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JÜRGEN VOGEL: „Manchmal ist es auch ganz gut, oberflächlich zu sein“

JÜRGEN VOGEL: „Manchmal ist es auch ganz gut, oberflächlich zu sein“

Eigentlich sah es die Planung vor, Jürgen Vogel in ein Personality-Interview zu verstricken, schließlich gehört er zu den gefragtesten deutschen Darstellern überhaupt. Es gibt bestimmt viel zu erzählen. Daraus wurde nichts, da Vogel nur über seinen neuesten Film sprechen möchte. Nun, warum nicht, schließlich ist „Gnade“ von Matthias Glasner ein hervorragendes Schuld-und-Sühne-Movie geworden.

So einer wie Jürgen Vogel, der steht doch ständig unter Strom. Falsch gedacht! Im Gespräch mit subtext.at wirkt er herrlich losgelöst und entspannt. Er spricht generell leiser und bedächtiger, als man es sich im Vorhinein vorstellt. An den richtigen Stellen wird’s auch mal witzig. Auch wenn er nicht über sich selbst sprechen möchte, so erfährt man doch allerhand Wissenswertes über die Gedankengänge des 44-jährigen Schauspielers.

Kurz zum Film: Schuld, Sühne & Vergebung – Motive, die Regisseur Matthias Glasner in seinem neuen Film aufgreift, vermengt und gekonnt in kühles Licht taucht. „Gnade“, so der Titel, zeigt ein Pärchen auf Sinnsuche. Im kalten Norwegen wollen Niels (Vogel) und Maria (Birgit Minichmayr) ihrer Liebe eine neue Chance gönnen. Während sie sich in ihre Arbeit stürzt und Doppelschichten im Krankenhaus nie ablehnt, flüchtet sich Niels in eine Affäre mit einer Kollegin, die ihm das gibt, was Maria zu diesem Zeitpunkt nicht fähig ist zu geben: Nähe und Intimität. Erst als Maria eines Nachts unabsichtlich ein junges Mädchen mit dem Auto anfährt, ändert sich die Situation.

In der ersten Hälfte des Films vereint Glasner landschaftliche wie emotionale Kälte und Kargheit. In der zweiten bricht die Atmosphäre auf, die Sonne kehrt nach Norwegen zurück auch die Charaktere tauen merklich auf – im Zuge einer Tragödie.

subtext.at: Jürgen, heilt die Zeit alle Wunden?
Jürgen Vogel: Prinzipiell glaube ich schon, das Zeit gut tut. Alle Wunden heilen? Nee, das glaube ich wiederum nicht. Es ist ja auch nicht das Ziel. Ich bin davon überzeugt, dass man lernt, über einen gewissen Zeitraum besser mit Sachen klar zu kommen. Wir denken ja immer, dass bestimmte Sachen irgendwann wirklich weg sind. Das ist eine Illusion. Es gibt Dinge, die gehen nicht weg. Du lernst aber, besser damit umzugehen – wenn du akzeptiert, dass es nicht weggeht. (hält kurz inne und grinst) Weiß ich, hab schon Therapien gemacht und so. (lacht) Kannst mir glauben.

subtext.at: Die beiden Hauptfiguren im Film, der von dir verkörperte Niels und Maria, gespielt von Birgit Minichmayr, versuchen in Norwegen ihrer Beziehung eine zweite Chance zu geben. Müssen wir die Liebe oder unser Glück in uns selber suchen oder ist das ortsabhängig?
Jürgen Vogel: Im Zusammenhang mit Liebe ist es interessant, weil ich mal etwas darüber gelesen habe. Es wurden ganz viele Paare interviewt, die ganz lange zusammen sind. 80-jährige Menschen, wie die das machen, 60 oder 70 Jahre zusammen zu sein. Die Auswertung dieser ganzen Interviewreihe hat am Schluss ergeben: Die meisten Paare hatten immer gemeinsame Ziele. Dazu gehörten auch manchmal Veränderungen. Sie haben sich gewünscht, aufs Land zu ziehen und das haben sie auch gemacht. Auf lange Sicht hat ein gemeinsames Ziel dazu beigetragen, dass sie sich verbunden gefühlt haben. Selbst wenn sie sich mal voneinander wegbewegten, hat es sie dennoch zusammengeschweißt. Und auch in Etappen: Mal ist es die Familie, dann wieder etwas Neues. Das fand ich relativ interessant. Insofern kann das auch gebunden sein an einen Ort, aber am Schluss sind es wir selbst. Am Schluss hat es auch ganz viel mit uns selbst zu tun.

subtext.at: In „Gnade“ gibt es für mich nicht die klassische Opfer-Täter-Situation, obwohl die Figur der Maria ein Mädchen mit dem Auto anfährt und diese daraufhin stirbt. Man stellt sich unweigerlich vor, wie man selbst in solch einer Situation reagieren würde. Macht das einen guten Film aus?
Jürgen Vogel:
Ich finde das gut, wenn es ein Erlebniskino ist. Wenn du alles durchspielst und auch die Zeit dazu hast, bist du sehr nah an den Menschen dran, in sämtlichen Perspektiven. Du kannst dir eine Meinung dazu bilden – wenn der Raum überhaupt da ist. Das mag ich sehr. Ich finde es gut, wenn ein Kinofilm Freiräume hat und nicht alles 100% klar ist. Für jeden, der da drin sitzt, soll es unterschiedlich sein. Die Leute lachen nicht an der gleichen Stelle, weinen nicht an der gleichen Stelle. Jeder hat einen anderen Punkt, der ihn vielleicht berührt – oder auch nicht. Du kannst die Leute natürlich auch steuern, wie du das schreibst, wie du spielst, sie manipulieren. Wir wollten das nicht und haben das extra ein bisschen anders gemacht.

subtext.at: Der Unfall, so tragisch er auch ist, hilft Maria und Niels, ihre Sprachlosigkeit zu überwinden. Dadurch finden sie erst zueinander. Du hast einmal gesagt, dass wenn man nicht mehr miteinander redet, dann „kann das alles in den Arsch gehen“.
Jürgen Vogel: (lacht) Ähm, ja.

subtext.at: Warum fällt es manchen so schwer, über ihre Gefühle zu reden?
Jürgen Vogel:
(überlegt) Generell muss man sagen, dass es bei manchen Menschen sehr schwierig ist, diese Möglichkeit zu akzeptieren, das wir uns ändern können. Nur wir selbst sind dazu in der Lage, fast alles zu erreichen, was wir wollen. Gerade in diesen zwischenmenschlichen Dingen, wenn wir dazu bereit sind, Dinge zuzulassen und zu verändern. Das wollen die meisten Menschen nicht. Instinktiv deswegen, weil sie Angst davor haben. Veränderung bringt Angst. Bestimmte Abläufe oder Dinge, die man immer wieder gleich macht, bringen einem irgendwie ein komisches Gefühl von Sicherheit.

Menschen wissen auch instinktiv, dass wenn sie bestimmte Gespräche führen, das Endergebnis sein könnte, Dinge anders machen zu müssen. (überlegt) Oder können. Das macht ihnen Angst, also reden sie nicht darüber. Es gibt ganz viele Sachen, bei denen Leute Konflikte haben und meint „Sag das doch dem oder so“. Als Antwort bekommt man „Nee, das bringt ja eh nichts, der wird sich nie ändern. Selbst wenn ich es ihm sage, das ändert es nicht. Es ist total anstrengend und darauf habe ich jetzt keinen Bock“. Und ich so „OK, aber sag es doch mal, damit du wenigstens für dich den Schritt getan hast und es wenigstens gesagt ist. Wer weiß, du gibst dem anderen halt eine Chance. Du kannst es ja jetzt gar nicht sagen, dass er sich nicht ändert, weil er nicht mal eine Chance hat.“ Die Menschen reden dann nicht, auf beiden Seiten. (überlegt kurz) Ich kann dir nicht sagen warum, aber ich glaube, dass das ein Riesenproblem ist. Auf jeden Fall.

subtext.at: Wie gehst du mit Leuten um, die viel reden aber wenig sagen?
Jürgen Vogel: (überlegt) Ich bin da nicht so streng. Ich versuche, Menschen nicht danach zu beurteilen, was sie Schlechtes tun oder was gerade nicht so gut ist, sondern eher was sie Gutes getan haben. Weißt du, es gibt Tage, da quatscht man nur Quatsch. Das kenne ich von mir selber auch. Und das ist dann auch gut. Manchmal ist es auch ganz gut, oberflächlich zu sein. Dummes Zeug machen und das Leben auf eine andere Art genießen. Ein bisschen Leichtigkeit und so. Ab und zu ist das ganz gut. Wir können nicht nur anspruchsvolle Gespräche führen, da würden wir verrückt werden. (lächelt) Davon bin ich überzeugt. Weil der Mensch an sich nicht dazu geschaffen ist, so zu sein. Wir sind halt alles zur gleichen Zeit: Manchmal doof und manchmal schlau. Ich würde jetzt nicht sagen „Das ist jetzt ein Idiot“. Nicht wirklich, nein.

subtext.at: Niels geht im Film oft fischen, wofür man Geduld braucht. Ist Jürgen Vogel ein geduldiger Mensch?
Jürgen Vogel: Ja, nicht in allem, aber ich finde das schon ganz gut und genieße es. Es gibt Sachen, mit denen man sich beschäftigt, die lange dauern, wo andere meinen „Da hätte ich schon längst aufgegeben“. Da bin ich doch relativ geduldig. Angeln kann ich ganz gut, das ist nervlich irgendwie ganz schön. (lacht) Du wartest halt auf den Fisch.

Zu guter Letzt – Jürgen Vogel im Word-Rap:

über das Verzeihen: „Vergebung passiert. Wenn auch sehr selten.“

über Vergeltung: „Seit dem 11. September sind wir weltweit noch mehr in dieser Spirale der Vergeltung und des Hasses. Man muss es sich vorstellen: Wenn eine deutsche Bundeskanzlerin sagt, es sei schön, dass Osama Bin Laden jetzt tot ist, ist das staatlich eine große Frage. Auch ethisch, ob man so etwas überhaupt machen und so sagen kann.“

über… „Gnade“: „Wir erzählen mehrere Sachen, die mit dem Leben zu tun haben und manchmal miteinander verknüpft sind.“

über… die Charaktere im Film: „Ich mochte es, wie sich die Figuren entwickeln.“

über… die Norweger: „Sie sind wahnsinnig hilfsbereit. Gerade bei Pannen und solchen Sachen. Die lassen auch alle in ihren Häusern Licht an, wenn sie da sind, damit man weiß, da ist jemand und es ist bewohnt. Da kannst du hin, wenn irgendetwas ist.“

über… das Ende von Beziehungen: „Vorbei ist, wenn es vorbei ist. Das spürt man.“

Links & Webtips:
gnade-derfilm.de
alamodefilm.de
thimfilm.at

Foto: Alamode Film, Jakub Bejnarowicz

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