Geister und groteske Grazien

Geister und groteske Grazien

Er sei nur in Linz, weil er wahrscheinlich die falsche Bühne erwischt hätte. Das meint das „Gespenst des Kommunismus“ zum „Geist von Hamlets Vater“, der fürchtet, in der Hölle gelandet zu sein. Ganz so schlimm, wenngleich grotesk, geht es im Vereinshaus der KPÖ aber nicht zu. In Palms Theaterstück „Ein Sommernachtstraum oder Badewannengriffe im Preisvergleich“ proben dort drei Kupfermuckn-Verkäufer den „Sommernachtstraum“. Da sie wenig Lust zum Textlernen haben, räsonieren sie lieber über (Sozial)Politik, Kultur oder Medien. Den Anfang machen Badewannengriffe.

Eine Kombination aus Baustelle mit herumstehender Leiter, Kisten sowie jeder Menge Staub und altem Veranstaltungsort mit Vorhang, Radio und Plattenspieler, dazu ein Aktenkasten mit Protokollen und gesammelten Werken von Marx  (Bühnenbild: Michaela Mandel)- An diesem Platz ergeben Spuren der Geschichte, Politik und des Kommunismus ein Bild, das um Requisiten wie Wahlsprüche auf Plakatständern oder eine stehengebliebene Wanduhr ergänzt wird. Bis dass Bertl (Ferry Öllinger), Rudi (Karl Ferdinand Kratzl) und Lindi (Georg Lindorfer) jedoch merken, dass sie in ein Zeitloch gefallen sind, vergehen einige Stunden. In denen sie sich in der Melicharstraße treffen und Shakespeares „Sommernachtstraum“ für ein Obdachlosen-Theaterfestival proben oder vielmehr proben wollen, da ihnen ständig etwas dazwischenkommt. Ob ein noch nicht gelernter Text, Hunger, als interessanter empfundene Gespräche, Anrufe oder ungebetene Besucher – Es werde immer skurriler, merkt Bertl an, als ein schweigender Detektiv mit Lupe, ein Mann mit Diaprojektor (für Vorträge über Thesen von Marx) und schließlich der personifizierte Tod (alle Tom Pohl) bei der KPÖ auftauchen.

Der ist wie alle Figuren in „Ein Sommernachtstraum oder Badewannengriffe im Preisvergleich“ nicht furchteinflößend, sondern bringt die Theaterbesucher_innen mit Schleier, blinkenden Schuhen (Ausstattung: Michaela Mandel und Antje Eisterhuber) und „Lied vom Tod“-Klingelton zum Lachen. Hinzu kommen eine mechanisiert klingende Stimme und das Anzetteln einer Polonaise, die auf das zu viele Hören von Radio Arabella zurückgeführt werden könnte.

Das ist zugleich einer von vielen Seitenhieben in Palms Polit-Groteske. Rudi hat etwa bereits eine Rezension zum gemeinsamen Theaterstück geschrieben, da das jetzt Usus wäre, um Kulturjournalist_innen Arbeit abzunehmen. Die Besucher_innen lachen, wohl auch wegen des Eigenlobs für die Darbietung, und geben neben dem personifizierten Tod Witzen und pointierten Linz-Bezügen Zwischenapplaus. Während Aussagen über die Linzer Theaterszene oder die bis vor kurzem noch frauenlose Landesregierung harmlos sind, gehen andere Äußerungen zur Stadtwache oder zu Politikern wie Strache und Haimbuchner einen Schritt weiter in Richtung Unbequemlichkeit.

Palms (*1955, Roman „Bad Fucking“) Regie ist hier weniger stark als der Text selbst zu verorten. Brisante Themen wie der Islamische Staat,  der Umgang mit Religion (en) etc. sind so verpackt, dass sie Besucher_innen weder überfordern noch verärgern. Ebenfalls ein Stück weit auf Sicherheit und das Abdecken möglichst verschiedener Geschmäcker setzen die Tanzeinlagen und Musik. Sie inkludiert den bekannten Tanz von Alexis Sorbas aus „Zorba le grec“, arabische und volkstümliche Elemente (Musikgestaltung: Armin Lehner), stilsicher performt von einem Live-Musiker-Duo (Hasan Ibrahim, Marco Mrčela).  Die ihrerseits zu spät eintreffen und für die musikalische Untermalung des „Sommertraum“ zuständig sind. Darüber hinaus begleiten die beiden Musiker auch eine Szene, in der die „drei Grazien Bertl, Lindi und Rudi“ (Palm)  über Träume, das Leben und den Tod sprechen. So angesetzt, dass sich der ernst anmutende Part zwischen all dem Humor, dem Absurden und der Satire kaum entfalten kann und langatmig wirkt.

Trotz dieser Szene, die das Stück nicht nötig gehabt hätte, kommt das Ende dann abrupt. Die drei Charaktere, die laut ihrem Autor „das reale Leben in Linz repräsentieren“ (Dialekt und teils volkstümliche Kleidung inklusive) sind wieder mitten im Proben. Vielleicht gibt Shakespeares Original tatsächlich keinen einprägenden Schlusssatz für „Ein Sommernachtstraum oder Badewannengriffe im Preisvergleich“ her, letzteres ist insgesamt dennoch ein kurzweiliges Gute-Laune-Stück. Belohnt mit einem heiteren Theaterpublikum und langem Schlussapplaus.

„Ein Sommernachtstraum oder Badewannengriffe im Preisvergleich“ wird zunächst von zehnten bis zwölften Februar, jeweils um 19.30 Uhr, im Theater Phönix aufgeführt.

Weitere Infos finden sich auf der offiziellen Page des Theater Phönix Linz

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geschrieben von

Katharina ist Sozialwissenschaftlerin und Redakteurin. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen (z.B. frauenpolitischen) und kulturellen (z.B. Film, Theater, Literatur) Themen. Zum Ausgleich schreibt sie in ihrer Freizeit gerne literarische Texte: https://wortfetzereien.wordpress.com/

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