„Ich habe nichts zu predigen“: ALCEST über religiöse Abkehr & spirituelle Zuversicht

Die Blätter fallen, die Temperaturen sinken und die Gemütslage, die ist auch eher betrübt als himmelhoch jauchzend. Kurzum: Es ist wieder soweit. Der Herbst hat Einzug in unser Leben gehalten und der Winter ist auch nicht mehr fern. Perfekte Bedingungen, um sich erneut den Franzosen von Alcest zu widmen, die wir bereits kurz vorm Ausbruch der Covid 19-Pandemie in Europa zum Interview getroffen haben.

Dreampop trifft auf Metal, Melancholie auf Aggression und Melodie auf Geschrei, wenn man so will. Diese Gratwanderung gelingt blind. Den Black Metal-Ursprüngen entwachsen und der Gothic-Szene entwichen, sind Alcest um Stéphane „Neige“ Paut und Jean „Winterhalter“ Deflandre mittlerweile bei sich spür- und hörbar angekommen. Mit jeder neuen Veröffentlichung, wird das Genre Blackgaze, für das Alcest mittlerweile als Aushängeschild einstehen, um einige Dimensionen erweitert. Ein Gespräch mit Neige über religiöses Bewusstsein, Hardcore-Fans und menschliche Intuition.

© Nuclear Blast

subtext.at: Neige, Spiritualität setzen viele mit Religiosität gleich, andere wiederum verbinden Spiritualität mit Aktivitäten wie Yoga, Meditation oder der freien Natur. Gibt es in dieser Hinsicht keinen richtigen oder falschen Weg, um Spiritualität persönlich zu erfahren?
Neige: Total, da stimme ich dir voll zu. Wir wissen so wenig. Religion lässt sich nicht überprüfen und gibt dir ein Konzept, eine vorgefertigte Meinung. Deswegen bin ich nicht religiös, denn ich komme in Konflikte, weil dann ein anderer behauptet, Wissen für sich gepachtet zu haben. Es ist auch wirklich witzig, weil die Weltreligionen ja auch so viel gemeinsam haben. Alle wollen das Gleiche, zur Quelle, wenn man so will. Religion wird aber auch dazu benutzt, Macht auszuüben und Glaube kann auch eine Ausrede sein, um Leute zu kontrollieren. Für mich haben Religion und Spiritualität genau gar nichts miteinander zu tun. Diese beiden Dinge könnten nicht unterschiedlicher für mich sein. Ich glaube an Gott, möchte aber meinen eigenen Weg gehen. Mit Religion habe ich nichts am Hut. (überlegt kurz) Als ich ein kleiner Junge war, habe ich eine Erfahrung gemacht, die mich in dieser Hinsicht sehr geprägt hat.

subtext.at: Auf YouTube ist ein Interview mit dir zu finden, wo du genau darüber sprichst, aber auch ziemlich vage bleibst, was dir eigentlich widerfahren ist.
Neige: Es ist sehr persönlich. Darüber möchte ich auch nichts mehr sagen. (seufzt) Ich würde gar nicht die richtigen Worte dafür finden, um es wiederzugeben. Es ist, als würdest du jemanden fragen, wie sich sein LSD-Trip für ihn angefühlt hat. Nachvollziehen kannst du es trotzdem nicht. Ich hatte jedenfalls eine Art Zugang zu einer anderen Welt. Es war die schönste Erfahrung, die ich jemals erleben durfte. Es brachte mich dazu, darüber nachzudenken, ob es ein Leben nach dem Leben gibt. (überlegt kurz) Ich habe nichts zu predigen. Ich suche, genau wie jeder andere auch, nach den richtigen Antworten. Es ist interessant, dass du Yoga, Meditation und die Natur erwähnst, weil es für mich genau die Dinge sind, die mich näher zur Spiritualität bringen. Die Natur hält überhaupt den größten Schlüssel parat, um Spiritualität zu erfahren.

subtext.at: Laut einer amerikanischen Studie gaben im Jahr 2012 nur 17% an, nicht religiös aber spirituell zu sein. 2017 waren es schon 27% und es wird erwartet, dass diese Zahl in den kommenden Jahren noch weiter steigen wird. Hast du eine Erklärung dafür?
Neige: Die Welt ist manchmal so rau, für viele macht sie wahrscheinlich keinen Sinn mehr. Die Menschen suchen nach einem Sinn, was total normal ist. Religion kann hier eine Antwort sein, sie muss es aber nicht. Dann der Faktor Stress, der in dieser Zeit unweigerlich dazu kommt. Alles, was wir hier tun, hat ja im Grunde keine Bedeutung. Für manche Leute ist es jedoch wichtig, eine Bedeutung im Leben zu haben. In Zeiten wie diesen ist es für mich kein Wunder, dass diese Zahl weiter steigen wird.subtext.at: Die Welt ist manchmal ein fürchterlicher Ort, wie du sagst. Dann gibt es Leute, die sich dagegen auflehnen und mit ihrem Licht die Dunkelheit zurückdrängen möchten. Dieses Gefühl hatte ich, als ich Alcest mit „Shelter“ kennengelernt habe. „Spiritual Instinct“, euer aktuelles Werk, fühlt sich für mich wie ein weiteres Puzzlestück an, welches ihr hinzugefügt.
Neige: Ich teile diese Ansicht, doch. Diese Metapher finde ich auch passend. „Spiritual Intinct“ hat die Düsternis und das Licht, „Shelter“ hingegen nur das Licht. (überlegt) Das war auch der damalige Gedanke, mit dem Album einen fiktiven Ort zu schaffen, an dem du dich sicher und geborgen fühlst. „Spiritual Instinct“ ist mehr down to earth… Man ist sich dessen bewusst, dass die Lage nicht immer rosig aussehen wird. Für mich symbolisiert die Sphinx auf dem Cover sehr gut, was das Album bereithält. Die Figur ist sehr filigran, elegant, drückt Melancholie aus, besitzt die Flügel eines Engels und dennoch verströmt sie auch etwas sehr Primitives, Gefährliches. (überlegt) Im Grunde geht es um meinen Weg, eine Balance zwischen diesen beiden Polen zu finden. Einen Ort zu finden, an dem ich sein kann, wie ich bin. Den habe ich bislang nicht wirklich gefunden.

subtext.at: Stand denn im Vorhinein fest, wohin die Alcest-Reise diesmal hingehen wird?
Neige: Im Prinzip schon. Wenn ich ein neues Album in Angriff nehme, dann lege ich mir ein Konzept zurecht. Visuell vor allem, was ich mit dem Album sagen und ausdrücken möchte und dann auch musikalisch. Meist habe ich zwei, drei Songs, die das Konzept der kommenden Platte irgendwie vorgeben. Dann fügt sich eins zum anderen.

subtext.at: Das klingt, als wärst du schnell und produktiv, wenn es darum geht, dir ein neues Konzept zurechtzulegen.
Neige: Normalerweise arbeite ich eigentlich eher langsam. Bei diesem Album war die Lage jedoch anders. Ich war sehr müde, die vielen Tourneen, dann immer von zu Hause entfernt zu sein… Ich habe mich von mir selbst entfernt, wenn man so will. Als ich dann „Protection“ geschrieben habe, war es so, als müsste dieser Song raus. Es war sehr dringend. Er wurde in wenigen Stunden geschrieben. Ein absolutes Novum für mich.


subtext.at: Es ist also bereits da, man muss es nur rausholen, es herauslassen.

Neige: Genau. Wenn etwas so schnell entstehen kann, dann muss es authentisch sein.

subtext.at: Andernfalls muss man länger suchen und graben, bis man etwas findet, was es wert ist, herausgebracht zu werden.
Neige: Das stimmt auch. Das kommt dann im Laufe der Entstehung hinzu. Deswegen ist es hilfreich, ein Konzept zu haben, weil es einen unterstützt.

subtext.at: Oft im Leben müssen wir mit Entscheidungen ringen, die wir Aufgrund von Informationen treffen. Nichtsdestotrotz ist das wichtigste Hilfsmittel unser Bauchgefühl. Würdest du dem zustimmen?
Neige: Ich könnte dem nicht mehr zustimmen. Unsere Intuition ist etwas, auf das wir mehr Wert legen sollten. Manchmal rät dir dein Bauchgefühl etwas, doch dein Kopf stellt sich quer. Im Nachhinein merkst du, dass deine Intuition richtig war, hättest du nur auf sie gehört. Und du so: „Fuck!“ Warum habe ich nicht auf mein Bauchgefühl gehört (lächelt)? Du kannst dir so viel Wissen über Esoterik und Spiritualität aneignen wie du möchtest, doch es wird nicht viel helfen, wenn du nicht auf dein Bauchgefühl, deinen Instinkt und deine Intuition hörst. Das ist das wichtigste.

subtext.at: Musstest du diese Erfahrung erst lernen oder war es bei dir immer schon der Fall, dich auf deine Intuition zu verlassen?
Neige: Schon immer. Ich bin eine sehr sensible Person, was das anbelangt.

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subtext.at: Du lässt dich also gerne von deiner Intuition leiten. Dennoch musst du ja auch gewisse Dinge planen, wenn ein neues Album ansteht. Muss man da nicht eher Kopfmensch sein, um etwaige Fehler, Probleme und Hindernisse aus dem Weg zu räumen?
Neige: So lange die Kreativität gegeben ist, wenn man an einem neuen Album arbeitet, an neuen Songs, da grätscht nichts rein Der Prozess ist authentisch, intuitiv und pur. Wenn der Release ansteht, dann kommt die andere Seite hinzu: Promotion, Business und die Tour. Die Seite gibt es auch, klar, es ist mein Job sozusagen und ich bin mir auch dessen bewusst, aber vom eigentlichen Prozess trenne ich diese Gedanken. Der Inhalt muss unverfälscht bleiben, ganz egal, was mein Freund, die Presse oder unser Label vom Endprodukt halten. Kümmer dich nicht darum, zieh dein Ding durch.

subtext.at: Das klingt so, als würden sich Alcest immer mehr vom Druck lösen, der mit jedem neuen Album auf der Band lasten muss.
Neige: Im Gegenteil. Mit jedem neuen Album wächst der Druck. (überlegt kurz) Man will die Leute nicht enttäuschen. Ich war auch noch nie jemand, der besonders selbstbewusst jeder neuen Veröffentlichung entgegensieht. Wenn die Songs entstehen, fühle ich, dass sie selbstbewusst genug sind, um mit der Öffentlichkeit geteilt zu werden. Wenn es dann allerdings soweit ist, dann schlafe ich eine Woche lang nicht richtig. Ich habe Angst, dass sie es nicht mögen werden. Ich habe Alpträume und fürchte mich schon, wenn das nächste Album ansteht (lacht).

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subtext.at: Die Musik von Alcest zeichnet sich ja einerseits durch diese dunklen, härteren Metal-Parts aus, andererseits durch die melodischen, elegischen Soundscapes. Mit jeder neuen Veröffentlichung fragt man sich, welche Seite diesmal mehr zum Vorschein kommen wird.
Neige: Es ist tricky, ja. Ich höre selbst keine extreme Musik mehr, weil ich mich meistens mit Pop, Indie und Electronic beschäftige. Black Metal, mit dem wir ja auch stets in Verbindung gebracht werden, höre ich nur noch ziemlich selten. Es ist nicht einfach, aber man muss eben auf sein Gefühl hören. Wenn ein Schrei dem Song gut tut, dann schreie ich (lacht). Wenn mir mein Gefühl sagt, die nächste Platte wird soft und poppig, dann ist das eben so. Bei der Entstehung mache ich mir keine Gedanken, wie es dem Publikum gefallen wird. Dieser Schritt kommt erst später.

subtext.at: Wie bringst du den anderen in der Band deine Ideen und Vorstellungen näher?
Neige: Ich schreibe alle Songs. Nur Winterhalter, unser Drummer, ist Teil der Band. Die anderen beiden sind nur Musiker, die uns auf Tour live begleiten. Sie bekommen das Material, wenn es fertig ist – wie alle anderen. Winterhalter kenne ich schon lange, wir haben sehr unterschiedliche Meinungen, was hilfreich ist, weil wir uns deswegen ergänzen. Wie Feuer und Wasser oder Erde und Luft. Eine perfekte Symbiose.

subtext.at: Mir ist bei meiner Recherche aufgefallen, dass ihr eine extreme Fanbase habt.
Neige: Extrem, ja. Wirklich extrem. Es gibt Fans, die lassen sich unsere Artworks auf den kompletten Körper tätowieren. Oder mein Autogramm. Strange shit (lächelt).

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Titelfoto: Nuclear Blast

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