Regisseur Chris Kraus hat das Thema Nationalsozialismus und Aufarbeitung der Vergangenheit als Ausgangspunkt für eine bissig satirische Komödie genommen – mit großem Erfolg

Die Blumen von gestern gilt inzwischen als Favorit beim Deutschen Filmpreis. Ein Grund mehr, den Film auf der Diagonale in Graz zu zeigen – wo er schon längst im Programm stand. Für Teile des Publikums wird es eine Gratwanderung sein: Eine Komödie mit Holocaust-Hintergrund? Darf man bei so einem ernsten Thema lachen? Wer diese Bedenken beiseite schiebt, wird dem Film einiges abgewinnen können.

Die Handlung: Totila Blumen arbeitet als Holocaust-Forscher bei der „Zentralen Stelle“ in Ludwigsburg. Er nimmt seinen Job sehr ernst, schließlich ist er selbst Nachfahre eines Massenmörders und hat einiges wieder gut zu machen. Da kann man im Sinne des Opferschutzes und der Pietät auch einmal die Fäuste sprechen lassen, ehe die Bibliothek an einen Müslikonzern vermietet wird. Auch sonst brennt bei Totila hin und wieder eine Sicherung durch – besonders als man ihm eine jüdische Praktikantin an die Seite stellt, die ein mindestens genauso großer Problemfall ist. Beide kämpfen mit der Vergangenheit, die auf ihnen lastet. Doch sie finden dort auch Verbindungen und kommen sich so langsam näher.

Eine Stärke des Films sind seine Figuren, die Kraus, gleichzeitig Drehbuchautor, sehr akkurat und mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitet hat. Ebenso gekonnt setzen Adèle Haenel und Lars Eidinger die beiden Hauptrollen um, auch das Zusammenspiel der beiden funktioniert wunderbar. Die beiden wirken nicht lächerlich, sondern aus dem Leben gegriffen, ihre jeweiligen Probleme werden sehr glaubwürdig dargestellt. Aus dieser Nahbarkeit der Figuren bezieht der Film auch einen Großteil seines Humors. Die anderen Rollen, besonders Jan Josef Liefers als Totilas Chef Balthasar, sind nicht weniger gut umgesetzt.

Die Dialoge fließen, die Pointen sitzen. Kraus hat sichtlich keine Scheu vor dem schwierigen Thema und das zahlt sich aus. Auch Seitenhiebe auf die fehlende Aufarbeitung der NS-Zeit erlaubt er sich, etwa wenn Mercedes über Product Placement auf einem Auschwitz-Kongress verhandelt. Gleichzeitig wird der Film aber nie zur Lachnummer, die ernste Grundstimmung ist immer zu spüren und das Mitgefühl für die Figuren geht nicht verloren. Kraus gibt dem Film genug Zeit und ruhige Momente, um seine Geschichten zu erzählen und hebt das Tempo dann rechtzeitig wieder an. Tragik und Komik finden eine gute Balance. Nur ganz am Ende wird der Film ruhiger und ernster, aber das passt noch recht gut ins Gesamtbild.

Die Blumen von gestern ist eine erfrischend neue Annäherung an das Thema NS-Vergangenheit, gleichzeitig eine Beziehungskomödie mit überraschend viel Tiefgang. Auch handwerklich gibt es wenig am Film zu bemängeln. Sehenswert!

Die subtext.at-Bewertung:

 

Andere Kritiken:

Der Standard findet die Figuren zu übertrieben. Die Zeit meint: „entsetzlich komisch“.

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