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Schwarzer Mann im roten Jäckchen

Nein, es geht nicht um Krampus und Nikolaus, sondern um einen Verein, den jeder kennt und dessen Dienste momentan im Zuge der Zivildienst-Debatte immer wieder in Diskussion sind. Das Österreichische Rote Kreuz lobbyiert seit Monaten für den Erhalt der Wehrpflicht, will dabei aber ganz unabhängig von Parteien sein und „nur die Bürgerinnen informieren“

Wir sind in der Lage, zehn Minuten nach Alarmierung am Einsatzort zu sein. Wenn wir akzeptieren, dass daraus 20, 30 Minuten oder eine Stunde werden, muss die Gesellschaft darauf eine Antwort geben.“ So tritt Walter Aichinger, Präsident des Oberösterreichischen Roten Kreuzes Ende August vor die ORF-Kameras. Ganz klar nur eine informative Aussage, ganz frei von Polemik. Doch wer ist dieser Mann, der hier das Volk informiert?

Dr. Walter Aichinger, Mediziner, früherer Primarius und Geschäftsführer des Klinikum Wels-Grieskirchen ist kein Unbekannter beim Roten Kreuz (kurz RK). Seit 1996 ist er bereits Vizepräsident des Vereins in  Oberösterreich und folgte im November 2011 dem letzte Woche verstorbenen Leo Pallwein-Prettner als Präsident nach. Viel interessanter ist allerdings Aichingers Vergangenheit in der ÖVP.

Bereits 1985 begann seine politische Tätigkeit auf Gemeindeebene in Krenglbach, wo er auch später Bürgermeister wurde. Eine Mitgliedschaft bei einer Studentenverbindung wie der Severina Linz darf da im Lebenslauf natürlich nicht fehlen. Bereits 1991-95 saß Walter Aichinger für die ÖVP im oberösterreichischen Landtag, gefolgt von 8 Jahren als Landesrat und Mitglied der OÖ-Landesregierung. Seit 2003 ist er wieder Abgeordneter und Gesundheitssprecher der ÖVP OÖ – bis heute.

Politische Beeinflussung
Nun hat Walter Aichinger in seinem Blog auf roteskreuz.at eine Stellungnahme zu den Vorwürfen der parteipolitischen Vereinnahmung veröffentlicht. Dazu muss man allerdings wissen, dass das Rote Kreuz als Internationale Organisation sieben Grundsätzen untersteht, darunter auch Unparteilichkeit. Dass diese Unparteilichkeit nicht gegen Parteipolitik spricht, hat 2005 bereits Fredy Maier (Präsident des RK in Österreich, ehemaliger ÖVP-Landesrat in Vorarlberg) gezeigt, als er fürs Rote Kreuz auf einem ÖVP-Ticket in den ORF-Publikumsrat einzog.

In seinem Blogeintrag geht Präsident Aichinger darauf ein, dass er mit der „unzulänglichen Beschuldigung konfrontiert ist, politische Inhalte bzw. Inhalte von politischen Parteien einerseits zu transportieren und andererseits mit Spendengeldern zu finanzieren.“ Er betont auch, dass das RK OÖ keine Wahlempfehlung für die bevorstehen Volksbefragung Anfang 2013 abgibt. Es scheint bloß Zufall zu sein, dass das Rote Kreuz momentan auf allen Kanälen die Wertigkeit des Zivildiensts herausstreicht und mit Aussagen wie der am Anfang dieses Artikels die Bevölkerung verunsichert.

Gleichzeitigt taucht sein enger Kollege Christoph Patzalt in einer Aussendung der ÖVP auf. Patzalt ist Landesrettungskommandant in OÖ und als einer von vier „Direktoren“ beim Landesverband OÖ auch Mitglied der Geschäftsleitung des OÖ Roten Kreuzes. Unter dem Titel „Zivildienst – Säule des Sozialsystems“ macht die ÖVP erneut indirekt Werbung für die Wehrpflicht. Es wird belegt, dass eigentlich das gesamte Sozialsystem ohne billige Zwangsverpflichtete nicht zu betreiben wäre.

Man sieht, dass die Politik hier seit Jahren versäumt hat für Qualität zu sorgen. In der Pflege werden Zivis oft abseits der gesetzlichen Bestimmungen eingesetzt, im Rettungsdienst befinden sie sich beim Lenken einen Einsatzfahrzeuges ebenfalls in einer rechtlichen Grauzone. Dass hier nicht die Qualität der Versorgung, sondern anscheinend nur die Quantität betrachtet wird, zieht sich durch den gesamten Diskurs um die Wehrpflicht und den Wegfall des Zivildienstes. Aber auch dazu wurde bereits viel geschrieben.

Themenverfehlung
Heute, am internationalen Freiwilligentag, gehört die Leistung der Freiwilligen in den unzähligen Vereinen und Organisationen gewürdigt. Vom Sozialbereich über Sport und Bildung bis zur Kunst-/Kulturszene wird hier viel getan. Doch darf nicht vergessen werden, dass hier beim Rettungsdienst nicht von einem Hobby gesprochen wird, dem man für sich selbst im Bastelkeller nachgeht, sondern einer Tätigkeit, die Profis mit entsprechender Ausbildung, Erfahrung und Routine voraussetzt. Ein Zivildiener, der per Gesetz dazu gezwungen wird, hat dabei keine Wahl.

Dem Herrn Landtagsabgeordneten, ÖVP-Parteimitglied und zufällig auch RK-Präsidenten sei angeraten, sich nicht bloß eine Rote Jacken anzuziehen, sondern seine Doppel-Funktion sinnvoll zu nutzen und die Diskussion weg von den rührigen Geschichten von Ex-Zivis und Verunsicherung der Bevölkerung, hin zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema „Qualität im Rettungsdienst“ zu bewegen. Schon allein sein Hippokratischer Eid sollte ihn dazu verpflichten.

Zum Autor:
Als Ex-Zivildiener (2004) und langjähriger freiwilliger wie auch beruflicher Rettungssanitäter habe ich nicht nur 6500 Stunden im Rettungsauto verbracht, sondern auch viele ehrenamtliche Zusatzfunktionen übernommen. In dieser Zeit habe ich auch einiges über die unterschiedlichen Gremien und Verwaltungsebenen des Vereins gelernt. Seit einem Vorfall im Sommer 2009, der ebenfalls mit der extremen Nähe des RK mit der ÖVP  in OÖ zu tun hatte, habe ich meine Dienste erst auf ein Minimum reduziert und bin seit 2011 als Rettungssanitäter karenziert.

 

Quellen:

 

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Ich bin online und offline unterwegs, mit Kamera, offenen Augen und Ohren. Beteiligt an unzähligen (Web-)Projekten, großen und kleinen Initiativen und Vereinen.

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