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SANTIGOLD: Schablonentreu

SANTIGOLD: Schablonentreu

Eklektizismus in den Ohren, Sorgenfalten auf der Stirn. Santigold wirft mit „99 Cents“ einen kummervollen wie kritischen Blick auf den Status Quo der Kunst innerhalb unserer Konsumgesellschaft und hält allen Sale-Fanatikern und Narzissten dieser Welt den Spiegel vor. Dabei präsentiert sie sich frisch und appetitlich in transparenter Folie eingeschweißt. Großes Problem bei diesem an und für sich guten Plädoyer: Der musikalische Funke verglimmt hier so schnell wie ein Streichholz im Regen.

Die Gegenwart ist ein schizophrener Ort. Früher war eh alles besser. Eine Floskel, die eine junge Generation nach der anderen zu hören bekommt. Die neuen Heranwachsenden und ihre große Selbstbezogenheit. Schauspiellegende Harrison Ford sieht in Interviews schwarz. Selfiewahn, Likes, wo soll das noch hinführen? Auch bei Santi White aka Santigold schwingt jüngst ein pessimistischer Unterton mit. Auf ihrem dritten Longplayer „99 Cents“ fungiert die Konsumkritik sogar als namensgebender Albumtitel. Auf dem Cover posiert die 39-Jährige mit allerlei Klimbim. Soll heißen: Santigold nimmt sich weit weniger wichtig und gar nicht bierernst, wie man vielleicht vermuten könnte. Leider hilft das alles nichts. Man muss sich durch zwei mediokre Nummern kämpfen, um mit dem feurigen Calypso-Groove von „Banshee“ Bekanntschaft zu machen. Ein Lichtblick. „Rendevouz Girl“ fischt noch passabel im 80er Pop-Becken, bei Bands wie a-ha. Danach bleibt die Platte wieder weiter hinter den Erwartungen zurück und glänzt nicht gerade mit Ohrwurmpotenzial. Banal Schunkelndes wie den Opener „Can’t Get Enough Of Myself“ oder die Single „Chasing Shadows“ lässt man lieber links liegen.

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Stets hat sich Santi White mehr Stilen geöffnet als verweigert, doch dieser Musik-Schmelztiegel, der war schon mal besser zusammengeschweißt. Die freigeistige Mixtur aus Indie-Klängen, Tribalbeats, Elektronik, HipHop und Pop klang wesentlich griffiger. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, klar, aber mit Temperament sollte man nicht geizen, wenn es vorhanden ist. Das war auf dem Vorgänger noch anders. Sie scheint nicht recht zu wissen, wo sie hin will und wie die Szene, die sie vor einigen Jahren mit aus der Taufe gehoben hat, heute tickt. Auf „99 Cents“ scheint jemand mitten in einem Selbstfindungsprozess zu sein. Songs wie „Who Be Lovin Me“ (mit Rapper IloveMakonnen), „Run The Races“ oder „Big Boss Big Time Business“ rauschen belanglos an einem vorbei. Bemühte Tanzbarkeit und eine Leistung, die größtenteils langweilt.

Santigold scheint die kreative Puste ausgegangen zu sein, wie das Cover unfreiwillig zu sagen scheint, Vakuumiergerät sei Dank. Das Verfallsdatum rückt näher als man denkt bei diesem Album, obwohl das Gefühl vorherrscht, als möchte sich „99 Cents“ anschmiegen wie eine Stretchjeans. Es ist ein Ärgernis, dass manche dieser Songs so bieder geraten sind, ohne richtiges Ziel vor Augen. Nur die Treuesten unter den Treuen wird noch die Kraft finden, dieses zahnlose Werk zu verteidigen. Man sollte nicht erwarten, dass diese Platte einem die Augen öffnet für etwas, was man nicht eh schon wusste.

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„Master Of My Make-Believe“-Rezension auf subtext.at
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