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Gurlitt und die Linzer Kunstwelt

Wolfgang Gurlitt ein raffinierter Kunsthändle,r der die Linzer Kunstlandschaft stark prägte. Sein Wirken rund um das Kunstmuseum Lentos wird in der aktuellen Ausstellung „Wolfgang Gurlitt Zauberprinz“ in Form von 550 Exponaten veranschaulicht. Zeitgleich beschäftigt sich auch das Nordico mit einem ähnlichen Teil der Geschichte. 

Sich seiner Vergangenheit zu stellen und Verantwortung dafür zu übernehmen ist mitunter eines der mutigsten Dinge, die jemand machen kann. Eine Portion extra Mut benötigt es dann, wenn die eigene Vergangenheit im engen Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus steht- wie es beim Lentos Kunstmuseum Linz der Fall ist. Die aktuelle Ausstellung „Wolfgang Gurlitt Zauberprinz“ beschäftigt sich nicht nur mit der problematischen Geschichte der Person, sondern auch mit den Auswirkungen auf das Museum.

Der „Zauberprinz“ ist als Initiator der Neuen Galerie (heute LENTOS) bekannt. 1946 stellte er seine Privatsammlung dem Museum für zehn Jahre unentgeltlich zur Verfügung. Sieben Jahre später (1953) kaufte die Stadt Linz einen Teil seiner Sammlung (78 Gemälde und 33 Grafiken) und gründet die „Neue Galerie der Stadt Linz, Wolfgang-Gurlitt-Museum“ als städtisches Museum für moderne Kunst. Soweit ist hier nichts Verwerfliches daran, viele große Galerien haben ihren Ursprung, indem sie Kunstwerke von Sammlern kauften oder liehen. Es geht jedoch um die persönliche Geschichte von Wolfgang Gurlitt.

Wolfgang Gurlitt, Foto: Fotoarchiv LENTOS Kunstmuseum Linz

Der schillende Kunsthändler und Sammler stammt aus einer sehr kunstaffinen Familie, schon sein Großvater Louis Gurlitt war ein bekannter Landschaftsmaler und sein Vater Fritz Gurlitt gründete 1880 eine Kunsthandlung in Berlin. Der 1888 geborene Wolfgang übernahm 1912 die Leitung der Kunsthandlung, nachdem sein Vater gestorben ist. Wolfgang führte das moderne Galerieprogramm seines Vaters fort und konnte Exklusivverträge mit Künstlern wie Pechstein und Lovis Corinth machen. Auch seinen lebenslangen Freund Oskar Kokoschka lernte er in dieser Zeit kennen. Auf Grund eines Herzleidens war Gurlitt nicht lange im Kriegseinsatz und konnte sich weiter dem Ausbau der Galerie und dem Aufbau der „Gurlitt-Presse“ widmen. 1918 heiratet Gurlitt seine erste Frau Julia Goob, durch sie lernte Gurlitt auch seine spätere Geliebte und Geschäftsführerin Lilly Agoston kennen. Gurlitt etablierte sich zusätzlich zur Galerie auch mit illustrierten Büchern. In dieser Zeit lernte er auch Alfred Kubin kennen. Um 1928 die Konsequenzen eines Konkurses zu minimieren, ernannte Gurlitt Lilly Agoston zur neuen Inhaberin der Galerie. Nach der Scheidung mit Julia Goob heiratete er seine Sekretärin Käthe von Salzen und bekam zwei Töchter Maria und Angelina.

Während dem Nationalsozialismus verhalf Gurlitt dem Künstler Eric Isenburger bei seiner Flucht nach Frankreich, dieser musste seine Werke zurücklassen und überließ diese Gurlitt. Um die Jüdin Lilly Agoston von den Nationalsozialisten zu beschützen, arrangierte Gurlitt für sie eine Scheinehe mit einem dänischen Bekannten. So konnte Sie als Ausländerin nach Berlin zurückkehren und an NS-Kunstgeschäften teilnehmen. Gurlitt selbst wurde von der NSDAP in Berlin als „unzuverlässiger Vierteljude“ eingestuft, trotzdem hatte er die Möglichkeit in das Devisengeschäft mit „entarteter“ Kunst einzusteigen. Zusätzlich versuchter er sich als Einkäufer im Name des „Sonderauftrages“ für das „Führermuseum“ in Linz. In dieser Zeit konnte der Kunsthändler sein Repertoire mit zwangsenteigneter Kunst erweitern. Um seine Bestände vor weiteren Bombenangriffen zu bewahren, verlegte er sein Lager von Berlin nach Bad Aussee.

Pechstein – Hängematte, Foto: Elke Walford, Fotowerkstatt Hamburger Kunsthalle

Nach der Gründung er neuen Galerie wurde Gurlitt als ehrenamtlicher Direktor ernannt, zusätzlich konnte er die Galerie laut Vertrag auch als Verkaufsgalerie nutzen. Die erste Ausstellung in Linz zeigt die Werke von Alfred Kubin und erzeugt großes mediales Interesse. Es folgten weitere erfolgreiche Ausstellungen wie etwa von Kokoschka. Ein weiterer Wunsch von Gurlitt wäre die Leitung der neu gegründeten Kunstschule in Linz gewesen. Gurlitt schenkte nach dem Ableben von Lilly Ageston der Stadt Linz 33 Zeichnungen und Aquarelle aus ihrer Sammlung. Sie selbst geht als Mitbegründerin in die Geschichte der „Neuen Galerie der Stadt Linz, Wolfgang-Gurlitt-Museum“ ein. Später überließ Gurlitt Walter Kasten die Direktion des Museums in Linz und wagte einen Neustart in München – und eröffnete dort eine Galerie in den Hofgartenarkaden. Der Künsthändler galt als ausgezeichneter Netzwerker und pflegte ausgezeichnete Kontakte zu vielen Museen im deutschsprachigen Raum. Mit 77 Jahren verstarb er 1965 in München an einer Lungenentzündung.

Durch sein Werken in Linz vermachte er der Landeshauptstadt nicht nur ein glanzvolles, sondern auch problematisches Erbe. Seine Verbindungen zum Nationalsozialismus und der Handel mit beschlagnahmter Kunst hinterlassen auch heute noch Spuren. In der Zeit als Direktor in Linz zeigte Gurlitt 100 Ausstellungen, wo neben den bereits erwähnten Künstlern auch Meister wie Walt Disney, Chagall, Moore, Piccasso, Barque oder Redon vertreten waren.

Der Linzer Bürgermeister Ernst Koref war einer der wenigen, jedoch bestimmenden Akteure, die damals Gurlitt als Initiator und Direktor der Neuen Galerie in Linz befürworteten. Durch das Engagement wurde er unter anderem mit der Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft belohnt, wo er einen eidesstattliche Erklärung gab, nie Mitglied einer der nationalsozialistische Organisationen gewesen zu sein. Und das, obwohl er klar durch die Zwangsenteignungen von Jüd*innen profitierte und in seiner Sammlung viele Raumkunstwerke vertreten waren. Die Stadt Linz forscht seit 1999 nach den rechtmäßigen Besitzer*innen der „Gurlitt Sammlung“ und konnte bereits 13 Werke zurückgeben. Nicht nur die Herkunft der Werke, sondern auch die weiteren dubiosen Kunstver- und ankäufe und die Bewerbung seiner privaten Veranstaltungen führte zur einer Zerrüttung der Beziehung zur Stadt Linz, was sich bis zu einem Treffen vor Gericht hochschaukelte. Gurlitt gewann den Rechtstreit über den Namen, somit hieß die Galerie „Neue Galerie der Stadt Linz“ „Wolfgang-Gurlitt-Museum“ bis zur Gründung des LENTOS Kunstmuseum Linz.

Foto: maschekS.

Die aktuelle Ausstellung bildet in Form von 550 Werken von 100 Künstler*innen das Leben von Wolfgang Gurlitt alias „Zauberprinz“ wieder. Die Ausstellung ist liebevoll bis ins Detail durchgeplant. Neben Werken von Kokoschka und Kubin findet man auch Exponate von Walt Disney und Schiele. Auf zwei Stockwerken kann man in die Geschichte eines Kunsthändlers eintauchen und bekommt einen facettenreichen Einblick über die Historie des Kunstmuseums in Linz.

Wie anfangs erwähnt, finde ich es persönlich besonders mutig vom Kunstmuseum Lentos, sich mit der eigenen, doch sehr problematischen Geschichte zu beschäftigen und diese in Form einer sehr gelungenen Ausstellung auch zu präsentieren. Die Ausstellung beschäftigt sich meiner Meinung nach mit den reinen Fakten und bleibt neutral – ohne irgendetwas zu beschönigen. Besonders bemerkenswert finde ich immer noch das riesige Netzwerk, welches sich Gurlitt in den Jahren angeeignet hatte, welches über die deutschsprachigen Grenzen bis nach Amerika reichte. Wer sich mutig der zeitgenössischen Geschichte von Linz einigen Stunden widmen möchte -dem kann ich die Ausstellung im Lentos nur empfehlen. Passend zu dieser Thematik findet im Nordico gleichzeitig die Ausstellung „Das Stille Vergnügen – Meisterzeichnungen aus der Sammlung von Justus Schmidt“ statt, wo man auf eigene Faust in den Archivschränken nach den Zeichnungen suchen darf.

Foto: maschekS.

Wer in den Feiertagen Lust auf die Ausstellung bekommen hat – bis zum 19.Jänner läuft die Ausstellung „Wolfgang Gurlitt Zauberprinz“ noch.
Informationen zu der Ausstellung und den Öffnungszeiten findest du hier.

Alle Fotos: Lentos Presse

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Konzerte - Filme - Bücher - Musik - Kunst // Sozialarbeiterin - Veranstalterin - Redakteurin - Fotografin

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