Frauenarzt Dr. Schäfer
Foto: Programmkino Wels

Lasst die Frauen reden: „Frauenarzt Dr. Schäfer“

Das Jahr 1928. Schwangerschaftsabbrüche sind illegal, und das soll auch so bleiben, meint zumindest der altbackene, aber angesehene Professor Hausen. Dass ihn aber bald in engem Kreis ein Schicksalsschlag ereilen wird, ahnt er selbstverständlich nicht.

„Frauenarzt Dr. Schäfer“ ist ein Melodram aus dem Jahr 1928, das als Stummfilm von Luise Kolm-Fleck mit Unterstützung ihres Mannes Jakob Fleck inszeniert worden ist.

Das Jahr 1928. 1928? Da geht es um Abtreibung? Da wusste man doch noch gar nicht, was das war, oder? Das genaue Gegenteil beweist einem dabei dieser Film. Professor Hausen, konservativer Frauenarzt, predigt gleich zu Beginn von seiner Einstellung auf einer Medizinertagung. Es folgt Applaus. Wohl aus Respekt. Wohl aus Wertschätzung. Dass sein Schüler und baldiger Verlobter seiner Tochter, Doktor Schäfer, aber gleich im Anschluss mit einer gegenteilen Rede Jubel ernten wird, hätte er nicht erwartet. Für Abtreibungen in bestimmten Bedingungen setzt er sich nämlich ein, unser Protagonist.

Moral gegenüber… ja was denn eigentlich?

Zumindest dem heutigen Publikum wird es leicht fallen zu dekodieren. Doktor Schäfer ist die Stimme der Vernunft, der Antrieb, (hoffentlich) die Zukunft. Professor Hausen das komplette Gegenteil, der Feind, ein klarer Antagonist. Unter der ganzen heutigen Standards wirkt das anfangs richtig langweilig, am Ende aber geradezu erfrischend.

Es ist eine klare und doch bereits komplexe Geschichte: Nach der bereits erwähnten Medizinertagung verweigert Professor Hausen dem aufstrebendem und sympathisch inszenierten Dr. Schäfer die Hand seiner Tochter. Er begreift dabei aber nicht, dass Schäfer keineswegs für Abtreibungen ist. Nur unter ganz bestimmten Bestimmungen findet er sie angebracht, welche der heutigen Wahrnehmung von gerechtfertigter Abtreibung gar nicht allzu weit entfernt sind. Das wird klar, als er die leichtfüßige, im Film als „Schäfchen“ vorgestellte Lucie kennenlernt, die ihn dazu bringen möchte, bei einer ihrer Freundinnen eine Abtreibung durchzuführen. Das macht er nicht, denn eine ungeplante und ungewollte Schwangerschaft in dem Sinn ist für ihn kein Grund. Nur fällt die genannte Freundin später einem Pfuscher in die Hände, wodurch gleich zwei Leben gefordert werden.

Dr. Greber aus "Frauenarzt Dr. Schäfer"
Foto: Filmarchiv Austria

Inzwischen will Hausen seine Tochter Evelyn mit Dr. Greber bekannt machen, da dieser ein großer Unterstützer und Helfer von ihm ist. Dass dieser aber nichts Gutes im Schilde führt, merkt man gleich von Beginn an. Und als Lucie ihn als den Pfuscher erkennt, bestätigt sich das. Schäfer konfrontiert ihn und zwingt ihn, schnellstmöglich das Land zu verlassen. Greber tut das, als ihn aber Evelyn auch noch zur Rede stellen will, vergeht er sich auch noch an ihr.

Die Vergewaltigte sucht Hilfe bei ihrem Ex-Verlobten Schäfer, der sie am Ende beruhigen kann und es nun auch endlich schafft, an der Moralvorstellung ihres Vaters zu rütteln.

Vielleicht gehen manche dinge uns alle etwas an.

Frauenarzt Dr. Schäfer, 1928

Eine klare Verteufelung der damaligen Medizin, die aber besonders am Ende zurückhaltend sein muss. Denn sonst hätte das Werk wahrscheinlich darunter gelitten, in Form von Nichtveröffentlichung. Es ist die Zwischenkriegszeit, und es gibt Zensur. Filme werden zerschnitten, weggeworfen, neu angeordnet. Über Zensurkarten der schon damals genauen Deutschen kann man heute davon viel rückgängig machen, aber eben nicht alles. Und hätte er ein Ende, das klar und spezifisch sagt, dass es Abtreibungen geben soll, wäre er wahrscheinlich völlig zensiert worden. Und hätte er keine Szene mit hübschen Berliner Tänzerinnen, hätte das damalige Publikum wohl schon zu Beginn den Saal verlassen.

Und am Ende ist es ein nicht nur wortwörtlich stiller Film, sondern auch ein provokanter. Er versteckt sich hinter dem damals berühmten Genre des Problemfilms, in dem Missetaten von jungen Frauen (Leichfüßigkeit, Gier, Prostitution) gezeigt werden und am Ende meist mit Suizid enden. Frauenarzt Dr. Schäfer geht die komplett andere Richtung: Er lässt mit Lucie solch eine Figur vermuten, aber genau dieser geschieht nichts. Es ist die unschuldige und brave Evelyn, der das Unheil geschieht. Ein akkurateres Porträt unserer Welt könnte auch kein Film, der nun fast hundert Jahre später entstehen würde, zeichnen.

überragend Alte Technik

Besonders spannend sind neben der für die Zeit unglaublich progressiven Themendarstellung die technischen Aspekte. Luise Kolm-Fleck, die zweite Filmregisseurin der Welt, war ihrer Zeit mit Sicherheit voraus. Unermüdlich hat sie zwischen Finanzproblemen, einer von Männern dominierten Welt und sogar Nazis Filme erschaffen. Verschiedene Einstellungsgrößen werden ganz bewusst eingesetzt (z. B. Close-Ups für besonders starke Emotionen), die Kamera bleibt meist am selben Fleck und schwenkt, verrät so immer ganz bewusst, was wichtig ist und zeigt dem damals ungeübten Publikum immer von der gleichen Stelle aus, wo wir uns gerade befinden. In Dialogen befolgt man die 180-Grad-Regel, wo man nicht die Aufnahmeseite der Personen wechselt, um nicht räumlich zu verwirren.

Am Ende ist ein solcher Film nicht nur in seiner aktuellen Zeit, sondern oftmals auch vie später noch wichtig. Besonders dann, wenn man sich daran erschreckt, wie wenig sich doch in hundert Jahren tun kann und wieviel Energie in immer die gleichen Diskussionen gesteckt werden muss.

Frauenarzt Dr. Schäfer

Regie: Luise Kolm-Fleck, Jakob Fleck
Drehbuch: Jane Bess
Mit: Ivan Petrovich, Evelyn Holt

Deutschland 1928
99 Minuten

Macht mal dies, mal das. Manchmal kommt dann dabei sogar Design, Filmografie oder was Geschriebenes raus.