Rebell, Linker, Aktivist und Musiker – Billy Bragg hat viele Facetten. Seine musikalische Seite zeigte er am vergangenen Freitagabend im Rosengarten gemeinsam mit der bezaubernden Sängerin Lucia Leena. Die letzte Summer Session des Linzer Posthofs für dieses Jahr ging mit einem wunderbaren Konzert über die Bühne.

Spontan und ohne viel zu wissen, auf was ich mich einlasse, übernahm ich die Berichterstattung der gestrigen Summer Session. Am Weg zum Pöstlingberg wurde kurz nachgeschaut, wer den heute überhaupt spielt. Ergo: vorbereitet gleich null.

So war es für mich doch fast überraschend, ein bekanntes Gesicht auf der Bühne zu sehen – Lucia Leena. Ohne Band und ganz alleine tourt sie momentan durch den deutschsprachigen Raum. Im September wird ihr erstes Soloalbum releast. Auf was man sich musikalisch freuen kann, hat die Jazzmusikerin gestern schon mal zum Besten gegeben. Einfache, eingängige Beats treffen auf ihre sehr klare und helle Stimme – immer wieder wunderschön, ihr zu lauschen.

Nun zu Billy Bragg – ich gestehe, ich kannte die Legende vor gestern 20.00 Uhr nicht. Ich hätte auf die Frage „Auf welchen Song freust du dich schon am meisten?“ mit einem verwirrten, ängstlichen Blick beantwortet und meine Kulturlücke eingestehen müssen. Heute, ein paar Minuten Recherche später, ist es fast noch peinlicher, und ja, auch traurig. Sein Auftritt im Rosengarten war nicht der erste und hoffentlich nicht der letzte – wann er das erste Mal in Linz war artete in einer kurzen Diskussion im Publikum aus. Man einigte sich dann auf irgendwas zwischen 1984 und 1986 – also schon über 30 Jahre her. Damals wie heute galt der Sänger als Rebell – politisch links engagiert bis zum allerletzten Wimpernschlag. Dies spiegelt sich nicht nur in seinen unzähligen Songs wieder, sondern merkte man auch in der Interaktion mit dem Publikum. Schwerpunkte lagen neben der Umweltkrise, der Flüchtlingskrise und dem Kampf gegen den Kapitalismus auch auf dem Bashen gegen den Brexit und Trump. Auch wenn er eine ganz glaubhafte Erklärung lieferte, warum Menschen diese beiden politischen Katastrophen gewählt haben. Es war eine Rebellion gegen die Stagnation – Menschen wählen anscheinend lieber das Chaos anstatt dem Stillstand, der zB durch Hillary Clinton verkörpert würde. Billy Bragg hat vor vielen Jahren als Straßenmusiker angefangen und 13 Alben später steht er als 59 jähriger vor einem. Komplett geerdet und authentisch, mit einem Schmäh auf den Lippen.  Gerade bei solchen Legenden ist das Publikum meistens mindestens genauso spannend zu beobachten wie der Musiker selbst – alte, rebellische Rocker, die sich ihre alte Lederjacke als Accessoire mitgenommen hatten, kultivierte Snobs, Leute, die Karten gewonnen haben, notorische Raucher und junge Musikfreaks. So verflogen die 1,5 Stunden im Nu – dank dem wunderbaren Musiker auf der Bühne und dem extravagantem Publikum. Und zum Schluss gab es natürlich, als Draufgabe, das heißersehnteste Lied „There is power in the union“.

Ein Konzert, das ich ohne der Krankheit meines Kollegen wahrscheinlich nie freiwillig besucht hätte, verwandelt sich in einen sehr angenehmen Zeitvertreib – welchen ich, sofern Billy Bragg in den nächsten 30 Jahren wieder mal einen Stop in Linz macht, gerne wiederholen werde.

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