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Dali trifft Woyzeck

Dali trifft Woyzeck

Eine ungewöhnliche Mischkulanz des Kulturellen offenbarte sich mir in der Wiener Kunsthalle. Ein abendlicher Besuch der Salvador Dali Ausstellung „le surréalisme, c‘est moi!“ endete in einer fulminanten Inszenierung des Woyzeck unter Mitwirkung der Londoner Band „The Tiger Lillies“.

Superstars fallen bekanntlich, speziell in der bildenden Kunst, nicht einfach so vom Himmel. Dass dies im Falle Salvador Dalis, doch irgendwie so zu sein scheint, liegt nicht zuletzt an dessen perfider, bis dahin einzigartiger, Selbstinszenierung als etwas Gott-ähnliches, als wandelndes Kunstsubjekt. „Jeden Morgen beim Erwachen genieße ich das erhabene Vergnügen, Salvador Dali zu sein. Voller Erstaunen frage ich mich dann, was dieser Dali heute noch wieder Wunderbares verrichten wird.“ (Salvador Dali)
Dali-Zitate wie dieses, welche einerseits von großer rhetorischer Ausdruckskraft, andererseits von ebenso großer Selbstverliebtheit zeugen, zieren die Wände des Ausstellungs-Eingangs, ehe man verschiedene Radierungen und kleinere, unbekanntere Werke des größten aller Surrealisten zu sehen bekommt. Geschickt wertet die eher klein gehaltene Ausstellung ihr Großwerk-Defizit mit Arbeiten bedeutender zeitgenössischer Künstler wie Glenn Brown, oder dem Österreicher Markus Schinwald auf und untersucht deren Bezugnahme und Rückgriffe auf Dalis Werk.

Einen besonderen Fokus legt die Ausstellung auf verschiedene Faktoren Salvador Dalis Starruhmes und dessen Inszenierung, beispielsweise in Filmen Andy Warhols oder in den bahnbrechenden Fotografien Man Rays. Während erwartungsvolle Gelegenheits-Museums-Besucher wohl etwas ent-täuscht und wenig ge-täuscht, wie der Surrealismus es sonst zu tun pflegt, die Ausstellung verlassen werden, hat sie für echte Dali-Fans doch einiges zu bieten und überrascht durch ihren kritischen Umgang mit der genialen, aber durchaus selbstverliebten Kunstfigur Salvador Dali.

Beim zugegeben selbst für Museums-Öffnungszeiten späten Verlassen der Kunsthalle, drückte mir unerwartet ein junges Mädchen eine Eintrittskarte für die Theater/Musical – Vorstellung „Woyzeck und die Tigerlillies“ in die Hand und meinte, ich könne die Karte haben. Das Theater, von dem ich bereits gehört hatte und welches ich ohnehin noch irgendwann zu besuchen gedachte, begann just in diesem Moment und so fand ich mich plötzlich in einer spannenden Inszenierung des Büchner Klassikers Woyzeck unter Mitwirkung des tragi-komischen Trios „The Tiger Lillies“ wieder. Während mich die unglaublich starke Bühnenpräsenz Raphael von Bargens, welche an Klaus Kinskis Woyzeck-Interpretation erinnert, zu fesseln vermochte, überzeugte Ben Becker mit der im wahrsten Sinne des Wortes auf den Leib geschneiderten Rolle als Hauptmann. Für die tragi-komischen Momente der überaus geschmackvollen Inszenierung sorgte die Musik der Tigerlillies und deren Falsett-Sänger Martyn Jaques, der ebenfalls ausgezeichnetes Schauspieltalent bewies. Während Büchners Woyzeck einem wieder einmal die Abgründe der Eifersucht vor Augen führt, konnte ich mich bei dem Mädchen, welches mir ihre Karte geschenkt hat, leider nicht mehr erkenntlich zeigen.

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Eifersucht über eine einzigartige, verpasste Vorstellung, im Vergleich zum Büchner-Stück einigermaßen in Grenzen hält.

Die Ausstellung „Le Surréalisme, c’est moi!“ läuft noch bis inklusive 23. Oktober in der Wiener Kunsthalle, den „Woyzeck“ kann man noch bis zum 15. Oktober im Museumsquartier bewundern! 

Foto: Glenn Brown

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