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Die Grüne Revolution – zwei Jahre danach

Die Grüne Revolution – zwei Jahre danach

Es war im Jahr 2009, als bis zu einer Million Menschen in der iranischen Hauptstadt Teheran auf die Straße gingen, um ihrer Wut über eine offensichtlich gefälschte Präsidentschaftswahl, Luft zu machen. Zwei Jahre danach wird dem Iran, aufgrund des Atom-Streits zwischen Israel,Iran und den USA, wieder größere mediale Aufmerksamkeit zuteil. Was wurde aus der Protestbewegung, die als „green Revolution“ in die Geschichtsbücher einging?

Plötzlich sackt die junge Frau zusammen. Ein Passant versucht sie aufzufangen, ehe ihm bewusst wird, dass es nichts mehr zu retten gibt. Als sich die Augen der jungen Studentin unnatürlich verdrehen und Blut in Strömen aus ihrem Mund läuft, wird klar – sie stirbt – mitten in den Straßen Teherans.
Die Bilder des feigen Heckenschützen-Mordes an der iranischen Demonstrantin Neda Agha Soltan gehen um die Welt. Sie wird zur Ikone, zum Gesicht einer iranischen Protest Generation, die sich über Twitter, facebook und co. organisiert und in diesen Tagen tausende Menschen auf die Straßen bringt. Die Folgen der anhaltenden Proteste: tausende Verhaftungen, Tötungen, Misshandlungen, brutale Folter und nachhaltige Repression gegen jede Form von Opposition.

Zuerst wollten wir nur unsere Stimme zurück
Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich Gerüchte über Wahlfälschungen und massive Manipulationen, die Mahmud Achmadinedschad mit 62,6% der Stimmen den erneuten Wahlsieg sicherten. Das erste mal in der noch jungen Geschichte des social networking, offenbarten Facebook, Twitter und Co. ihre schier unglaubliche Macht, innerhalb kürzester Zeit tausende Menschen zu mobilisieren. Es folgten die heftigsten iranischen Proteste seit 10 Jahren und diese blieben nicht unbeantwortet. Mitten in der Nacht wurde ein Studentenwohnheim der Universität von Basidschi-Milizen überfallen und dabei mindestens vier Studenten getötet. Die paramilitärischen Schlägerkommandos der iranischen Revolutionsgarde waren im Kampf gegen Saddam Husseins Truppen im ersten Golfkrieg zu Ruhm und Ehre gelangt. Nun richteten sie ihre Waffen im Namen des Regimes gegen das eigene Volk. Einer ihrer Scharfschützen war vermutlich auch für Neda Agha-Soltans Schicksal verantwortlich. Die 27 jährige Philosophie-Studentin, deren Vorname „Stimme“ bedeutet, war keine Aktivistin, sie wollte bloß, wie tausende andere auch, ihrem Ärger über eine gefälschte Präsidentschaftswahl Luft machen. Die Familie der jungen Frau bekam ihren Leichnam nie zu Gesicht, ein Begräbnis wurde staatlich untersagt. Unterdessen verbreitete sich das Video ihres erschreckenden Todes mit rasanter Geschwindigkeit und Neda wurde zur schweigenden Stimme der nun noch entschlossener auftretenden, Protestbewegung.

Wir werden kämpfen und unser Land zurückerobern
Die Führer der Opposition, Mehdi Karroubi und Mir Hossein Mussawi, traten in der Folge mit vereinten Kräften gegen das Regime auf, unterstützten Demonstrationen und Protestmärsche und forderten eine Annulierung des Wahlergebnisses. Doch auch sie hatten mit Repression zu rechnen, auch in ihren Familien gab es Todesopfer. Über 300 Tote und bis zu 10 000 verhaftete Regimegegner waren die traurige Bilanz dieser Monate. Als jede Form des öffentlichen Protests allmählich zu gefährlich wurde, passierte etwas Erstaunliches. Wie bereits während der sogenannten Islamischen Revolution von 1979, stiegen die Demonstranten im Schutz der Dunkelheit auf die tausenden Flachdächer Teherans und riefen „Allahu Akbar“ – Gott ist groß  – und „nieder mit dem Diktator“. In spontanen Auto-Hupkonzerten und anderen symbolischen Gesten lebte die grüne Revolution, trotz massiver Bedrohung durch die Staatsgewalt, weiter. Die Stimmung hatte sich gedreht. Anfangs stand bloß die Forderung nach einer Wiederholung der Wahl, doch nun, nachdem das Regime seine hässlichste Seite gezeigt hatte, indem es derart hart gegen das eigene Volk vorging, forderte man einen fundamentalen Wechsel des Systems.

Der Iran war immer ein revolutionärer Boden
Die Islamische Revolution von 1979 sollte den Iran von der Unterdrückung des Monarchen, des Schahs von Persien, befreien. Der Westen hatte den Monarchen, wie viele andere Diktatoren auch, jahrelang hofiert und fleißig Handelsbeziehungen zum Wüstenstaat gepflegt, während das Volk hungerte. Ajatollah Ruhollah Chomeini führte die Revolution schließlich zum Sieg, wenngleich er danach einen autoritären islamischen Gottesstaat errichten sollte. Wie viele Revolutionen der Geschichte, allen voran die französische und nun auch die zahlreichen arabischen Umstürze, musste man die schmerzvolle Erfahrung machen, dass die Revolution ihre eigenen Kinder frisst.

Diejenigen, die sich einst aufmachten, das Volk von der Unterdrückung zu befreien, werden nicht selten selbst zu Unterdrückern, im Namen der Revolution versteht sich.

Eine Art „dritter Weg“
Doch was will diese junge Bewegung, die grüne Fahnen schwenkt und, die Hand zum Victory Zeichen erhoben, „nieder mit dem Diktator“ skandiert? „Wir wollen Freiheit und vom Volk gewählte Politiker“, so eine junge Studentin, die den Fortbestand der grünen Bewegung, auch zwei Jahre nach den Protesten, bestätigt. Zu Israel, den USA und Europa gebe es keine einheitliche Meinung, wenngleich man immer wieder betont, einen eigenen Weg gehen zu wollen und nicht, wie vom Regime selbst oft so dargestellt, unter Anleitung der USA einen Staat nach westlich-liberalem Vorbild anstrebe. Der Islam hat viele Gesichter, deren Komplexität der Westen oft nicht durchblickt. Die junge islamische Generation will weder westliche Konzepte unreflektiert übernehmen, noch strebt sie nach einem autoritären islamischen Gottesstaat. Eine Art „dritter Weg“, um einen Begriff aus der Wirtschaftspolitik zu verwenden, soll die grüne Revolution zu jenem Ziel führen, dessen Anfang in den Monaten des Protests sichtbar wurde.

Viele sind bereit dafür zu sterben
Der 2010 einsetzende „Arabische Frühlung“, verstärkte die seit 2009 bestehende Repression gegen ausländische Medien und oppositionelle Kräfte im Iran. Während die Redelsführer der Bewegung, Mussawi und Karroubi, in Sippenhaft genommen und auch nach der Niederschlagung des Protests Todesurteile gegen AktivistInnen gefällt wurden, verschärfte man im Westen den Ton angesichts des iranischen Atomprogramms. Diesem stehen die Vertreter von „green Revolution“ neutral gegenüber. „Die Einzigen, die jemals Atombomben warfen seid doch ihr und ihr baut sie auch heute noch. Warum also sollte der Iran nicht das Recht haben Atomenergie friedlich zu nützen“, so der Tenor. Auch hier wird deutlich, dass man selbstbewusst einen eigenen Weg gehen möchte. Einen Weg ohne Diktator und einen Weg ohne westlichem Missionierungsgedanken. „Womöglich wartet noch ein langer Weg auf uns“, stellt ein Aktivist ernüchternd fest, „doch viele sind bereit dafür zu sterben.“Selbst wenn es dem iranischen Regime vorerst gelungen ist, sein Volk zum Schweigen zu bringen, Tote vergisst man bekanntlich nie.

Foto: http://www.flickr.com/photos/mostafa/, lizensiert unter http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de

 

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