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Onlineabstimmungen und feministische Hacker_innen: Die Kirche in 20 Jahren

Onlineabstimmungen und feministische Hacker_innen: Die Kirche in 20 Jahren

„Die Kirche wird in 20 Jahren weiblicher, jesuitischer und spiritueller sein- oder sie wird nicht mehr sein“, so lautet eine der Ausgangsthesen in „Alles oder nichts – Der große Wurf der Päpste“. Von der Flüchtlingsaufnahme im Vatikan über die Abschaffung des Zölibats bis hin zum Dritten Konzil- Andreas Salcher und Johannes Huber beschreiben, wie sich die Katholische Kirche unter dem Einfluss politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen bis 2035 verändern könnte.

Nach einem historischen Prolog werden die Ziele des Papstes Franziskus im Jahr 2013 geschildert. Drei Kapitel erzählen chronologisch, ob und inwiefern sich diese umsetzen lassen, welche Ziele hinzu- und wieder wegkommen. Die Grundlage für diese möglichen Entwicklungen der Katholischen Kirche sind nicht fiktiv, sie basieren auf 80 Expert_innengesprächen mit Vatikanjournalist_innen, Kardinälen, Ordensschwestern etc. Erzählt wird aus der Perspektive von Papst Franziskus und seiner Nachfolger.

Unter Franziskus werde es noch zu einer Modernisierung der Kirche kommen: Das Zölibat wird gelockert, der Vatikan nimmt Flüchtlinge auf. Die Anzahl der Kirchenmitglieder geht dennoch zurück, die Zulassung von Frauen zum Priesteramt scheint weit entfernt.
Anfang 2019 folgt ein US-amerikanischer Papst, der vor dem Priesterseminar Jura studiert hatte. Nach seiner zehnjährigen Amtszeit ist das Zölibat endgültig abgeschafft und die Kirchensteuer durch freiwillige Beiträge ersetzt worden. Gleichzeitig sind manche Diözesen insolvent, da sie hohe Schadenersatzzahlungen bei Missbrauch leisten mussten. Das ist jedoch nicht die einzige Herausforderung der Kirche: 2027 hacken Mitglieder einer feministischen Initiative die Webseite des Vatikans, rosa Rauch und Portraits von bedeutenden Frauen der Kirche sind das Ergebnis. 2028 verüben als Soldat_innen Getarnte einen Anschlag auf die päpstliche Universität in Lagos (Nigeria). Der Fundamentalismus nimmt zu und wird auf eine Formel gebracht, unter Selbstmordattentäter_innen finden sich bereits Zehnjährige.
2029 sind zwei Frauen an der Spitze von Kongregationen (Gemeinschaften der römisch-katholischen Kirche), ihr Einfluss erhöht sich und ist doch nach wie vor nicht gleichwertig mit demjenigen der Männer.
Mittlerweile leben 9 Milliarden Menschen auf der Erde, ihre Lebenserwartung kann bei 115 Jahren liegen. Der Nachfolger des Papstes Franziskus II kommt aus Indien, sein Staatssekretär aus Kongo. Dieses Kapitel der Zukunft der Katholischen Kirche ist von Wissenschaft und einem erneuten Modernisierungsschub geprägt: Die ersten Menschen landen auf dem Mars, ehemals verbotene Bücher werden in der Kirche erneut diskutiert. 2032 startet das Dritte Vatikanische Konzil. Getagt wird diesmal auf allen Kontinenten, die Vertreter_innen haben Kirchenmitglieder eingeladen, im Vorhinein über die gestellten Fragen zu diskutieren und online abzustimmen. Eines der Ergebnisse des drei Jahre dauernden Konzils ist, dass Frauen in Notsituationen Aufgaben eines Priesters übernehmen dürfen.

Änderungspotential

Die möglichen Zukunftsszenarien sind einerseits revolutionär (z.B. Abschaffung des Zölibats), andererseits gehen manche Entwicklungen wie die Zulassung von Frauen zum Priesteramt nur sehr schleppend voran und sind am Ende des Buches (noch) nicht abgeschlossen. Salcher, Autor (u.a. „Der talentierte Schüler und seine Feinde“) und Initiator mehrerer, internationaler Projekte (z.B. Waldzell Meetings), und Huber, Arzt, Theologe, Autor und ehemaliger Sekretär von Kardinal Franz König, verbinden die Gedanken ihrer Gesprächsteilnehmenden mit Hintergründen. Mit tatsächlich Passiertem, aber auch mit eventuell eintretendem Weltgeschehen. Die Berichte werden um historische Rückblicke, mögliche, zukünftige Zeitungsartikel und Presseaussendungen sowie um fiktive, kurze Erzählungen wie den Alltag einer Frau mit einem Priester als Partner ergänzt. Erfundene Inhalte sind als diese ausgewiesen und lockern „Alles oder nichts – Der große Wurf der Päpste“ auf. Bei dem Beispiel aus dem Alltag eines Priesters und seiner Partnerin ist (außer dem Hinweis auf fiktive Menschen) z.B. zu lesen: „Reich an Liebe, reich an Kindern und vor allem reich an Tränen und enttäuschten Hoffnungen“. Der poetische Schreibstil mit Stilmitteln wie Anaphern bildet einen Kontrast zum ansonsten sachlichen Stil, der auf Wertungen verzichtet. Begriffe wie „göttliche Fügung“ sind unter Anführungszeichen gesetzt.

Wertfreiheit?

Dem/der Lesenden wird mit Ausnahmen wie einem erwähnten Hilfsprojekt in der Danksagung keine Wertung vorgegeben. Das ist gerade bei Institutionen wie der Kirche, die selbst wertorientierend für den ein oder die andere sein können und kontrovers wahrgenommen werden, eine gute Umsetzung. Mit der Einleitung, Chronologie usw. sind auch ein roter Faden und Lesefluss gegeben, wobei viele Informationen in Fußnoten untergebracht sind. Der Hinweis rein erfundener Erlebnisse ließe sich vielleicht besser direkt vor als nach dem Text anbringen.
Nichtkirchenkenner_innen können im Buch über nicht definierte Begriffe wie Kongregationen stolpern. Vielleicht ist „Alles oder nichts – Der große Wurf der Päpste“ mit einer bestimmten Menge an Wissen über die Katholische Kirche und Religionen deutlicher an Zusammenhängen, dennoch kann das Buch genauso von Laien verstanden werden. Dazu braucht es auch nicht unbedingt ein Befürworten der Institution Kirche oder der Religionen. Von Vorteil ist ein Interesse für Entwicklungen in diesem Bereich. Nebenbei erfährt der/die Leser_in, wie potentielle Zukunftsszenarien in der Politik und Gesellschaft aussehen könnten.

Im Nachwort der beiden Autoren ist in der Ich-Perspektive unter anderem von Salchers religions-und kirchenkritischer Haltung und seiner Idee, dennoch oder gerade deshalb „Alles oder nichts – Der große Wurf der Päpste“ zu schreiben, zu lesen. Der Bezug von Hubers Worten auf das Buch ist hingegen weniger klar.

Fundamentalismus vs. Aufklärung

„Alles oder nichts – Der große Wurf der Päpste“ beschreibt alle möglichen Veränderungen auf verschiedenen Ebenen der Katholischen Kirche, nebenbei aber auch der Gesellschaft und Politik bis zum Jahr 2035. Die Welt werde vom „Krieg Fundamentalismus gegen Aufklärung“ geprägt sein, während die Kirche gar nicht mehr existiere, sofern sie nicht weiblicher, spiritueller und jesuitischer werde. Die vielen Informationen werden durch das Einbringen verschiedener Textformen wie Berichte in Zeitungen und kurze Erzählungen sowie damit einhergehende Stilwechsel gelockert. Abgeschwächt wird dies allerdings dadurch, dass sich diese Elemente verstärkt zu Beginn und vergleichsweise weniger am Ende des Buches finden lassen.

„Alles oder nichts – Der große Wurf der Päpste“ ist 2015 im ecowin Verlag erschienen. Die 256 Seiten sind gebunden um 21,95 € und als E-Book um 17,99 € zu erhalten.

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Katharina ist Soziologin und Sozialforscherin (P und P Sozialforschung). Darüber hinaus ist sie regelmäßig journalistisch tätig, z.B. in Form von Praktika (Radio Oberösterreich, Neues Volksblatt,...) oder freier Mitarbeit bei Redaktionen. Sie beschäftigt sich vor allem mit gesellschaftlichen und kulturellen Themen.

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