Vielen Menschen ist unerklärlich, wieso junge Männer und auch Frauen sich Jihadisten anvertrauen und ihr Glück in Syrien suchen. Der französische Independent Film Der Himmel wird warten soll helfen, diese Frage zu verstehen. Zeigen, wie leicht Jugendliche zu überzeugen sind, wenn ihnen gefüllt etwas im Leben fehlt. Trotz gutem Ansatz, starken Momenten und einer Handlung, deren verschiedenen Fäden sich am Ende schön zusammenfügen, kratzt er leider nur an der Oberfläche und verliert sich in sich selbst.

Frankreich, Marseille im Herbst. In der Dunkelheit stürmen schwer bewaffnete Sondereinheiten der Polizei ein Treppenhaus hoch und verhaften eine junge Frau, gerade erst 17 Jahre alt. Sonia, gespielt von Noémie Merlant, wird verhaftet, sie soll einen Anschlag geplant haben. Ein heftiger, intensiver Start in diesen Film, der sich so zuletzt des Öfteren im echten Europa abgespielt hat. Sonia und Mélanie sind die beiden Hauptprotagonistinnen dieses Filmes. Beides junge Mädchen mit 14 und 17 Jahren, beide attraktiv, beide aus gefestigten Familien mit einer glücklichen Kindheit und allem was man braucht, Smartphone, Computer, Freundschaften und Hobbys. Es wird am Schulhof über Jungs und Musik gequatscht, typisches Vorstadtleben. Während Sonia die Perspektive der ehemaligen Jihadistin zeigt, die damit kämpft, dieses Gedankengut wieder aus dem Kopf zu kriegen, sehr gut gespielt von Noémie Merlant, soll die Figur der Mélanie zeigen wie eine Konvertierung funktionieren kann. Wie ein Schicksalsschlag und eine schlechte Freundschaftsanfrage auf Facebook eigentlich jeden, der gerade einen seelischen Schlag in die Magengrube erhalten hat, in diesen Strudel hineinziehen kann. Einen Strudel, der, wie der Film sehr schön zeigt, durch das Internet, durch Videos von Verschwörungstheoretikern auf Youtube und einem Einflüsterer, der ihr das Gefühl gibt, sie als einziger wirklich zu verstehen, massiv beschleunigt wird. Wie schnell man alles glaubt, was ein vermeintlicher Seelenpartner, den man noch nie getroffen hat, einem einflüstert. Wie schnell man Vertrauen zu jemandem aufbauen kann, weil er einem das Gefühl gibt, zu wissen, wie man diese innere Lehre fühlen kann und einem lernt alles zu hassen, was in seiner verdrehten Weltvorstellung böse ist. Diese Wandlung zu erleben, fesselt einen förmlich an die Leinwand.

Leider liegt aber auch in dieser Wandlung das Problem. Aufgrund der schnellen Geschwindigkeit dieser Wandlung ist sie nicht komplett glaubwürdig. Zu schnell und zu einfach vertraut sich Mélanie dem Unbekannten Jihadisten an, zu schnell wirft sie alles andere über Bord und wird radikal in ihrem Glauben. Mit diesen vielen zu Beginn komplett unabhängigen Handlungssträngen konzentriert sich Regisseurin und Drehbuchautorin Marie-Castille Mention Schaar zu wenig auf ihre Hauptfigur, man merkt einfach, dass es hier an Zeit gemangelt hat. Man hätte diesen Prozess glaubwürdiger darstellen können, anstatt in aus Zeitgründen so stark zu beschleunigen. Es fehlt einfach ein Teil der Geschichte zwischen dem Schicksalsschlag und dem Beginn des Radikalisierungsprozesses. Dieser entscheidenden Phase wurde zu wenig Bedeutung geschenkt. Auch die schauspielerische Leistung von Naomi Amarger als Mélanie kann nicht mit jener von Noémie Merlant mithalten. Während man ihr den Schmerz bei der Verarbeitung ihrer Vergangenheit, diese Verwundbarkeit und noch immer verwirrten Gedankengänge jede Sekunde glaubtm tu ich mir bei Amarger schwer. Eines muss man aber dem Film noch lobend anmerken. Die immer wiederkehrenden Therapiegespräche unterbrechen nie unangenehm die Handlung, sondern fügen sich perfekt ein und erweitern die jeweiligen Minuten davor um zusätzliches Hintergrundwissen, sodass man noch besser versteht, wie die Methoden der Jihadisten funktionieren.

Alles in allem ein guter Film mit einem sehr spannenden Thema, welcher einen sehr guten ersten Einblick in die Thematik ermöglicht und zum weiteren Nachforschen anregt, aber leider auch Potenzial liegenlässt. Trotzdem: wer sich ein erstes Mal näher mit der Problematik befassen will, sozusagen einen leicht verständliche, greifbaren Einstieg sucht, ist bei Der Himmel wird warten genau richtig.


DER HIMMEL WIRD WARTEN
Drama – Frankreich

ab 26.03.2017 im
Moviemento & City Kino
OV mit deutschen Untertiteln

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