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CONCHITA: „Als Lebensgefühl wird es Conchita immer geben“

Teil 1 – Groß vorstellen muss man die wohl bekannteste Drag-Figur inner- und außerhalb des europäischen Raums wohl nicht mehr. Tom Neuwirth, so der bürgerliche Name, hat mit Conchita eine Persönlichkeit geschaffen, die überlebensgroß, emotionsgeladen und leidenschaftlich die Herzen der Zuschauer und Zuschauerinnen im Sturm erobert hat. Der Sieg vor vier Jahren beim Eurovision Song Contest in Kopenhagen war zwar umstritten, ist kontrovers aufgenommen worden, am Ende aber dennoch sicher.

Seit dem ist viel passiert, medial betrachtet, musikalisch hingegen nicht so sehr. Neben dem Debütalbum gibt es mit dem jüngst erschienenen „From Vienna With Love“ (eine Cover-Zusammenstellung von Songs mit den Wiener Symphonikern) gerade mal zwei Studio-Veröffentlichungen. Weshalb das so ist, wo in Zukunft die Reise hingeht und wie lange Tom und Conchita noch ein Herz und eine Seele sind, gilt es im großen subtext.at-Interview herauszufinden.

subtext.at: Ich möchte gerne mit dem Thema der Veränderung beginnen.
Conchita: Bitte.

subtext.at: Tom, einst warst du ein Castingshow-Teilnehmer, anschließend Mitglied einer Boyband. Dann wurdest du zu Conchita und medial gesehen zur bekanntesten Drag-Figur weit und breit. Wer bist du jetzt? An welcher Abzweigung stehst du? Mit wem rede ich heute?
Conchita: Mit mir (lächelt). (überlegt) Ich bin in einem Entwicklungsprozess, wie man es im besten Fall immer ist. Manchmal verläuft dieser Prozess schneller, ist größer, manchmal bewegt man sich halt nicht so schnell voran. Mit Conchita habe ich mich eine Zeit lang in einer Phase in meinem Leben aufgehalten, von der ich jetzt weiß, dass ich viel dazugelernt habe. Ich habe mir auch diese Fragen gestellt: „Wo geht es hin? Muss ich eine Trennung machen? Wie sehr muss ich mich erklären?“ Es hat sich herausgestellt, ich muss mich wahnsinnig erklären, weil es mehr Menschen interessiert, als ich dachte. Und dann habe ich dieses Schwarz-Weiß-Denken. Ich habe aber auch verstanden, dass Conchita, diese eine Phase meines Charakters, für immer da sein wird. Als Lebensgefühl wird es Conchita immer geben. Die habe ich so sehr geformt und visualisiert wie wahrscheinlich wenige Menschen Charakterzüge oder einen Teil von sich modellieren – und dann auch wieder weggeben. Ich weiß auch, dass ich das verstanden und gelernt habe und jetzt bin ich bereit, Neues zu verstehen und zu lernen.

subtext.at: Was bedeutet das konkret?
Conchita: Es soll heißen, Conchita wird es für immer geben. Conchita ist immer noch da. Es gibt aber auch eine Entwicklung, die in eine andere Richtung geht, von der ich noch nicht weiß, wie die aussieht. Wie sie heißt. Oder ob es der gleiche Name ist. Es sind alles noch offene Fragen für mich. So weit bin ich momentan.

© Markus Morianz

subtext.at: Wo siehst du die größte Entwicklung in den letzten 4 Jahren?
Conchita: Ich habe viel an Oberflächlichkeiten verloren. Ich habe viel an Leichtigkeit verloren und halte mich für einen Menschen, der sich besser kennt als vor 4 Jahren.

subtext.at: Sind die Unsicherheiten als öffentliche Figur kleiner geworden oder größer, weil man mehr unter Druck steht, abliefern zu müssen?
Conchita: Ja und nein. Ich habe die Erfahrung machen dürfen, wie es ist, wenn man Musik macht, die meine eigenen Geschichten sind. Das kannte ich vorher nicht. Ich will hier nicht respektlos gegenüber den Menschen sein, welche die Songs geschrieben und produziert haben, weil es sind gute Popsongs und es wirklich große Hits werden können, hätte sie jemand anderes gesungen, aber mein erstes Album war ein Produkt. Es gab ein Konzept und dafür man brauchte ein Produkt, weil ich gewonnen habe und es kein Album gab. Deswegen ist das alles wahnsinnig schnell passiert. Jetzt befinde ich mich in der Situation, Menschen um mich geschart zu haben, die mir zeigen, wo mein Platz ist, wenn es ums Musikmachen geht. Ich habe alles probiert, das komplette Ding selbst zu schreiben, den Text selbst zu schreiben, die Melodie zu schreiben, etc., etc., etc. und bin zu dem Entschluss gekommen, mein Talent da beschränkt zu sehen. Ich kann aber gut Geschichten erzählen und ich kann Menschen gut vermitteln, wie es mir geht. Jetzt habe ich ein Team gefunden, das in viel Zusammenarbeit verstanden hat, wie es funktionieren kann. Das, was aus mir herauskommt, wird von meinem Team übersetzt und wird zu meiner Musik. Das ist schon ein Unterschied. Wenn man nicht nur in Metaphern singt, sondern eine Geschichte erzählt, bei der man Bilder vor Augen hat, wenn man dieses Lied performt. Für mich ist das schon eine andere Qualität. Und auch eine andere Qualität des Musikmachens und des Gefühls, was ich dabei habe, welche Reaktionen ich dabei kriege. Somit bin ich auf der einen Seite ein bisschen furchtlos und denke mir, wenn das, was aus mir herauskommt nicht reicht, dann reicht es eben nicht. Auf der anderen Seite denkt man sich, es ist total nett und schön gedacht, wenn man das so fühlen kann – und trotzdem kommen einem Gedanken, ob es erfolgreich ist oder nicht und was bedeutet es, wenn es nicht erfolgreich ist? Ich habe eine gewisse Gelassenheit, weil ich darauf vertrauen muss, dass ich genüge, habe aber den reellen Zugang, wenn ich nicht genüge, dass ich das auch nehmen muss.

subtext.at: Gut zu sein heißt, erfolgreich zu sein. Verstehe ich dich richtig?
Conchita: (überlegt und lächelt) Bisher habe ich die Bestätigung für das bekommen, was mir Spaß gemacht hat. Die Menschen haben das dann für gut befunden. Das ist eine sehr privilegierte Situation. Ich hatte immer mein Publikum, ich hatte immer Menschen, die das toll fanden, was ich gemacht habe. Das waren manchmal 12 Menschen und manchmal eben viele. Egal, was ich mache, es wird Leute geben, die es toll finden auf eine Art und Weise. Das weiß ich. Ob ich das Level halten kann? Das werden wir sehen. (überlegt kurz) In mir drin weiß ich, ich mache das gut, aber wenn es für mich gut ist und alle anderen sagen, dass es nicht gut sei, dann kommt doch jeder zum Nachdenken (zuckt mit den Schultern). Das ist die Schwierigkeit daran (lacht los).

subtext.at: Wir alle suchen nach Mechanismen, die uns Sicherheit geben. Gibt es Dinge, die du dich von Natur aus nicht getraut hättest, in Verkleidung aber doch?
Conchita: Ja. Ich empfehle jedem Menschen in irgendeiner Art und Weise es auszuprobieren, jemand anderer zu sein. Weil dann passiert es, dass man unweigerlich man selbst ist. Weil man ein Schutzschild und damit die Freiheit, zu sagen und zu tun was man will. Das sage ich deswegen, weil ich in meinem Freundeskreis bemerkt habe, wie sich die Leute fühlen, wenn sie Drag gemacht haben. Sie haben ein komplett neues Gefühl für sich selbst bekommen. Es ist eine ungemeine Befriedigung, wenn man kompromisslos man selbst ist. Und wie toll das ist. In diesem Moment bist du so komplett von dir selbst überzeugt, da kannst du auch damit umgehen, wenn dich jemand nicht so toll findet. Dann musst du dir denken: „Okay, dann passen wir nicht zusammen, aber die finden mich großartig!“ Das ist schon ein wirklich toller Prozess, der bei mir definitiv sehr früh begonnen hat (lächelt). Ich habe mich schon immer verkleidet und irgendwie auch auf eine Art und Weise versteckt, aber es hat mir auch immer die Freiheit gegeben, zu sagen was ich wollte. Als Privatperson kann ich das nicht immer tun, weil dann ist man’s ja wirklich. Es ist absurd (lächelt und schüttelt mit dem Kopf).

© Markus Morianz

subtext.at: Wieso versteht eine männliche Dragqueen so viel von Weiblichkeit?
Conchita: Versteh ich das wirklich? Ich weiß es nicht. (überlegt) Was ich an Weiblichkeit transportiere, ist ja nur eine Annahme. Ich bin ja keine Frau. Somit mache ich nur das, was ich über die Jahre gespürt und vorgelebt bekommen habe. Deswegen bin ich bis zu einem gewissen Grad authentisch. Ich bin damit aufgewachsen, dass ich mich nicht wie ein Mädchen bewegen, sprechen und anziehen soll. Der Rückschluss war für mich dann, ob ich als Mann dann männlich genug bin. (überlegt) Ich weiß nicht, ob ich von der Weiblichkeit so viel verstehe oder ob es einfach nur eine Oberfläche ist, die ich mir angeeignet habe.

subtext.at: Gibt es noch ein Versäumnis als Conchita, bevor du sie eventuell ab 2019 in Pension schickst?
Conchita: Du hast schon ein Datum dafür (lacht)? Ich hatte keines (bricht in Gelächter aus). Ich würde jetzt meine Erfahrungen und Wünsche nicht an einen Look festlegen. Ich sehe da kein Ablaufdatum. Für gar nichts. Ich mache das zu dem Zeitpunkt, an dem ich denke, es ist richtig. Ich habe in meinem Kopf weniger Regeln als viele Menschen denken, aber ich hätte gerne welche, weil dann könnte ich mich besser erklären. Es ist manchmal schwierig zu verstehen, was ich meine. Ich halte mich nicht so fest an vorgefertigten Strukturen wie vielleicht andere, aber ich lasse mich dann dazu verleiten, mich festzuhalten, weil die anderen verstehen sonst nichts (lacht).

subtext.at: Wir haben es ja gern, wenn wir Dinge in Schubladen einteilen und in Schwarz/Weiß betrachten können.
Conchita: Genau.

subtext.at: Für mich klingt das einfach nach einer kreativen Person, nach einem kreativen Prozess. Der sieht halt bei dir so aus.
Conchita: Ja, so sehe ich das! Gute Antwort, die nehm‘ ich (lacht)!

Ende Teil 1 des Interviews // zu Teil 2

CONCHITA & Band auf Tour in Österreich
Dec 02 2018 Orpheum, Graz
Dec 03 2018 Posthof, Linz
Dec 04 2018 Szene, Salzburg
Dec 05 2018 Treibhaus, Innsbruck
Dec 08 2018 Halle E im MQ, Wien (BIRTHDAY SPECIAL #Conchita30)

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