Diagonale/Pibernig

Diagonale 2021: Endlich wieder Kino

Auch heuer waren wir wieder auf der Diagonale dem Festival für den österreichischen Film. Trotz Corona und den Einschränkungen in der Produktion von Filmen gab es auch heuer wieder ein vielfältiges Programm welches darauf wartetete, um in den Grazer Kinos gezeigt zu werden.

Ankommen in Graz ist immer ein schöner Moment, der Flair der Stadt heißt Besucher*innen schon wenige Schritte nach dem Bahnhof willkommen. Nach dem Einchecken, Abholen der Presseunterlagen und der Befriedigung des größten Hungers, ging es bereits schon zur Eröffnung der Diagonale 21. Heuer aufgrund von Corona alles ein bisschen anders – zugewiesene Sitzplätze, Maskenpflicht und die 3-G-Regel waren ab den ersten Moment treue Begleiter*innen während dem Festival. Eröffnet wurde das Festival mit dem neuen Film von Arman T. Riahi „Fuchs im Bau“.

Fuchs im Bau

Hannes Fuchs, gespielt von Aleksandar Petrović, beginnt seinen Dienst als Lehrer in einer Jugendstrafanstalt. Gemeinsam mit seiner Kollegin Elisabeth Berger (gespielt von Maria Hofstätter) hat er die Aufgabe eine Gruppe junger Menschen für ihre Zukunft außerhalb der Haft schulisch vorzubereiten. Dass dies so einige Konflikte mit sich bringt, ist vorprogrammiert. Der Filmemacher gibt uns mit seinem zweiten Spielfilm einen guten Einblick in den Alltag in der Justizanstalt und die vielfältigen Probleme der Jugendlichen werden authentisch erzählt. Der Film wird noch diese Woche in die österreichischen Kinos kommen, deswegen möchten wir auch gar nicht mehr verraten.

Fuchs im Bau © Golden Girls Film

Dass auch das Eröffnungsfest wegen der Pandemie ins Wasser fällt, war klar, aber doch auch schade – als Entschädigung gab es eine gute Flasche Wein mit auf den Nachhauseweg. Oder für Festivalerfahrene: für die Parkplatzparty nach der Vorstellung. Gut gefühstückt ging es dann am Dienstag weiter.

Aufzeichnung aus der Unterwelt

„Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ erzählt von Kleinkriminellen der 1960er Jahre und ihren Bandenkriegen, sowie der Beziehung zur Polizei und den Erfahrungen im Gefängnis. Doch eigentlich erzählen sie selbst ihre eigene Geschichte, der Film besteht hauptsächlich aus Interviews mit Kurt Girk und Alois Schmutzer und deren Freund:innen und Verwandten, hin und wieder mit etwas Archivmaterial, um sich in die Zeit zurückzuversetzen. Der Film ist eine humoristische wie auch ernste Unterhaltung im Wirtshaus, er führt uns in eine Zeit zurück, dank der lebhaften Erzählungen seiner Protagonist:innen. Am Liebsten würde man den Geschichten der Personen mit einem Glas Spritzer und einer Tschick, bei ihnen am Tisch sitzend, lauschen.

Davos

Der kleine Ort im Schweizer Kanton Graubünden ist Weltbühne und Bauernstube zugleich. Früh schon als Luftkurort bekannt, später bei Skitouristen beliebt, ist Davos seit 1971 im Winter auch Austragungsort des Weltwirtschaftsforums (englisch World Economic Forum, kurz WEF). Was dieser Wanderzirkus an Staatsoberhäuptern, Firmenbossen, Lobbyisten und Presse für die gut 10.000 Einwohnerinnen und Einwohner des Bergdorfs auf 1500 Meter Seehöhe bedeutet, zeigen Julia Niemann und Daniel Hoesl im gleichnamigen Film. In den oft ruhigen Stadtansichten (man merkt, dass Hoesl Regieassistent bei Ulrich Seidl war) und vordergründig willkürlichen Episoden zeigt das Regieduo Einheimische wie Gäste und deren Wahrnehmungen des Ortes. Es geht um Themen wie Natur, Tradition, Wirtschaft, Globalisierung, Identität, Gemeinschaft und Selbstbestimmung.
www.davosfilm.com

Sargnagel

Eigentlich sollte Stefanie Sargnagels Buch „Fitness“ verfilmt werden, sowohl in echt, als auch im Film, geworden ist daraus ein mehr oder weniger fiktionaler Einblick in Stefanie Sargnagels Leben, der Film vermischt Mockumentary mit Fiktion mit einem wahren Kern. Der Schauplatz ist Wien, dessen Szene und dessen Kulturschaffende, jedoch auf (selbst)ironische Art und Weise, es wird sich über den Film selbst auf charmante Art lustig gemacht. SARGNAGEL ist Versammlungsort für die österreichische Kultur-High Society und lebt auch vor allem davon, dass man immer wieder bekannte Gesichter an bekannten Orten auf der Leinwand zu Gesicht bekommt.

SARGNAGEL © Anna Hawliczek / Carolina Steinbrecher

Die Premierenparty fand dann auch passenderweise vor dem Spar statt, irgendwelche klugen Menschen haben vorgesorgt und noch gekühltes Dosenbier besorgt und versorgten so die Kultur-High-Society. Authentizität muss man der Sargnagel eben lassen. Nächsten Tag war zwar kein Katerfrühstück angesagt, aber trotzdem wollten wir uns das gute Frühstück im Kunsthaus Graz Café nicht entgehen lassen.

Flammenmädchen

Bereits seit mehreren Jahren ist es üblich, dass der neueste ORF-Landkrimi auf der Diagonale gezeigt wird. Die Regisseurin Catalina Molina erzählt mit ihren dritten Landkrimi die delinquenten Geschichte von der 16-Jährige Sophie (Annika Wonner). Als anonymer Feuerteufel setzt sie ein ganzen Dorf in Schrecken und Panik, als dann auch noch eine Leiche in einem der abgebrannten Häuser gefunden wird, schaltet sich auch der der Kommissar Martin Merana (Manuel Rubey) ein, um der Postenkommandantin Franziska Heilmayr (Stefanie Reinsperger) bei der Aufklärung des Falles behilflich zu sein. Überraschend war für mich vor allem die Filmmusik – wo junge, heimische Musiker*innen wie Kerosin95 und Soap & Skin zum Einsatz kamen. Hätte ich im Vorfeld von einer Landkrimi Produktion nicht gedacht.

Innovatives Kino Programm 5:

Das Programm zeigt vier Filme, die alle auf ihre Art Kritik am kapitalistischen System üben.

All now, All Free!
Massenhaft Pakete wurden bei Amazon bestellt, nur um aus der Verpackung etwas zu basteln und die bestellten Dinge wieder zurückzuschicken. Amazon liefert dir alles und nimmt wieder zurück, nur um meistens die zurückversandten Dinge sowieso wegzuwerfen, da die Waren oft den Überprüfungsaufwand nicht wert sind. Warum dieses System nicht schamlos ausnutzen und zum Nulltarif kreativ werden?

Carbon and Captivity
Ein in vier Kapitel geteilter Kurzfilm über den Klimawandel. Das erste, das dritte und das vierte Kapitel sind Landschafts- und Fabrikaufnahmen mit Voice-Over, im ersten wird ein Brief an die Söhne des Regisseurs verlesen und in Kapitel drei und vier wird in sprachlich poetischer Form über die Auswirkungen auf unseren Planten gesprochen. Im zweiten Kapitel wird ein Fabrikmitarbeiter interviewt. Eine Mischung aus Dokumentarfilm und Lesung, die gesammelte Information ist grundsätzlich interessant, der Film schafft es jedoch nicht die volle Aufmerksamkeit des Zusehenden zu gewinnen, da das Voice Over mit der sanften Stimme eher zum Abschweifen als zum Zuhören einlädt.

The Institute
Der Regisseur führt ein Interview mit Brigitte Baptiste, der Direktorin des Alexander von Humboldt Biological Resources Research Institute in Kolumbien, über die Wichtigkeit von Biodiversität. Es werden abwechselt das Interview, die Landschaft und Zeichnungen von Zellen, Lebewesen und Organismen gezeigt. Der ganze Film ist animiert, der Inhalt des Interviews spannend und die Bilder von schön bis spektakulär, in Conclusio lehrreich und ästhetisch ansprechend.

Food Speculations
Ausschnitte aus verschiedenen, bereits vorhandenen Filmen die irgendwie in Verbindung zu Essen stehen werden nach einander geschnitten. Die Szenen springen sehr hektisch hin und her, jedoch sind die Szenen miteinander extrem passend verbunden, zwischen jedem Cut ist eine klare Verbindung gezogen, so dass mit all diesen unterschiedlichen Filmen ein zusammenhängender Rahmen entsteht. Für schwache Nerven und flaue Magen ist der Film nichts, da auch sehr grausame Schlachtungs- und Tierhaltungsszenen gezeigt werden. Spätestens nach diesen Bildern will man definitiv vegan werden.

Einen kleinen Tipp am Rande: Wenn man schon mal in Graz ist, muss man fast auch in die Scherbe essen gehen – das ist fast so, als ob man in Linz während dem Crossing Europe nicht ins gelbe Krokodil geht. Aber gerade wenn viel in der Stadt los ist, ist es ratsam hier vorher zu reservieren. Was auch schön, ist wenn mitten in einem Festival sich die Ausgangzeiten ändern und man plötzlich auch noch bis 24.00 Uhr unterwegs sein kann.

Diagonale/Sebastian Reiser

Jessica Hausner: Lovely Rita und Flora und Toast

Das Gesamtwerk Jessica Hausners wurde dieses Jahr als eigene Programmschiene gezeigt, um sie und ihr Werk auszuzeichnen. Eröffnet wurde das Programm Zur Person: Jessica Hausner mit Flora und Lovely Rita. Vor ihren beiden finessenreichen adoleszenten Frauenportraits wurde statt des diesjährigen Trailers der von 2006 gezeigt, dieser trägt den Namen „Toast“ und wurde von Jessica Hausner gemacht.

Another Coin for the Merry Go Around

Ein Film über Freundschaft und das Erwachsenwerden. Ein Generationsportrait spielend in der Underground-Musikszene Wiens, vier Freunde Ende zwanzig zwischen Drogen, Musik, Freundschaft, Liebe kämpfen mit ihrer eigenen mentalen Gesundheit und ihrer Lebensrealität. Ein älterer Herr aus dem Publikum meinte, er verstehe jetzt die Jugend ein Stück besser. Lebensnah und Low-Budget gefilmt mit wunderbarem Soundtrack.

Hochwald

Das Spielfilmdebüt von Evi Romen handelt von Mario, der in einem Südtiroler Bergdorf aufgewachsen ist und bei einem Terroranschlag in einer Bar in Rom seinen besten Freund Lenz verloren hat. Mario ist eine schon vor dem Anschlag sehr unstabile Persönlichkeit und muss nun mit der Trauer und dem Hass bzw. den Schuldzuweisungen der Familie des Opfers umgehen lernen. Um mit der Situation besser leben zu können schließt er sich einer muslimischen Glaubensgemeinschaft an. Der Film ist großartig in der Umsetzung der Verzweiflung und der komplexen Story und hat somit seinen Kinostart im Herbst mehr als verdient.

Hochwald © AMOURFOU / Take Five / Flo Rainer

Bevor es dann später in den Gassen von Graz zu einem quasi Klassentreffen der österreichischen Filmfestivalszene kam, gab es im Orpheum davor unter dem Namen „Club Diagonale“ noch eine feine Auswahl an Musikvideos und eine Live-Vertonung des Filmes „The fortune you seek is in another Cookie“.

Für einige endete das Festivalerlebnis bereits schon frühzeitig am Samstag, der Rest unserer Redakteure war noch fleißig und nützte bis zum Ende die Chance, um großartige österreichische Produktionen auf der Leinwand genießen zu könne.

The Bubble

Was machen 155.000 Amerikanerinnen und Amerikaner im besten Alter gemeinsam in Florida? Sie genießen ihre Pension in den „Villages“. Die pseudo-dörfliche Struktur lockt jedes Jahr zig Menschen im Alter ab 55 Jahren aus dem kalten Norden in dieses kommerzielle Stadtentwicklungsprojekt, welches perfektes tropisches Wetter, 54 Golfplätze, 70 Swimmingpools und 96 Freizeitzentren bietet. Ein Haus reiht sich an das nächste, Felder und Wälder werden für Erweiterung von der Betreiberfima aufgekauft und so verbrauchen die Villages mittlerweile die doppelte Fläche von Manhattan. Golfmobile sind das Vehikel der Wahl und ein eigener Radiosender (von Fox News) beschallt die öffentlichen Plätze – „We know we’re in a bubble. But it’s a nice bubble“, sagt eine der Bewohnerinnen. Regiesseurin Valerie Blankenbyl lässt auch die Gegner dieses gigantischen Projekts zu Wort kommen, die sich sich immer mehr an den Rand gedrängt fühlen. Öffentliche Straßen werden mit Schranken abgetrennt, die Bewässerungsanlagen für die tausenden Gärten lassen den Grundwasserspiegel sinken und führen zu geologischen Problemen, und die einzigartige Flora und Fauna im Sumter County droht ausgerottet zu werden. Auch die Dreharbeiten stoßen nicht auf viel Gegenliebe, denn republikanische Wohfühlenklave möchte doch nur in Ruhe gelassen werden und wirbt mit dem Slogan „Floridas Friendliest Hometown!

 

Kurzdokumentarfilm Programm 5

Drei Regisseurinnen erzählen auf unterschiedliche Art, aber immer sehr persönlich, ihre Familiengeschichte.

Jesus, Aliens ! I Think
Sophie Bösker, die Regisseurin, fährt im ersten Lockdown zu ihren Eltern in den Allgäu. Sie wollte eigentlich einen fiktiven Film über 5G und Aliens drehen, durch die Maßnahmen gezwungen diesen Film mit ihrer Familie zu drehen. Die nun gezeigte Doku ist aber dann das Making-Off des ursprünglichen Projekts geworden, mit zusätzlich Einblick in die Familiendynamik. Ein humoristischen Familienportrait, welches man sich gerne ein weiteres Mal anschaut.

Genosse Tito, ich erbe
Die Regisseurin, Olga Kosanovic, fährt im Sommer mit ihrem Bruder zu deren serbischen Großeltern. Die Großeltern überlegen was einmal mit ihrem Land, Olgas Erbe, passieren soll. Zusätzlich zu Interviews und Familienaufnahmen begleitet uns ihr Voice-Over durch den Film, in diesem spricht sie mit Tito, was sie ihn gerne fragen würde um ihre Herkunft besser zu verstehen. Der Film ist ein stimmiges Familien- und Generationsportrait und die Frage nach dem eigenen Ursprung und Identität.

Was eine Familie leisten kann
Die Regisseurin erzählt über ein Voice-Over von ihrer Jugend, ihrem Vater und ihrer Mutter. Auf der Leinwand werden in Zeitlupe Schwarz-Weiß-Aufnahmen gezeigt. Der Film ist sehr dramatisch und wird durch die Aufnahmen noch ein Stück abstrakter. Eine sehr persönliche Revue auf ihre nicht sehr liebevolle Jugend.

Club Diagonale Dorian concept x prcls + Musikprogramm 2

Endlich wieder Club-Musik mit Live Performance, das einzige was schade daran war dort zu sein ist es, nicht aufstehen zu können um zu Tanzen.

Niko Havranek

Wie jedes Jahr freuen wir uns, Teil des wunderbaren Festivals zu sein, wobei gerade heuer nach so langer Pause es besonders schön ist, wieder in eine „fremde“ Stadt reisen zu können, um sich dort von vielen wunderbaren Filmen inspirieren zu lassen und Einblicke in anderen Lebensbereiche zu bekommen. Und um es mit dem Worten der Festivalintendanten zu sagen: „Endlich wieder Kino“!

 

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