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BRANDON BOYD: „Ich habe gelernt, sorgsam mit meinen Instinkten umzugehen“

BRANDON BOYD: „Ich habe gelernt, sorgsam mit meinen Instinkten umzugehen“

Teil 2 – Der noch ausstehende und letzte Teil des Gesprächs mit Incubus-Frontmann Brandon Boyd, der aktuell mit Sons Of The Sea ein neues, musikalisches Projekt aus der Taufe gehoben hat. Daneben ist auch sein drittes Buch mit dem Titel „So The Echo“ erschienen. Darin finden sich Illustrationen, Texte, Gedichte und Fotos. Wie man sieht: Brandon ist umtriebig. Wir sollten uns Zeit nehmen, für die Dinge, die wir mögen. Das haben wir ja bereits von ihm erfahren.

© Brian Bowen Smith

Ein Interview über die innere Stimme, die Zukunft von Incubus und wie es ist, am Flughafen festgenommen zu werden und einen Tag lang eine Gefängniszelle von innen zu sehen.

subtext.at: Du hast eine Sons Of The Sea-EP herausgebracht, die auf den Namen „Compass“ hört. Denkst du, dass wir alle so etwas wie einen inneren Kompass besitzen, der uns leitet?
Brandon Boyd: Ja, vor allem was die kreativen Anbelange angeht. Meine Intuition kann mich manchmal emotional in sehr seltsame Richtungen führen.

subtext.at: Benutzt du deine Intuition als eine Art Werkzeug sogar?
Brandon Boyd: Ich habe gelernt, sorgsam mit meinen Instinkten umzugehen. In kreativer Hinsicht hat mich mein innerer Kompass aber nie auf eine falsche Fährte geführt. Warum? Weil ich Vertrauen habe. Egal, wohin mich dieses Vertrauen auch führen mag. Wenn ich dieses Verlangen kontrollieren würde, würde es nicht zu etwas Gutem führen. Ich kann dir das sagen, weil ich es zu sehr versucht habe. Ich nehme an, dass die Leute sagen können, wenn etwas unecht ist oder falsch wirkt – auch bei mir. Wenn ich etwas singe, alleine oder mit der Band, oder wenn ich etwas male oder zeichne. Wenn ich also Vertrauen habe, dann vertraue ich meiner Eingebung. Ich lasse es passieren. Das heißt für mich Authentizität. Ich bin da und es ist nicht wichtig, was passiert. Wenn zwei Leute da sind und mir zuhören, toll. Wenn einhunderttausend Leute da sind, großartig.

subtext.at: In all den Jahren hat mir die Musik von Incubus immer ein positives Grundgefühl vermittelt. Du als Sänger und als Person warst für mich stets wie ein Fels in der Brandung. Wie erhält man sich seine positive Geisteshaltung, wenn alles um einen herum eventuell negativ ist?
Brandon Boyd: Zuweilen kann das schon eine Herausforderung sein. Weißt du, es kann nicht immer alles eitle Wonne sein, Friede, Freude…

subtext.at: Und Eierkuchen.
Brandon Boyd: Haben die Pancakes da drinnen (lacht und deutet auf die Galerie, in der seine Bilder ausgestellt sind)?

subtext.at: Ja, haben sie. Solltest du probieren.
Brandon Boyd: Aber die Crêpe-Variante, oder? Nun, wie gesagt, es ist manchmal außerordentlich und herausfordernd, denn eine Band ist so etwas wie eine zweite Familie für dich. Nur Sex gibt es keinen (lacht). Unsere Kinder sind unsere Songs, und manche sind erwachsener als andere. Und wie jeder weiß – deine Familie kann manchmal ziemlich verrückt sein, nicht wahr? Du musst lernen, dir Freiräume zu schaffen. Wir mussten es auch lernen und es ist das, was wir momentan auch tun. (überlegt) Unser letztes Album „If Not Now, When?“ hat uns viel Spaß gemacht, obwohl auch diese Platte besonders herausfordernd war. Jeder von uns wusste, dass wir uns verändern würden. Wir hatten keine Ahnung, was da genau auf uns zukommen würde.

ifnotnowwhen

subtext.at: Bist du mit „If Not Now, When?“ immer noch zufrieden?
Brandon Boyd: Es ist immer noch das Album, dass total anders ist als all unsere anderen Veröffentlichungen davor. Jetzt, im Rückspiegel betrachtet, bin ich froh, wie es gekommen ist und wie es sich entwickelt hat. Incubus sind nicht statisch, wir verändern und wandeln uns. Wir schreiben keine Popsongs mit perfekten Refrains, welche die Mädchen zum Kreischen bringen. Manchmal wächst etwas heran und du beginnst, die Triebe und Äste wieder zu stutzen, manchmal wächst jedoch auch etwas Wunderschönes heran und du lässt es gedeihen. Erstaunlich, wenn es manchen Leuten dann noch gefällt. (überlegt) Ich bin echt neugierig, wie die nächsten Incubus-Songs wohl klingen werden. Wir sind sehr zufrieden mit dem Status, den wir haben und wer weiß, wie das abfärben wird. Es wird noch offener und unterstützender zugehen, da bin ich mir sicher.

subtext.at: Alles ist bei Incubus also möglich.
Brandon Boyd: Ja, so fühlt es sich an. Wir haben die Bildfläche in einem sehr guten Zustand verlassen.

subtext.at: Letzte Frage, Brandon. Gibt es eine Zutat in deinem Leben, die du vermisst oder besizt du alles, was du angestrebt hast?
Brandon Boyd: (räuspert sich) Eine interessante Frage. Ich würde schon sagen, dass ich im Moment all das besitze, was ich angestrebt habe. Etwas, das fehlt? (überlegt lange) Vielleicht die Fähigkeit, dieses fehlende Etwas auszumachen. Darüber habe ich auch gesprochen, um geistige Freiheit. Egal, wo ich mich befinde, ich möchte mir diese Haltung bewahren. Ich bin der Ansicht, dass wir Menschen zu 100% frei sind – auch die, die in ihrem Land nicht frei leben können oder unterdrückt werden. Im spirituellen Sinn sind auch sie frei. Viele von uns haben sich darüber vielleicht keine Gedanken gemacht und deswegen fühlen sie sich auch nicht so. Was mir also im Leben fehlt ist noch dieser Zugriff auf diese Freiheit, egal, wo ich mich auf der Welt befinde. Ich möchte das abrufen können, dieses Gefühl, selbst wenn ich irgendwo verhaftet und in eine Gefängniszelle verfrachtet werde (lacht).

So The Echo

subtext.at: Wer weiß, was die Zukunft für dich noch bereit hält. Vielleicht wirst du eines Tages auch diese Erfahrung machen.
Brandon Boyd: Weiß du, was? Ich wurde einmal verhaftet und musste sogar in eine Gefängniszelle (lacht).

subtext.at: Wirklich? Was hast du getan?
Brandon Boyd: Ach, ist schon etwas her und gehört zu den dümmsten Dingen, die ich je angestellt habe. Es war alles ein Missverständnis. Ich führte ein Messer mit mir herum, es befand sich in einem meiner Gepäckstücke, ich hatte das total vergessen. Es war um 2004 herum, als noch alle wegen 9/11 in Aufruhr waren. Jeder war sehr paranoid zu der Zeit, vor allem in Amerika. Da war ich also in New York am Flughafen mit einem Messer im Gepäck, dass ich schon sechs Monate lang mit mir herumgetragen hatte während der Tour. Kein Flughafen auf der Welt hatte es bislang bemerkt, was an sich schon total seltsam ist. Sie haben sich also mein Gepäck näher angesehen und das Mädchen holte dann das Messer raus mit einem angsterfüllten Blick. Sie schrie: „Security!“

subtext.at: Was ist dann passiert?
Brandon Boyd: Dann kamen sie schon auf mich zu, nahmen mit fest und machten mir Handschellen an (lacht)! Ich musste anschließend in eine Zelle, für einen Tag. Ich dachte nur: „Fuck!“ Ich habe mich nicht frei gefühlt, ich war verstört. Jedenfalls musste ich nicht ins Gefängnis, ich habe mich gut verhalten, musste eine Gebühr bezahlen und kam auf Bewährung frei. Ein Jahr lang durfte ich jedoch nichts anstellen. Für Blödsinn, wie du siehst. Du kannst dich in solch einer absurden Situation befinden und trotzdem behaupten, dass du frei bist. Das kann man meistern. Du hast nur ein anderes Outfit an in einer Zelle (lacht).

© Brian Bowen Smith

Ende Teil 2 des Interviews.

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Teil 1 des Interviews mit Brandon Boyd
brandonboyd.me
facebook.com/SonsOfTheSeaBrandonBoyd

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Instigator. Mind reader. Fortuneteller. Everday hero. Charmer. Writer. Editor. Music lover. Film enthusiast. Aesthete.

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