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VÉRONIQUE OVALDÉ: Ein Ende mit Schrecken, ein Schrecken ohne Ende

VÉRONIQUE OVALDÉ: Ein Ende mit Schrecken, ein Schrecken ohne Ende

„Alles glitzert“ von der französischen Autorin Véronique Ovaldé beginnt wie eine locker-leichte Slackerkomödie der etwas anderen Art (weil das Buch im Eis spielt), endet aber wie ich eine berührende Coming-Of-Age-Geschichte. Protagonistin ist das altkluge Eskimomädchen Nikko, die man sofort ins Herz schließt. Sie spricht wie ein lebendig gewordener Blog und benimmt sich auch so – lakonisch und hochtrabend. Eine taffe Heranwachsende, die ihren Mann stehen muss, in einer Umgebung, die kalt und grau und sprichwörtlich verpestet ist.

Bald kommen auch Dinge hinzu, die mal wohl unter dem Begriff „Öko-Thriller“ verbuchen könnte, weil eine ansässige Fabrik es sich zur Aufgabe gemacht hat, Giftmüll im Gebiet der kanadischen Siedlung Koukdjuak zu entsorgen. So weit, so schlecht. Für die Inuit-Gemeinde ist die Fabrik der reinste Sargnagel. Die Toxine, die frei gesetzt werden, verseuchen das Wasser und lassen die Fische sterben. Nikko ist außerdem die einzige Überlebende von vielen Babys, die in der gleichen Nacht vor Jahren zur Welt kamen – mit körperlichen Beeinträchtigungen und psychischen Deformationen. Sie muss täglich Medikamente zu sich nehmen, um ihren Zustand nicht zu verschlimmern.

Das Familienidyll ist in demselben Maße brüchig. Ihr Vater ist ein zänkischer Saufbold, ihre Schwester unheimlich neugierig und ihre Mutter liebevoll, aber lethargisch. Nikko gibt sich mit diesem Szenario nicht zufrieden und will insgeheim all dem entfliehen. Das triste Leben, die Umgebung, die Menschen. Sie träumt von der großen Liebe, sehnt sich danach, nicht gemieden und akzeptiert zu werden. Und nach Freiheit. Irgendwann wird sie am Zug sein und ihr Unglück gegen etwas Wertvolles eintauschen. Davon ist sie überzeugt.
Im Verlauf des Buches verliebt sich in einen Fabrikarbeiter und wird auch schwanger von ihm. Sie entschließt sich, das Kind auszutragen und schmeißt alle Bedenken über Bord. Ein Ausweg?

Über die französische Schriftstellerin Ovaldé habe ich bis zu diesem Buch noch nie etwas gehört, doch sie schafft es, eine Familiengeschichte zu entwerfen, die in ihrer Grundkonstellation genügend Spannungspotenzial bietet. Es entwickelt sich ein interessantes Geflecht an Beziehungen. Komische wie auch tragische Begebenheiten werden nicht außen vor gelassen. Ein weiterer Pluspunkt: Die Titelfigur. Körperlich behinderte Menschen spielen, wie im wahren Leben leider auch, nicht so oft die erste Geige. Eine willkommene Abwechslung.

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Foto: IBO/SIPA & Kunstmann

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