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Crossing Europe Kritik: Kleine Perestrojka

Crossing Europe Kritik: Kleine Perestrojka

Der Begriff „Perestrojka“ kommt aus dem Russischen und bedeutet so viel wie „Umbau, Umgestaltung, Umstrukturierung“. So wird auch der Anfang 1986 eingeleitete Prozess von Michail Gorbatschow zum Umbau und zur Modernisierung 
des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Systems der Sowjetunion bezeichnet.1991 zerbrach die Sowjetunion, zu der auch Kirgistan gehörte. Nun ist die Staatsform eine parlamentarische Republik. Doch wie sieht es 21 Jahre nach der „Revolution“ aus?

Der Filmemacher Bernhard Pötscher und sein Team begleiteten den kirgisischen Fotografen und Künstler Shailo Djekshenbaev, um „sein Kirgistan“ einzufangen. Zu Sowjetzeiten wurden im Norden Kirgistan moderne urbane Zentren gegründet, während der Süden ländlich geprägt blieb und Bergbau oder Ackerbau dominierten. Somit kam es nicht nur zu wirtschaftlichen Spannungen, zwischen dem reicheren Norden und dem eher ärmlicheren Süden, sondern auch zu ethnischen Konflikten. In der kirgischen Politik ist der Süden noch heute unterpräsentiert und Streitereien zwischen der dortlebenden großen usbekischen Minderheit und Kirgisen sind an der Tagesordnung. Schön langsam beginnen die Wunden der Vergangenheit und der Gegenwart zu heilen, doch so wirklich „aufgearbeitet“ ist die Geschichte Kirgistan noch nicht.

Der Fotograf Shailo Djekshenbaev versucht mit seinen Bildern die kleinen und großen Veränderungen in seinem Heimatland Kirgistan zu dokumentieren. Zerstörungen kennzeichnen einerseits eine Wut und Machtzusammenbruch, sind aber dennoch ästhetisch, meint dieser. Menschen, Momentaufnahmen, Landschaften und Gespräche helfen ihm auf seine ganz individuelle Art und Weise mit den blutigen Konflikten der Vergangenheit umzugehen.

Doch Shailo lernt auch seine Grenzen in seiner künstlerischen Arbeit kennen. Wie weit kann ich gehen, in Wunden herumstochern, alte Wut und Hass schüren und in wie fern ist es für mich selber ein Seelenheil? Mit Hilfe von Bildern aus dem ehemaligen sowjetischen Alltag gekennzeichneten Lebenswelt Kirgistans, Anekdoten und Denkansätzen, kann man die künstlerische Arbeit von Shailo Djekshenbaev besser nachvollziehen.

Meiner Meinung nach war es einer der spannendsten und atemberaubendsten Dokumentationen des Crossing Europe Filmfestivals. Die Mischung machts aus – Fotos mit Analog-Kameras, landschaftliche Aufnahmen Kirgistans und Gespräche mit der Bevölkerung und alten, weisen Männern.

Die Bewertung der subtext.at-Redaktion:

5/5 Punkte

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Ich, ein Mädel aus Linzer Umgebung schreibe liebend gerne Konzert-Reviews, Filmkritiken und so manch anderes über Kultur, Leute und dem ganzen Drumherum. Wortspielereien mit Gefühlen, die echten Tatsachen und Stimmungen sind mein Metier, in dem ich mich am Wohlsten fühle. Kultur wie sie leibt & lebt im Linzer Raum und sonstwo, am Puls der Zeit, niemals vergessen, sondern dokumentiert, hier auf subtext.at Das ist meine Welt, ahoi!

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