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SARAH CONNOR: „Nichts ist schlimmer als Gleichgültigkeit“

SARAH CONNOR: „Nichts ist schlimmer als Gleichgültigkeit“

Eigentlich müsste man meinen, dass jemand, der über 5 Millionen Platten verkauft hat, sich um das Thema Selbstvertrauen und Erfolg keine Gedanken machen müsste. Nicht so bei Sarah Connor. Als es in der VOX-Sendung „Sing meinen Song“ für sie plötzlich darum ging, Songs auf Deutsch zu interpretieren, war die Sebstsicherheit bei Connor nicht mehr so stark vorhanden. Jetzt, nach 5 Jahren Pause, kommt mit „Muttersprache“ dennoch ein Pop-Album auf Deutsch. Mutig oder kalkuliert?

Ein ehrliches und reflektiertes Interview mit dem Popstar Sarah Connor, der nun keine Lust mehr hat auf den großen Medienrummel, über Sebstbewusstsein, die Sprache Deutsch in der Popmusik und Multitasking.


Singlecover

subtext.at: Sarah, angeblich beherrschen Frauen die Kunst des Multitaskings und können mehrere Dinge gleichzeitig erledigen, nicht so wie wir Männer. Deine Erfahrung?
Sarah Connor: Absolut. Ich glaube, dass du als Mutter das sowieso können musst, mehrere Dinge gleichzeitig tun (lacht).

subtext.at: Personen, die zumindest zwei oder mehrere Sprachen sprechen, können die Aufmerksamkeit laut Forschern auf mehrere Dinge gleichzeitig lenken, ohne sich ablenken zu lassen, was sich gut auf die Konzentration ausübt. Wie war das bei der Produktion von deinem neuen Album „Muttersprache“, konntest du leicht zwischen verschiedenen Aufgaben wechseln?
Sarah Connor: Das entsteht alles nacheinander, nicht gleichzeitig. Es ist nicht so, dass ich hereinkomme, einen Text parat habe, einfach drauflos singe und dann steht schon der perfekte Song. Erstmal suchst du Akkorde, die richtigen Akkorde, eine Akkordreihenfolge, die dich irgendwie berührt und zu der dir Melodien einfallen. (überlegt) Dann mache ich die Melodien und währenddessen überlege ich schon, was mir dieser Song sagt. Was ist es für eine Stimmung, was möchte ich aufgreifen, was passt dazu, was bewegt mich gerade, was macht ich glücklich, traurig?Dann ziehe ich mich zurück und fange an zu texten, mit meinen Partnern, wer auch immer das in dem Moment dann ist. (überlegt kurz) So entsteht das, ganz unterschiedlich. Es ist manchmal sehr ernsthaft, manchmal traurig, obwohl traurig… Hast du die Platte schon gehört?

subtext.at: Ja, habe ich.
Sarah Connor: Der letzte Song, „Das Leben ist schön“, ist natürlich traurig, aber ansonsten… Ich wollte Geschichten erzählen. Ich habe gar keine Vorgaben gehabt, was es sein soll, deswegen sind es auch ganz unterschiedliche Songs geworden. „Wie schön du bist“, die Single, ist inspiriert durch meinen Sohn, der einen schwierigen Moment hatte. Ich hatte wiederum das Bedürfnis, ihm zu sagen, wie schön er ist und das alles zum Leben dazugehört, zum Großwerden. Narben, das Hinfallen, das Wiederaufstehen, jedes kaputte Knie – das gehört einfach zum Leben dazu. Deshalb weiß ich, ich bin da. I’ll back him up.

subtext.at: Die Single transportiert für mich eine Aufbruchstimmung. Besonders dann, wenn das Schlagzeug einsetzt.
Sarah Connor: Stimmt, ja. Ja, ist ja auch so! Dieser Gedanke ist bei diesem Song schon da. Witzig, dass du das sagst (lächelt).

subtext.at: Überhaupt Deutsch – die Sprache der Dichter und Denker. Wie passt Sarah Connor da hinein? Gäbe es ohne die VOX-Sendung „Sing meinen Song – das Tauschkonzert“ überhaupt ein Album wie „Muttersprache“?
Sarah Connor: Hm, weiß ich nicht. Ich habe es ja gemacht. Ich finde es schwierig im Nachhinein zu sagen, hätte ich das so oder so gemacht… Hätte, hätte, Fahrradkette. Auf jeden Fall hat mir „Sing meinen Song“ einen großen Push für mein Selbstbewusstsein gegeben. Der Zuspruch, der danach kam, auch wegen der deutschen Sprache, hat mich auf jeden Fall dazu gebracht, darüber nachzudenken. Auch der Song von Gregor Meyle, „Keine ist wie du“, hat für mich eine Tür geöffnet und mir gezeigt, dass seine Geschichte auch meine Geschichte ist, was krass war. Dann kann das auch wahnsinnig emotional werden auf Deutsch. Es kann mich selbst auch richtig erreichen, ob ich das jetzt selber singe oder jemand anderes. Ich habe mich total wiedergefunden in dem Song. Das hatte ich vorher auf Deutsch noch nicht.

Muttersprache

subtext.at: War deutschsprachige Musik für dich bis dahin überhaupt ein Thema?
Sarah Connor: Mit deutschsprachiger Musik habe ich mich nie großartig auseinandergesetzt. Ich bin mit Blues, mit Jazz, mit englischsprachiger Musik groß geworden. Die ersten zehn Jahre meiner Karriere habe ich Soul-Pop gemacht und es ist wie bei jedem Job: Nach 10 Jahren willst du entweder befördert werden oder etwas Anderes machen. Ich wollte eine Veränderung. Ich möchte jetzt mal meine Geschichten erzählen und nicht einfach nur die Stimme sein, die den Songs ins Leben hilft. Meine Texte und meine Inhalte sollen erzählt werden.

subtext.at: Macht man sich angreifbarer, wenn man in der eigenen Muttersprache singt? Immerhin wird jeder unmittelbar verstehen, um was es geht.
Sarah Connor: Natürlich, weil es jeder versteht und weil es selbstgemacht ist. Es sind ja meine eigenen Geschichten, aber angreifbar? Dafür bin ich zu sehr Künstlerin. Ich habe keine Angst vor der Konfrontation mit den Menschen oder deren Interpretationen, ganz im Gegenteil. Ich freue mich darüber. Je mehr darüber gestritten und diskutiert wird, umso mehr merke ich, dass es etwas bewegt. Nichts ist schlimmer als Gleichgültigkeit.

subtext.at: Wolltest du auf Deutsch viele Metaphern in den Texten verwenden oder so direkt wie möglich sein mit deiner Aussage?
Sarah Connor: Nee, denn ich bin eigentlich jemand, der eher auf sehr viele Metaphern verzichtet. Bei „Deutsches Liebeslied“ habe ich mich bewusst vieler Metaphern bedient. (überlegt) Ich sage dinge gerne, wie ich sie meine – straight. Wenn ich einen Song wie „Kommst du mit ihr“ mache, dann spreche ich nicht von den Blumen und den Bienen, sondern ich rede so, wie es ist und es fühlt sich gut an.

subtext.at: Unsere Wahrnehmung lässt sich ja von Begriffen leiten und beeinflussen.
Sarah Connor: Das glaube ich sofort (lächelt).

subtext.at: Studien ergaben, dass allein die Beschreibung von Lebensmitteln das Geschmackserlebnis beeinflussen kann. Wenn du dein neues Album „Muttersprache“ beschreiben müsstest, welche Stichworte fallen dir ein?
Sarah Connor: (überlegt) Es ist warm, nachdenklich. Sehr vielseitig. Es sind Geschichten einer Mutter oder einer Frau, die sehr ehrlich ist und auch mit sich ins Gericht geht. Die kritische Fragen stellt. Es ist eine Platte, die Themen aufgreift, die uns alle bewegen. Medienkonsum, die Nachrichten, die vielen und schnellen Bilder aus aller Welt, denen wir völlig unvorbereitet ausgesetzt sind. (überlegt) Es ist sinnlich, finde ich. Sehr leidenschaftlich, aber auch ernsthaft. Doch, wo viel Schatten ist, da ist auch Licht.

subtext.at: Das Album klingt für mich sehr natürlich und nicht nach dem Popstar Sarah Connor, sondern nach der Künstlerin Sarah Connor.
Sarah Connor: Absolut, stimmt. Auf den Popstar habe ich einfach keine Lust mehr. Ist mir zu anstrengend. Ich habe keine Lust mehr, meine Zeit dafür zu verschwenden, zu überlegen, wie ich gerne aussehen würde und wie mich die Menschen wahrnehmen sollen. Ich bin viel mehr bei mir. Ich bin schon OK, reicht schon so, ist schon cool (lacht). So bin ich halt, warum sollte ich mich jetzt noch großartig verstellen?

subtext.at: War das früher anders?
Sarah Connor: Früher hatte ich eine riesige Entourage an Leuten, die meine Haare gemacht haben, mein Make-Up und alles mögliche. Damals war ich aber kein glücklicherer Mensch, ganz im Gegenteil. Bei dieser Platte wollte ich auch, dass sich niemand profiliert. Kein Produzent sollte reinkommen und plötzlich anfangen, Sounds zu erfinden. Es ist schön, wenn es passiert und es sich geschmacklich so ergibt. Ich wollte, dass die Dinge, die ich sage, elegant und feinfühlig in Musik übersetzt werden. Nichts sollte stören, ablenken oder sich in den Vordergrund spielen. Weder Texte noch die Musik und schon gar nicht meine Stimme, es sollte eine harmonische Einheit ergeben. Die Platte ist so, wie ich auch bin, 1:1. Kann ich nicht über alle Platten sagen, die ich gemacht habe (lacht). Ich habe ja die Songs früher nicht selbst geschrieben. Ich musste mir Geschichten zu den Songs denken, klar, sie sind trotzdem ein Teil von mir und sie tragen meine Gefühle in sich, weil es meine Stimme ist und meine Emotion, aber es ist doch etwas ganz Anderes, wenn du die Songs aus deiner eigenen Kraft entstehen lässt.

sc

subtext.at: Ist es schwieriger für dich, auf Deutsch zu singen?
Sarah Connor: Am Anfang war das schon so, auch bei „Sing meinen Song“. Ich habe überlegt, wie ich an diese Worte überhaupt herangehe. (überlegt) Es ging jedoch relativ flott und ich habe mich schnell wohl gefühlt. Ich habe mir natürlich Gedanken gemacht, wie ich Worte forme und phrasiere, damit sie nicht zu sauber, nicht musicalmäßig oder schlageresk klingen. Du kannst „Wie schön du bist“ ganz anders singen und plötzlich klingt der Song nach Schlager. Es ist ein ganz schmaler Grat. Du musst deinen eigenen Ton und deine eigene Attitude finden. Deinen Swagger, was auf Deutsch wunderbar geht. Man muss Lust auf Worte und auf Sprache haben und ich habe großen Spaß an Worten.

subtext.at: Du wolltest also vermeiden, dass du jetzt in die Schlagerecke gedrängt wirst?
Sarah Connor: Nee, ich habe ehrlich gesagt überhaupt keine Ahnung von Schlager. Da müsste ich mir die Zeit nehmen und genauer anhören und analysieren, warum das auch solch einen großen Markt hat. Ich weiß einfach nicht viel darüber. Ich höre auch nicht viel, sondern sehr ausgewählt Musik. Leonard Cohen, Bob Dylan, ich ziehe mir das richtig rein und setze mich damit auseinander. Ich höre dann einige Zeit lang keine Musik, lese aber sehr viel. Wenn ich dann wieder Lust habe, dann höre ich sehr bewusst Musik. Es beschäftigt mich viel zu sehr, es nimmt mich viel zu sehr mit. (überlegt) Ich kann es beim Musik machen auch nicht haben, wenn zu viele Leute in einem Raum sind. Ich verliere die Connection zu meinem eigenen Bauch. Wenn mir jemand zu früh bei der Entstehung eines Songs reinredet und mir vorgibt, wie die Melodie besser klänge, dann verliere ich mich. Ein sehr sensibler Prozess ist das, weil dann lenke ich mich nur ab und schaue, was andere tun, anstatt auf mich selbst zu hören, was aus mir rauskommt.

subtext.at: Passt wunderbar zu der Eingangsfrage, mit der gleichzeitigen Konzentration auf verschiedene Dinge.
Sarah Connor: Genau (lächelt)! In der Beziehung muss ich meinen Kopf fixieren auf das, was ich gerade tue.

subtext.at: „Muttersprache“ ist dein neuntes Album. Hast du eigentlich einen Hang zu Symbolen, Zahlen oder Zeichen? Ich sehe ja, dass du viele Tattoos am Körper trägst.
Sarah Connor: Ich mag einfach Kunst, in jeglicher Form. Ich mag es, mich kreativ auszudrücken, in was auch immer. Ein Tattoo ist eine Art und Weise, wie ich ich ausdrücke. Es kann auch ein Kleidungsstück sein, ein Hut oder ein Song. Oder eine Art von Make-Up. Oder gar kein Make-Up (lächelt). Ich lebe sehr im Moment und ich denke nicht darüber nach, ob das in zehn Jahren scheiße aussieht, ist mir völlig egal. Ich kann auch gleich auf die Straße gehen und überfahren werden.

subtext.at: Worte oder manche Sätze können trösten oder tief verletzen, was dir sicherlich bekannt ist.
Sarah Connor: Ja, das ist wahr.

subtext.at: Manche hängen einem tage- oder gar jahrelang nach, ich sage nur: „From Sarah with love.“ Hast du ein bestimmtes Lieblingswort oder einfach eine Redewendung, die du besonders gern magst, weil sie dich widerspiegelt?
Sarah Connor: Zieh es dir rein. Zieh dir das Leben richtig rein, mit allem, was dazu gehört!

byninakuhn

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