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KYRRE KVAM: „Es ist eine große Gefahr, wenn alles zu bequem wird – für uns alle“

KYRRE KVAM: „Es ist eine große Gefahr, wenn alles zu bequem wird – für uns alle“

Leise ist lauter, könnte man bei Kyrre Kvam meinen. Der aus Norwegen stammende Schauspieler, Filmkomponist und jetzt auch Solomusiker veröffentlicht dieser Tage sein Debütalbum „2508“. Eine intime, verspielte und puristische Angelegenheit. Keine Overdubs, keine großspurige Produktion – nur Kvam, seine Stimme und das Piano.

Es ist eine Suche nach der Schönheit im Leisen. Die Songs leben von ihrer Zimmerlautstärke – was man ihnen zweifelsohne auch anheften könnte, je nach Blickwinkel.

Ein subtext-Interview über den ersten Schritt im eigenen Rampenlicht, Zahlenspiele und Bequemlichkeit.

Ⓒ Ingo Pertramer

subtext.at: Kyrre, ein Song auf deinem Album heißt „Time To Try“. Warum unternimmst du gerade jetzt den Versuch, als Solokünstler durchzustarten?
Kyrre Kvam: Das ist eine gute Frage. Das Lied ist auch eines, welches mir persönlich am besten steht, so grundsätzlich. Es ist schon etwas her, seitdem ich den Song geschrieben habe. „Time To Try“ war immer da, so sagt man. Der Song ist einen langen Weg gegangen. Der Albumtitel war eigentlich auch „Time To Try“, letztendlich ist es dann anders gekommen.

subtext.at: Das passt gut ins Bild, weil der Song für mich ein wenig heraussticht.
Kyrre Kvam: Ja, jetzt heißt das Album „2508“, weil es genau an dem Tag komplett aufgenommen und eingespielt wurde.

subtext.at: Sind deine Aktivitäten beim Theater und beim Film, du steuerst ja auch Filmmusik bei, für dich nicht mehr ausfüllend genug?
Kyrre Kvam:
Nein, damit hat es nichts zu tun. Es ist nicht so, dass ich woanders zu wenig zu tun hätte. Dieses Album ist einfach ein Anliegen von mir. Mein Bedürfnis, zu singen, steigt. Hoffentlich wird dieses Album dazu beitragen, dass ich dieses Anliegen noch mehr ausleben darf.

subtext.at: Was ist für dich die größte Überwindung als Solokünstler?
Kyrre Kvam: Dass man etwas aufnimmt und sich denkt: „Tja, was ist das, ist das gut?“ Und dann zu sagen: „Es ist, was es ist, ich akzeptiere es.“ Vielleicht hat einer wie Bruce Springsteen dieses Gefühl nicht mehr, wer weiß (lächelt)? Man lässt es jedenfalls so, wie es ist und die Frage, ob es gut oder schlecht ist, die stellt sich dabei irgendwie nicht. Darüber entscheiden dann andere.

subtext.at: Du hast bestimmt auch jemanden, dem du vertraust und an den du dich wenden kannst, wenn es um solche Dinge geht.
Kyrre Kvam: Das, oder es ist einem einfach irgendwann peinlich, weil man so lange über ein Projekt gesprochen hat, dass es dann einfach raus muss (lacht).

subtext.at: Den Titel deines Debütalbums hast du ja schon vorhin vorweggenommen, „2508“. Das Album ist sehr puristisch gehalten, nur deine Stimme und Klavier. Weshalb?
Kyrre Kvam: Das hat verschiedene Gründe. Einerseits ist es das erste Album, es soll am wenigsten von allem ablenken. Alle anderen sollen dann darauf aufbauen und das musikalische Spektrum erweitern. Das stelle ich mir vor. (überlegt kurz) Ein weiterer Grund: Ich will authentisch sein. So viele Sachen werden heutzutage überproduziert und ich glaube, dass es irgendwann langweilig wird. Es geht um diesen ersten Moment, wenn man so will. Das sind schon schwierige Überlegungen. Willst du alles zeigen, von Anfang an, oder erst nach und nach?

Ⓒ Ingo Pertramer

subtext.at: Oft hört man, dass Künstler bei der Arbeit nur an sich und nicht ans Publikum gedacht haben. Ist das bei dir der Fall?
Kyrre Kvam: Bei mir war das der Fall bei der Aufnahme des Albums, es ist sozusagen an einem Stück entstanden. Mir war nur dieser Moment wichtig, der bei der Entstehung vorhanden war. Dann war es so: „OK, hör es dir an, vielleicht ist es schrecklich, vielleicht ist es gut.“

subtext.at: Wenn du das Album am 27.08. aufgenommen hättest, wäre es dann eine andere Platte?
Kyrre Kvam: Ja, glaube ich tatsächlich. Am 24. 08. hatte ich bereits alle Aufnahmen fertig, doch mir hat es nicht gefallen. Dann noch einmal aufgenommen, in einem Guss. Drei Tage später ist unsere Tochter zu Welt gekommen und alles war gut (lächelt).

subtext.at: Muss oder sollte ein Künstler zunächst einmal glauben, dass er der Welt etwas Neues schenkt?
Kyrre Kvam: (überlegt lange) Ich kann nur 100% authentisch sein, dadurch muss es für mich auch „neu“ sein in dem Sinn, wenn ich deine Frage richtig verstanden habe. Viele scheitern daran, weil sie glauben, sie müssen jetzt unbedingt etwas Neues machen, was es noch nicht gegeben hat – und verlieren dadurch die Authentizität oder die Originalität.

subtext.at: Hast du eigentlich eine Affinität zu Zahlen oder Zahlenspielen, um noch mal auf den Titel des Albums zurückzukommen?
Kyrre Kvam: Nein, gar nicht (lächelt).

subtext.at: Hätte ich jetzt nämlich vermutet.
Kyrre Kvam: Meine Frau hatte die Idee mit dem Titel, sie kommt aus dem Musical und ja… Wer weiß, vielleicht sollte ich eine Neigung zu Zahlen entwickeln (lacht)?

subtext.at: Wie oft triffst du noch Menschen, die von etwas leidenschaftlich überzeugt sind und dafür einstehen?
Kyrre Kvam: Da muss ich sagen, dass ich ziemlich gesegnet bin, weil es um mich herum durchaus solche Menschen gibt. Ich kann mit ruhigem Gewissen sagen, dass ich von Personen umgeben bin, die für ihre Überzeugungen und ihren Glauben eintreten.

subtext.at: Kann ein finanzielles Ruhekissen dazu führen, dass diese Leidenschaft immer mehr abgetötet wird?
Kyrre Kvam: Es ist eine große Gefahr, wenn alles zu bequem wird – für uns alle. Das ist sicherlich ein Thema für viele Künstler, auch in einer Stadt wie Wien. (überlegt kurz) Es geht darum, bewusst dagegen anzukämpfen.

subtext.at: Wie kämpfst du denn persönlich dagegen an?
Kyrre Kvam: In dem ich mir sage, ich muss eine CD machen (lacht)!

Ⓒ Ingo Pertramer

subtext.at: Ist der Mainstream für dich mutlos und bequem, wie er in Österreich vorzufinden ist?
Kyrre Kvam: Es gibt viele kleine Projekte, bei dem es überhaupt nicht der Fall ist, aber wenn man vom Mainstream spricht – ja.

subtext.at: Wie würdest du reagieren, wenn Kritiker und Presse dein Album verhauen würden? Und wie, wenn es in den Himmel gelobt werden würde?
Kyrre Kvam: Verhauen, ja, tut schon selbstverständlich weh. Es ist für mich wie ein Baby, dass jetzt da ist und mir sehr nahe liegt. Das bin ich. Klar, wenn man das fertig macht, dann ist es schon irgendwo ein Angriff. Auf der anderen Seite habe ich das gemacht, ich kann es jetzt nicht mehr ändern. Jeden Tag überlege ich dann und bin irgendwo zwischen diesen beiden Seiten. Ich möchte nicht behaupten, dass ich darüberstehe, weil das kann man nicht bei solch einem Herzensprojekt.

subtext.at: Manche Künstler bringen ein Album heraus und meinen dann, dass es ihnen nicht mehr gehört. Sie teilen es mit der Welt und nehmen dann Abstand davon.
Kyrre Kvam: Ja, das schaffe ich auch einige Tage. Dann kommt wieder ein Tag, wo es nicht so ist (lächelt).

cover

CD – Release, 26.02.2014, Chaya Fuera!
chayafuera.com

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