Wash the pain away: LAVAGEM bei den Wiener Festwochen

Ein Hauch Rio de Janeiro in Brigittenau: „Lavagem“ (Waschen auf Portugiesisch) nennt sich das Stück von Choreografin Alice Ripoll aus Brasilien, welches im Rahmen der Wiener Festwochen im 20. Wiener Gemeindebezirk aufgeführt wird. Sechs Performerinnen säubern, reinigen und waschen sich gegenseitig und auch sich selbst und das Publikum kriegt in den ersten Reihen obendrein sein Hygiene-Fett weg, wenn das Wasser spritzt. Eine nasse, äußerlich wie innerliche Läuterung zwischen blauen Planen, roten Kübeln und weißen Putztüchern.

© Renato Mangolin

Schweiß, der von den Körpern runterrinnt. Intimität, körperliche Nähe, Sexualität, aber auch Freundschaft und Brüderschaft. „Lavagem“ betört, fasziniert, hypnotisiert. Der Tumult beginnt damit, dass sich das Sextett der Gruppe Cia REC in einer großen blauen Plane auf der ebenerdigen Bühne mitten im Raum des brut nordwest einfindet. Unweigerlich kommt der schwedische Möbelriese einem in den Sinn. Die Tänzer befreien sich anschließend, falls sie überhaupt Gefangene waren, toben, schlagen mit der Plane um sich, finden zusammen und stoßen sich wieder ab, wie Plus und Minus, und winden sich wie in einer kollektiven Symbiose durch den Raum.

„Haut nah“

Die Körper des Ensembles greifen und verstricken sich dann ineinander, formen Konstrukte, Objekte, in denen einer oder gleich mehrere von ihnen hindurchgleiten und flutschen wie bei einer Geburt oder einer Reinkarnation. Ein Akt der Befreiung. Die Tänzer und Tänzerinnen greifen zu ihren Kübeln, seifen sich ein, teilen auch mit dem Publikum, lassen es an dieser Reinlichkeit-Katharsis teilhaben. Es funktioniert wie ein Ritual und körperliche Reinlichkeit im Alltag hat spätestens aufgrund der Corona-Pandemie einen gesellschaftlichen Stellenwert wie nie zuvor. „Lavagem“ spült als Waschprozess-Performance Überlegungen an die Oberfläche, inwieweit körperliche Sauberkeit und Vorstellungen über moralische und ethische Reinheit miteinander verbunden sind. Der Schmutz von gestern, als körperliche Erfahrung zum Leben erweckt, zumindest für feuchte 80 Minuten ad acta gelegt.

© Renato Mangolin

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