Schäxpir 2021: Corpus Delicti

Die Protagonistin Mia Holl lebt in einer dystopischen Welt, in der die Gesundheit der Menschen kein persönlicher Lebensbereich mehr ist, sondern Sache des Staats. Mit invasiven Maßnahmen wird die gesunde Lebensführung kontrolliert und jeder bestraft, der sich die Freiheit nimmt, selbst über seinen Körper zu entscheiden. Obwohl die Romanvorlage von Juli Zeh aus dem Jahr 2007 stammt, lässt die Produktion des Jungen DT unwillkürlich Parallelen zur heutigen, pandemiegeprägten Zeit entstehen. Das mulitmediale Klassen[zimmer]stück ist im Rahmen des SCHÄXPIR Theaterfestivals für junges Publikum für kurze Zeit in Linz zu sehen.

Als Naturwissenschaftlerin ist Mia Holl Befürworterin der METHODE, also jener staatlichen Maßnahmen, die die Vernunft und Gesundheit als höchstes gesellschaftliches Ziel auserkoren haben. Nach dem Tod ihres Bruders beginnt sie allerdings zu hinterfragen, ob das Streben nach absoluter Gesundheit dem Menschen tatsächlich dient und prangert das System als nicht lebenswert an. In ihrem Disput mit dem Populisten Kramer, der sie aufgrund ihrer Ansichten zur Staatsfeindin erklären will, werden zahlreiche gesellschaftliche Fragen aufgeworfen, die einen nach 55 Minuten nachdenklich zurück lassen.

Das Stück, das nach der ersten Corona-Welle im Sommer 2020 konzipiert wurde und am 15. September 2020 Premiere gefeiert hat, wirft bewusst Fragen auf, die auch Jugendliche beschäftigen. Was ist normal, wer ist normal? Wie geht man mit sozialem Druck um? Wie wichtig ist Selbstoptimierung in unserer Gesellschaft? Wo hört meine persönliche Freiheit auf? Wo ziehe ich Grenzen, wenn es um meinen Körper geht? Wie viel Vernunft und Sicherheit ist gut für mich, für eine Gesellschaft?

© Reinhard Winkler

Insbesondere vor dem Hintergrund einer Pandemie mit einhergehenden Maßnahmen, die ebenso den persönlichen Lebensbereich betreffen, ist dieses Stück wohl näher an unserer Lebensrealität als noch vor einigen Jahren. Die Protagonistin hinterfragt das System, zweifelt an der Sinnhaftigkeit der Maßnahmen. Von den Systemkritikern des RAK – Recht auf Krankheit – wird sie, unwillentlich, als Gallionsfigur auserkoren. Automatisch ergeben sich Assoziationen zu unserer aktuellen Situation und auch zur Rolle der ‚Querdenker‘. Was unterscheidet Mia Holl in ihrer Welt von den ‚Querdenkern‘ in unserer Realität? Diese Frage wird unter anderem in der folgenden Nachbesprechung mit den Schauspieler*innen und Theaterpädagog*innen in den Klassen diskutiert. Neben der Intensität der Maßnahmen – Maske zu tragen, um andere nicht anzustecken, ist kaum mit dem täglichen Einreichen sämtlicher Gesundheitsdaten zu vergleichen – liegt der Unterschied für die Hauptdarstellerin Laura Eichten vor allem auch in der zeitlichen Dimension. Aktuell leben wir in einer Ausnahmesituation, die vorübergehen wird. Mia Holl lebt in einer Welt, in der Rauchen als Konsum toxischer Substanzen unter Strafe steht und sie die Kontrolle über ihren Körper und ihre Gesundheit komplett in fremde Hände geben muss.

Mittels einer interaktiven Handy-App können die Jugendlichen bereits vor der Aufführung in die dystopische Welt eintauchen und erfahren, was die METHODE ist. Im Anschluss an das Stück werden dann die verschiedenen Themen aufgegriffen und diskutiert – allem voran die Frage nach der persönlichen Freiheit. Wo hört sie auf und wann gebe ich sie aus solidarischen Gründen ein Stück weit auf?

Corpus Delicti
Junges DT (Deutschland)
55 min
Mit: Maximilian Diehle (Kramer), Laura Eichten (Mia Holl)
Im Video: Paul Grill, Caner Sunar, Niklas Wetzel, Regine Zimmermann
Regie und Video: Robert Lehniger

Mehr Infos zu Stück
Bilder: © Reinhard Winkler

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Schreibt gern, am liebsten über Filme, Serien und Theater. Diskutiert gern, am liebsten über Eishockey und Football. Reist gern, am liebsten nach Skandinavien.

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