebook

Anmerkung: Aus Termingründen wurde dieses Interview in schriftlicher Form via E-mail geführt. 

Alle Fotos: © Robert Eikelpoth

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geschrieben von

Musik-Nerd mit Faible für Post-Ehalles. Vinyl-Sammler. Konzertfotograf mit Leidenschaft, gerne auch analog. Biertrinker. Eishockeyfan. "Systemerhaltende" Krankenschwester - wohl auch deshalb manchmal (zu) zynisch.

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